Last updated on 30/08/2026
Negatives wirkt stärker als Positives – dieser Befund zieht sich so gleichmäßig durch die Psychologie, dass Roy Baumeister und drei Kolleginnen ihn 2001 zum Grundprinzip erklärten: „bad is stronger than good“. Gleichzeitig sind wir für das Kommende zu zuversichtlich: Tali Sharot zeigte, dass unser Gehirn gute Nachrichten bereitwilliger einbaut als schlechte. Wir sehen die Gegenwart also zu düster und die Zukunft zu hell – und das Gute im Heute zu bemerken ist deshalb keine Stimmung, sondern eine Fähigkeit.
Wunder sind meist kleiner und leiser, als das Wort vermuten lässt: das Aufwachen, der eigene Herzschlag, ein Baum, der im Frühjahr wieder austreibt, eine Begegnung, die einen Tag dreht. Nichts davon ist selten. Selten ist nur, dass wir es bemerken.
Zwei Verzerrungen, die gegeneinander arbeiten
Dass uns das Schöne entgeht, ist kein Charakterfehler, sondern Bauart. Roy Baumeister, Ellen Bratslavsky, Catrin Finkenauer und Kathleen Vohs haben 2001 zusammengetragen, wie durchgängig ein Muster durch die Forschung läuft: über Alltagserlebnisse, Beziehungen, Lernen und Eindrücke von anderen Menschen hinweg wiegt Schlechtes schwerer als Gutes. Ihr Titel ist selbst zum Merksatz geworden – bad is stronger than good. Evolutionär ist das plausibel: Wer eine Gefahr übersah, zahlte teurer als wer eine Blüte übersah.
Interessant wird es, wenn man dieser Verzerrung eine zweite gegenüberstellt. Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot hat mit Christina Korn und Raymond Dolan untersucht, wie Menschen ihre Erwartungen anpassen, wenn neue Information dazukommt. Das Ergebnis: Gute Nachrichten arbeiten wir bereitwillig ein, schlechte deutlich zögerlicher – und im Gehirn zeigte sich, dass die Regionen, die Erwartungen aktualisieren, bei unerwünschter Information schwächer antworten. Deshalb bleibt unser Bild von der eigenen Zukunft hartnäckig freundlicher, als die Statistik es erlaubt.
Beides zusammen ergibt eine merkwürdige Schieflage. Das Heute bekommt den strengen Blick, das Morgen den milden. Die kleinen Wunder fallen genau in diese Lücke: Sie geschehen in der Gegenwart – dort, wo unser Filter am schärfsten eingestellt ist.
Bemerken ist eine Fähigkeit, keine Stimmung
Was hilft dagegen? Die Psychologin Nancy Fagley (Rutgers University) hat untersucht, woraus Wertschätzung eigentlich besteht. Sie unterscheidet acht Facetten – darunter Dankbarkeit, Ehrfurcht, Rituale, Gegenwärtigkeit und den Blick auf das Vorhandene. In ihrer Untersuchung mit 236 Studierenden erklärte Wertschätzung neun Prozent zusätzlicher Unterschiede im positiven Empfinden, nachdem Persönlichkeit und Lebensumstände bereits herausgerechnet waren.
Aufschlussreich ist, welche der acht Facetten dabei als einzige eigenständig ins Gewicht fiel: der have focus – das Bemerken und Wertschätzen dessen, was da ist. Nicht das Gefühl der Dankbarkeit trug den Effekt, sondern der schlichte Akt des Hinschauens. In einer früheren Arbeit hatte Fagley bereits gezeigt, dass Wertschätzung die Lebenszufriedenheit sogar über Dankbarkeit hinaus vorhersagt: Die beiden sind verwandt, aber nicht dasselbe.
Das ist die praktisch bedeutsame Nachricht. Bemerken hängt nicht daran, ob jemand ein fröhlicher Mensch ist – es ist eine Ausrichtung der Aufmerksamkeit, und die lässt sich üben (vgl. Wer ganz genießt, lebt wirklich – die fünf Gesichter des Genusses und Glück durch Schönheit – Lani Shiota und die Kunst, Schönes zu entdecken).
Warum das in Organisationen eine Führungsfrage ist
Aus Erfahrung weiß ich, wie einseitig der organisationale Blick eingestellt ist. Besprechungen beginnen bei den Abweichungen, Berichte listen Risiken, Retrospektiven suchen Verbesserungspotenzial. Nichts davon ist falsch – es ist die Aufgabe. Aber wenn niemand ausspricht, was gelingt, entsteht ein Bild, das die Wirklichkeit systematisch untertreibt. Und es entstehen Menschen, die den Eindruck haben, ihre Arbeit falle nur auf, wenn sie schiefgeht.
Der Hebel dagegen ist unspektakulär: das Gelungene benennen, konkret und ohne Lobrede. Nicht „tolle Arbeit“, sondern „dass die Abstimmung mit dem Nachbarbereich diesmal vor der Eskalation lief, ist neu“. Das Konkrete lenkt die Aufmerksamkeit, das Allgemeine verpufft (vgl. Was einen Tag wirklich erfüllt – die Kraft der kleinen Momente).
Praxis: Eine Woche sammeln
Diese Übung verlangt keine Disziplin am Abend, sondern nur eine Kamera – Dein Telefon genügt.
Nimm Dir sieben Tage. Fotografiere pro Tag genau ein Ding, das Dir schön oder erstaunlich vorkam. Dann lass es dabei bewenden: kein Kommentar, keine Notiz, kein Teilen. Ein Bild, weiter.
Der Sinn liegt nicht in den Bildern. Er liegt darin, dass Du den Tag über nach einem Motiv suchst – und damit den Filter umstellst, ohne Dich zu ermahnen. Wer sucht, sieht anders als wer sich vornimmt, dankbar zu sein.
Am achten Tag legst Du die sieben Bilder nebeneinander. Zwei Fragen dazu: Was davon wäre Dir ohne die Übung entgangen? Und wovon gibt es mehr, als Du gedacht hättest?
Zum Schluss
Eine Beobachtung: Menschen, die einige Wochen fort waren, beschreiben ihre eigene Wohnung anders als sonst – das Licht im Flur, die Höhe der Räume, das Geräusch der Heizung. Verändert hat sich nichts außer der Dauer der Abwesenheit. Wer zurückkommt, sieht für ein paar Stunden das, was allen anderen zur Tapete geworden ist.
Die kleinen Wunder brauchen keine Reise. Sie brauchen nur den Blick von jemandem, der gerade angekommen ist.
Wie Wahrnehmung und Deutungsmuster unser Erleben formen – und wie sich das in Gesprächen zeigt –, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98* (*Affiliate-Link)
Quellen
- Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C. & Vohs, K. D. (2001): Bad Is Stronger Than Good. Review of General Psychology, 5(4), 323–370. DOI: 10.1037/1089-2680.5.4.323
- Sharot, T., Korn, C. W. & Dolan, R. J. (2011): How unrealistic optimism is maintained in the face of reality. Nature Neuroscience, 14(11), 1475–1479. DOI: 10.1038/nn.2949
- Fagley, N. S. (2018): Appreciation (Including Gratitude) and Affective Well-Being: Appreciation Predicts Positive and Negative Affect Above the Big Five Personality Factors and Demographics. SAGE Open, 8(4). DOI: 10.1177/2158244018818621
- Fagley, N. S. (2012): Appreciation uniquely predicts life satisfaction above demographics, the Big 5 personality factors, and gratitude. Personality and Individual Differences, 53(1), 59–63. DOI: 10.1016/j.paid.2012.02.019
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung
Zusammenfassung: Wir übersehen das Gute, weil zwei Verzerrungen gegeneinander arbeiten – Negatives wiegt in der Gegenwart schwerer (Baumeister u. a. 2001), während wir die Zukunft zu freundlich einschätzen (Sharot, Korn & Dolan 2011). Nancy Fagleys Untersuchungen zeigen, dass ausgerechnet der schlichte Blick auf das Vorhandene – der have focus – das Wohlbefinden eigenständig vorhersagt: Bemerken ist trainierbar, und eine Woche mit einem Bild pro Tag genügt, um den Filter umzustellen.

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