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Dankbarkeit, wenn es schwer wird – Robert Emmons, die Desirable Difficulties und die Resilienzressource Dankbarkeit

Last updated on 16/06/2026

Dankbarkeit, wenn es einem gut geht, ist leicht – die eigentliche Kunst liegt darin, sie auch in schwierigen Zeiten zu finden. Robert Emmons hat mit seinen Tagebuchstudien gezeigt, dass Dankbarkeit Wohlbefinden, Gesundheit und Optimismus messbar hebt; Alex Wood belegte, dass dankbare Menschen seltener an Depression und Angst leiden; und Robert Bjorks Forschung zu den Desirable Difficulties zeigt, dass Lernen sich nicht trotz, sondern durch Schwierigkeit vertieft. Genau dort, in der Schwierigkeit, wird Dankbarkeit zur Resilienzressource, zur Voraussetzung für Demut und zur entscheidenden Haltung in jedem echten Lernprozess.

„Diese eine Tugend [die Dankbarkeit] ist nicht nur die größte, sondern auch die Mutter aller übrigen Tugenden.“
— Marcus Tullius Cicero, Pro Plancio §80 (54 v. Chr.)

Schon Cicero zählte die Dankbarkeit zur Mutter aller Tugenden – zur Wurzel, aus der Demut, Großzügigkeit und Verbundenheit erst erwachsen. Zweitausend Jahre später ist sie in der Positiven Psychologie als großer Hebel etabliert. Dankbarkeitstagebücher gibt es in allen Formen – gebunden, digital, als App. Sie haben sich von einer spirituellen Praxis zu einer evidenzbasierten Intervention entwickelt.

Wenn es einem gut geht, ist Dankbarkeit einfach. Doch was, wenn das Leben einen anderen Weg geht als gedacht? Dann wird sie herausfordernd. Und genau hier liegt die Kunst: dankbar zu bleiben, wenn die Stürme kommen. Es ist diese Form von Dankbarkeit – nicht die Schönwetter-Variante –, die uns resilient durch schwere Zeiten trägt. Dankbarkeit nach einem schwierigen Gespräch, nach einem Konflikt, nach einer Enttäuschung zu empfinden, ist aufrichtig schwer. Doch sie öffnet das Herz und führt zur Demut – und Demut wiederum ist die Bedingung dafür, inneren Frieden zu finden.

Counting Blessings: Robert Emmons

Robert A. Emmons und Michael E. McCullough (UC Davis, Journal of Personality and Social Psychology 2003) lieferten mit ihrer Studie Counting Blessings versus Burdens die Gründungsarbeit der modernen Dankbarkeitsforschung. In drei experimentellen Studien führten Teilnehmende über Wochen Tagebuch – die einen über Belastungen, die anderen über Dankbares, eine dritte über neutrale Ereignisse. Das Ergebnis: Die Dankbarkeitsgruppe berichtete mehr Wohlbefinden, weniger körperliche Symptome, mehr Optimismus und stärkere Fortschritte bei persönlichen Zielen. Auch in der dritten Studie – mit Menschen, die an einer neuromuskulären Erkrankung litten – zeigten sich messbare positive Effekte. Dankbarkeit ist keine Stimmungsfrage, sondern eine trainierbare Haltung.

Ein eigenständiger Wirkfaktor: Alex Wood

Alex Wood, Jeffrey Froh und Adam Geraghty (Übersichtsarbeit in Clinical Psychology Review 2010) haben in einer breiten Synthese gezeigt, dass dankbare Menschen seltener an Depressionen, Angststörungen und Substanzmissbrauch leiden. Dankbarkeit korreliert robust mit Lebenszufriedenheit, Sinnerleben und sozialer Bindung – und wirkt unabhängig von Persönlichkeitsmerkmalen wie Optimismus oder Extraversion. Sie ist ein eigenständiger Wirkfaktor.

Lernen durch Schwierigkeit: Robert Bjork

Robert A. Bjork (UCLA, Bjork & Bjork 2020) hat mit dem Konzept der Desirable Difficulties empirisch unterlegt, was der konstruktivistische Begriff der Perturbation meint: Lernen vertieft sich nicht trotz, sondern durch Schwierigkeit. Wenn Lernende ihre Routinen verlassen, mit Variabilität konfrontiert werden und Widerstand begegnen, entstehen längerfristige Behaltensleistungen und besserer Wissenstransfer. Aus konstruktivistischer Perspektive (Piaget, von Glasersfeld, Maturana) gilt: Lernen geschieht nur, wenn vorhandene Deutungsmuster verunsichert – pertubiert – werden. Wir lernen, wenn wir herausgefordert werden, nicht, wenn alles glatt läuft.

Was bedeutet das für Learning & Development?

Auch in der Weiterbildung ist die Haltung von Demut und Dankbarkeit entscheidend. Teilnehmende öffnen sich, wenn sie spüren, dass die Begleitperson für ihre Beiträge dankbar ist – egal, wie störend oder kritisch die Themen sind, die kommen. Genau die unbequemen Beiträge sind oft die wertvollsten: Sie zwingen die Lehrenden, eine neue Perspektive einzunehmen, eigene Annahmen zu prüfen und selbst weiterzulernen.

Das ist die paradoxe Verbindung: Dankbarkeit für Schwierigkeit. Demut gegenüber dem, was uns verunsichert. Wer kritische Beiträge nicht als Angriff, sondern als Geschenk versteht, baut Lernräume, in denen sich Menschen wirklich entwickeln.

Praxis: Der Dank im Rückblick

Statt eines täglichen Dankbarkeitstagebuchs – das viele kennen und schnell wieder weglegen – diesmal eine einmalige, tiefere Reflexion. Nimm Dir eine halbe Stunde und denk an eine schwierige Erfahrung aus dem vergangenen Jahr: ein Konflikt, ein Rückschlag, eine Enttäuschung, die Dich beschäftigt hat.

Dann stell Dir nacheinander drei Fragen und schreib die Antworten auf:

  1. Was war konkret schwer daran?
  2. Was hat diese Erfahrung mich – im Nachhinein – gelehrt oder in Bewegung gebracht?
  3. Gibt es etwas daran, wofür ich heute, mit Abstand, dankbar sein kann?

Die dritte Frage lässt sich nicht erzwingen, und manchmal lautet die ehrliche Antwort: noch nicht. Auch das ist ein Ergebnis. Es geht nicht darum, Schweres schönzureden, sondern darum, die Bewegung zu bemerken, die Emmons und Wood beschreiben: dass aus Schwierigkeit, rückblickend betrachtet, oft mehr erwächst, als im Moment sichtbar war.

Auch in meinen beiden Büchern – Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (2023, 👉 tidd.ly/4vwIC98*) und Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (2025, 👉 tidd.ly/4clXpur*, beide Springer Gabler) – zieht sich diese Haltung durch: Jede Situation, auch die schwere, bringt uns Erfahrungen. Dankbarkeit ist der Schlüssel, der diese Schwierigkeit in Wachstum verwandelt. (*Affiliate-Links)

Quellen

  • Cicero, M. T. (54 v. Chr.): Pro Cn. Plancio, §80.
  • Emmons, R. A. & McCullough, M. E. (2003): Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. DOI: 10.1037/0022-3514.84.2.377
  • Wood, A. M., Froh, J. J. & Geraghty, A. W. A. (2010): Gratitude and well-being: A review and theoretical integration. Clinical Psychology Review, 30(7), 890–905. DOI: 10.1016/j.cpr.2010.03.005
  • Bjork, R. A. & Bjork, E. L. (2020): Desirable difficulties in theory and practice. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 9(4), 475–479. DOI: 10.1016/j.jarmac.2020.09.003

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung


Zusammenfassung: Dankbarkeit ist keine Schönwetter-Stimmung, sondern eine trainierbare Haltung, die gerade in schwierigen Zeiten zur Resilienzressource wird – Emmons‘ Tagebuchstudien, Woods Übersichtsarbeit und Bjorks Desirable Difficulties belegen ihre Wirkung auf Wohlbefinden und Lernen. Wer kritische Erfahrungen und unbequeme Beiträge nicht als Angriff, sondern als Geschenk versteht, verwandelt Schwierigkeit in Wachstum.


Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut