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Der Freihafen – Amy Edmondson und die Wissenschaft des unverzollten Gedankens (Teil 1/3)

Last updated on 01/08/2026

Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, prüfte 1999 an 51 Arbeitsteams eines Produktionsunternehmens, was Lernen in Organisationen überhaupt möglich macht. Sie nannte es psychologische Sicherheit: die geteilte Überzeugung, dass ein Team sicher ist für zwischenmenschliche Risiken. Was in keiner Definition steht, liefert ein Ort in Hamburg – der Zollausschluss der Speicherstadt, in dem eine Ware ankommen durfte, ohne sofort verzollt zu werden. Dieser Beitrag verbindet beides und endet mit einer Beobachtungs-Übung für eine Arbeitswoche.

Ein Ort, an dem nichts sofort zählt

Die Speicherstadt in Hamburg, gebaut ab 1883, lag im Freihafen. Der zollrechtliche Fachbegriff dafür lautet Zollausschluss: ein Gebiet, das zum Staatsgebiet gehört, aber nicht zum Zollgebiet. Kaffee, Tee, Gewürze und Kakao lagerten dort körperlich in Deutschland und zollrechtlich außerhalb.

Vereinbart wurde das im Zollanschlussabkommen vom 25. Mai 1881 zwischen Hamburg und dem Deutschen Reich. Hamburg trat dem deutschen Zollgebiet bei, behielt aber eine Fläche, auf der das alte Privileg der Kaufleute weitergalt: Importgüter zollfrei zu lagern, zu veredeln und zu verarbeiten. Solange die Ware im Zollausschluss blieb, konnte eine Einfuhrzollschuld gar nicht erst entstehen. Sie entstand erst, wenn jemand die Ware herausnahm und ins Zollgebiet brachte.

Das war kein Entgegenkommen, sondern eine Konstruktion. Man hatte verstanden: Wenn jede Ware im Moment des Anlandens endgültig verzollt wird, kommt weniger an.

In Organisationen begegnet mir aus Erfahrung dauernd das Gegenteil. Ein Gedanke wird ausgesprochen und ist damit eine Position. Eine Frage wird gestellt und ist damit ein Zweifel am Projekt. Ein „ich bin mir nicht sicher, ob das trägt“ landet im Protokoll und gehört ab da der Person, die es gesagt hat. Alles wird beim Anlanden verzollt – und dann wundern wir uns, dass so wenig ankommt.

Was Amy Edmondson gemessen hat

Edmondsons Definition von psychologischer Sicherheit ist knapp: die geteilte Überzeugung, dass ein Team sicher ist für zwischenmenschliche Risiken. Welche Risiken das sind, hat sie 2003 benannt – vier Befürchtungen mit demselben Kern: als unwissend, als unfähig, als negativ oder als störend dazustehen. Ausgelöst werden sie von unspektakulären Handlungen: eine Frage stellen, um Hilfe bitten, einen Fehler melden, einen Vorschlag machen.

Drei Jahre vor der Teamstudie hatte Edmondson auf Krankenhausstationen einen Befund gefunden, den viele zunächst für einen Auswertungsfehler hielten. Stationen mit der besseren Führung, mehr Coaching und den besseren Beziehungen meldeten mehr Medikationsfehler – nicht weniger. Sie liest das nicht als schlechtere Arbeit, sondern als bessere Sichtbarkeit, und sagt zugleich offen, dass sich tatsächliche und entdeckte Fehler in diesen Daten nicht restlos trennen lassen. Genau diese Offenheit macht den Befund für mich stärker, nicht schwächer.

Wichtig ist mir dabei, was psychologische Sicherheit nicht ist. Sie bedeutet nicht, dass niemand beurteilt wird. Edmondson besteht darauf, dass es nicht um Nettsein geht, sondern um offenes Feedback und das Zugeben von Fehlern. Ein Team ohne Urteil wäre nicht sicher, sondern folgenlos.

Was der Zollausschluss hinzufügt

Psychologische Sicherheit wird meist als Fehlerfreundlichkeit erzählt: Du darfst dich irren. Der Zollausschluss liefert etwas, das ich in keiner Definition finde – das Recht auf den Rückzug.

Die Ware im Freihafen konnte wieder ausgeführt werden, ohne dass je eine Abgabe fällig wurde. Sie war da gewesen, dann war sie es nicht mehr, und es blieb nichts hängen. Genau das fehlt den meisten Besprechungen. Nicht das Recht auf den Fehler, sondern das Recht, einen Gedanken zurückzunehmen. Was ich äußere und zwanzig Minuten später verwerfe, sollte mich nichts kosten. Es sollte mir nicht in der nächsten Runde vorgehalten werden. Es sollte nicht ins Protokoll.

Wer sichtbar machen will, wo solche Gedanken in einer Organisation tatsächlich fließen, findet den Anschluss im nächsten Teil dieser Reihe (siehe → Artikel zu Die Schmuggelpfade). Und wer wissen will, was es kostet, wenn eine solche Zone aufgehoben wird, im dritten (vgl. Artikel zu Kehrwieder).

Praxis: Fünf Tage Zollprotokoll

Eine Beobachtungs-Übung, kein Umbau. Du veränderst in dieser Woche nichts – Du schaust nur hin. Nimm Dir ein Blatt oder eine Notiz-App und führe es fünf Arbeitstage lang mit.

  • Was wurde verzollt? Notiere Momente, in denen ein halbfertiger Gedanke sofort zu einer Position wurde – festgehalten, protokolliert, zugeordnet.
  • Wer hat verzollt? Nicht als Vorwurf. Oft ist es niemand Bestimmtes, sondern eine Gewohnheit: das Protokoll, die Nachfrage, der Blick.
  • Was ist gar nicht erst angelandet? Der schwierigste Punkt. Achte auf Momente, in denen Du selbst etwas nicht gesagt hast – und schreib daneben, welche der vier Befürchtungen es war.
  • Wo gab es eine Zone? Auch das kommt vor. Ein Flurgespräch, eine Runde ohne Protokoll, ein Zweiergespräch. Halte fest, was diesen Moment möglich gemacht hat.

Am Freitag liest Du die fünf Tage am Stück. Du wirst kein Urteil brauchen – das Muster steht dann meist schon da.

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell kann als Vorstufe dienen: ein Ort, an dem ein Gedanke ankommt, bevor er ins Team geht. Ein Prompt, der dafür trägt: „Ich habe eine unfertige Idee. Stell mir drei Fragen dazu, statt sie zu bewerten.“ Der Punkt ist nicht die Antwort, sondern dass Du den Gedanken einmal formuliert hast, ohne dass er jemandem gehört.

Zwei Grenzen gehören dazu. Erstens ersetzt das die Zone im Team nicht – es umgeht sie. Wenn ich meine halbfertigen Gedanken nur noch der Maschine erzähle, ist das ein Symptom, kein Fortschritt. Zweitens ist ein KI-Chat kein geschützter Raum im arbeitsrechtlichen Sinn: Was dort hineingeht, unterliegt den Regeln des jeweiligen Anbieters und Deines Hauses. Unfertige Gedanken über Menschen gehören dort nicht hinein.

Wenn die Zone aufgehoben wird

Zwischen 2003 und 2004 wurde die Speicherstadt aus dem Freihafengebiet herausgenommen. Der Hamburger Freihafen selbst endete am 1. Januar 2013, beschlossen durch ein Gesetz vom Januar 2011. Die Häuser stehen noch, unverändert, denkmalgeschützt, seit 2015 UNESCO-Welterbe. Aber die Regel, die sie zu dem machte, was sie waren, gibt es nicht mehr.

Zonen verschwinden nicht, weil die Mauern fallen. Sie verschwinden, weil jemand entscheidet, dass man sie nicht mehr braucht – meistens leise, meistens aus nachvollziehbaren Gründen, meistens ohne dass es jemand merkt.

Wenn Du in Deinem Team gerade denkst, dass ohnehin niemand mehr etwas Halbfertiges sagt: Wann wurde bei Euch die Zone aufgehoben – und wer war dabei?

Wie Haltung, Deutungsmuster und Unbewusstes darüber mitentscheiden, was in einem Gespräch überhaupt gesagt werden kann, habe ich in meinem Buch „Erfolgreich Gespräche im Berufsalltag führen“ (Springer Gabler, 2023) ausführlich beschrieben: tidd.ly/4vwIC98*

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Quellen

  • Edmondson, A. C. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999
  • Edmondson, A. C. (1996). Learning from Mistakes Is Easier Said than Done: Group and Organizational Influences on the Detection and Correction of Human Error. Journal of Applied Behavioral Science, 32(1), 5–28. https://doi.org/10.1177/0021886396321001
  • Edmondson, A. C. (2003). Managing the Risk of Learning: Psychological Safety in Work Teams. In M. West (Hrsg.), International Handbook of Organizational Teamwork. London: Blackwell.
  • Edmondson, A. C. (2018). The Fearless Organization. Hoboken: Wiley. (dt.: Die angstfreie Organisation, Vahlen 2020.)
  • Generalzolldirektion / Zoll online: Freizonenverfahren – Allgemeines. www.zoll.de. Rechtsgrundlage Freizonen: Art. 210 lit. b, 238, 243 und 247 Unionszollkodex (VO (EU) Nr. 952/2013); Errichtung in Deutschland: § 20 Zollverwaltungsgesetz.
  • Zollanschlussabkommen zwischen Hamburg und dem Deutschen Reich vom 25. Mai 1881. Gesetz zur Aufhebung des Freihafens Hamburg vom 24. Januar 2011 (BGBl. I S. 50), in Kraft zum 1. Januar 2013.
  • Voss, S. (2023). Erfolgreich Gespräche im Berufsalltag führen. Der Einfluss von Haltung, Deutungsmustern und Unterbewusstsein auf Gesprächssituationen. Wiesbaden: Springer Gabler.

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 5: Lernende Organisation.

Zusammenfassung: Psychologische Sicherheit nach Amy Edmondson meint nicht Urteilsfreiheit, sondern die geteilte Überzeugung, dass ein Team sicher ist für zwischenmenschliche Risiken – und der Hamburger Zollausschluss ergänzt dieses Bild um das Recht, einen Gedanken zurückzunehmen. Wer prüfen will, ob es diesen Raum im eigenen Team gibt, protokolliert eine Woche lang, welche halbfertigen Gedanken sofort zu Positionen werden.

Published inLernende Organisation

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