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Über sich selbst lachen – Katherine Mansfield, Özlem Ayduk und der Logenplatz im eigenen Leben

Last updated on 16/06/2026

Über sich selbst lachen zu können ist keine Charakterzierde, sondern angewandte Emotionsregulation: Die Forschung von Özlem Ayduk und Ethan Kross zeigt, dass schon der Wechsel auf einen inneren Beobachterplatz die emotionale und sogar die Herz-Kreislauf-Reaktion auf belastende Erinnerungen dämpft. Und die Humorforschung ergänzt eine wichtige Grenze: Es kommt darauf an, WIE wir über uns lachen.

„It is of immense importance to learn to laugh at ourselves.“ – Es ist von immenser Bedeutung, zu lernen, über uns selbst zu lachen.
— Katherine Mansfield, Tagebucheintrag Oktober 1922 (veröffentlicht im Journal of Katherine Mansfield, 1927)

Dieses Zitat ist – erfreulich selten bei berühmten Sätzen – mit Quelle belegbar. Katherine Mansfield (1888–1923), geboren in Neuseeland, gehört zu den prägenden Erzählerinnen der Moderne; Virginia Woolf notierte über sie den vielleicht größten Satz unter Kolleginnen: Mansfields Schreiben sei das einzige gewesen, auf das sie je eifersüchtig war. Mansfields Leben war alles andere als komisch: das Zerwürfnis mit dem Vater, der ihre Leidenschaft nicht trug, Enttäuschungen in Beziehungen, Geldnot, Vereinsamung in einer männerdominierten Literaturszene – und die Tuberkulose, an der sie mit nur 34 Jahren starb. Den Tagebuchsatz über das Lachen schrieb sie wenige Monate vor ihrem Tod. Genau das gibt ihm sein Gewicht.

Warum es so schwer ist – und was dabei hilft

Warum fällt uns das Lachen über uns selbst so schwer? Meist können wir erst lachen, wenn wir Abstand haben. Mitten in der Enttäuschung stecken wir in der Szene – wie Schauspieler:innen, denen die eigene Szene nie komisch vorkommt, solange sie in der Rolle sind.

Die Psychologinnen-Forschung dazu heißt Self-Distancing: Özlem Ayduk (UC Berkeley) und Ethan Kross haben gezeigt, dass Menschen, die belastende Erinnerungen aus einer beobachtenden Distanz betrachten – wie eine Fliege an der Wand, wie aus der Theaterloge –, weniger grübeln, emotional weniger aufwühlen und sogar geringere Herz-Kreislauf-Reaktionen zeigen als Menschen, die die Szene aus der Ich-Perspektive wiedererleben (Ayduk & Kross 2010). Der Beobachterplatz ist kein Verdrängen: Man schaut ja hin – nur eben von weiter oben. Genau dort, auf dem Logenplatz, wird manches zum ersten Mal komisch (und Grübeln verliert seinen Griff, vgl. → Artikel „Das Gänseblümchen im Asphalt“).

Die wichtige Grenze: Worüber wir lachen – und wie

Die Humorforschung von Rod Martin und Kolleg:innen unterscheidet vier Humorstile – und zwei davon betreffen das Selbst: selbststärkender Humor (das Leben und die eigenen Stolperer mit warmem Blick komisch finden) hängt mit Wohlbefinden zusammen; selbstabwertender Humor (sich zur Zielscheibe machen, um zu gefallen) dagegen mit geringerem Selbstwert und mehr Belastung (Martin et al. 2003). Über sich selbst lachen heißt also nicht, sich kleinzumachen. Es heißt, sich von der Loge aus liebevoll zuzusehen – der Unterschied ist derselbe wie zwischen Selbstmitgefühl und Selbstkritik (vgl. → Artikel „Selbstmitgefühl nach Kristin Neff“). Mansfield lachte mit sich, nicht gegen sich.

Was das praktisch bedeutet

Aus Erfahrung weiß ich: In Teams ist die Fähigkeit, über die eigene Panne zu schmunzeln, ein unterschätzter Sicherheitsanker – wer sie vorlebt, senkt die Kosten des Fehlermachens für alle. Und im Einzelnen gilt: Die distanzierte Selbstansprache – sich beim Namen nennen, sich von außen befragen – reguliert nachweislich mit (vgl. → Artikel „Wenn Worte unter die Haut gehen – Naomi Eisenberger“, wo diese Technik im Einsatz zu sehen ist).

Wie Humor und Leichtigkeit auch in schwierigen Gesprächen Platz finden, ohne jemanden zu beschämen, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Praxis: Der Logenplatz

Eine Imaginationsübung für den Abend nach einem Tag mit Stolperer, fünf Minuten:

  1. Wähle eine Situation von heute, über die Du Dich geärgert oder geschämt hast – eine kleine, keine Wunde.
  2. Setze Dich innerlich in die Theaterloge: Du siehst die Szene unten auf der Bühne, mit Dir selbst als Figur. Beschreibe sie Dir in der dritten Person: „Stephanie steht da, der Kaffee kippt …“
  3. Suche ein Detail, das von hier oben liebevoll-komisch ist – die Zeitlupe des Missgeschicks, die feierliche Miene davor.
  4. Prüfe zum Schluss: Lache ich gerade mit der Figur – oder über sie? Nur das Erste ist die Übung.

Wenn nichts komisch werden will: auch in Ordnung. Dann war heute ein Tag für Mitgefühl statt Humor – die Loge funktioniert für beides.

Zum Schluss

Mansfield schrieb ihren Satz im Angesicht einer Krankheit, die ihr kaum Zeit ließ. Wenn sie es da lernen konnte, können wir es bei verschüttetem Kaffee allemal. Mut tut gut – auch der Mut, über sich selbst zu lachen.

Quellen:

  • Mansfield, K. (1927): The Journal of Katherine Mansfield. Hrsg. J. Middleton Murry, Constable, London. (Eintrag Oktober 1922)
  • Ayduk, Ö. & Kross, E. (2010): From a distance: Implications of spontaneous self-distancing for adaptive self-reflection. Journal of Personality and Social Psychology, 98(5), 809–829. DOI: 10.1037/a0019205
  • Martin, R. A., Puhlik-Doris, P., Larsen, G., Gray, J. & Weir, K. (2003): Individual differences in uses of humor and their relation to psychological well-being: Development of the Humor Styles Questionnaire. Journal of Research in Personality, 37(1), 48–75.
  • Woolf, V.: The Diary of Virginia Woolf, Bd. 2 (Eintrag 1923 zu Mansfield). Hogarth Press.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Zusammenfassung: Katherine Mansfields belegter Tagebuchsatz über das Lachen über sich selbst bekommt durch die Self-Distancing-Forschung von Özlem Ayduk und Ethan Kross eine empirische Grundlage – der innere Beobachterplatz dämpft Grübeln und sogar Herz-Kreislauf-Reaktionen –, während die Humorstil-Forschung die Grenze zieht: Selbststärkender Humor nährt, selbstabwertender schadet. Die Logenplatz-Übung trainiert genau diesen warmen Abstand: mit sich lachen, nicht gegen sich.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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