Last updated on 16/06/2026
Camus‘ unbesiegbarer Sommer ist kein Trostpflaster, sondern ein Forschungsprogramm: Die Resilienzforscherin Lucy Hone hat nach dem Verlust ihrer Tochter untersucht, was widerstandsfähige Menschen wirklich anders machen – sie akzeptieren, dass Schweres zum Leben gehört, sie lenken ihre Aufmerksamkeit bewusst auch auf das Gute, und sie stellen sich eine einzige Steuerfrage: Hilft mir das gerade – oder schadet es mir?
„In den Tiefen des Winters erfuhr ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt.“
— Albert Camus, Heimkehr nach Tipasa (1952, in: L’Été)
Albert Camus (1913–1960), Nobelpreisträger von 1957, schrieb diesen Satz nicht als Kalenderspruch, sondern als Bilanz eines Lebens voller Brüche – und genau deshalb trägt er. Das Leben ist selten ein Ponyhof; die Kunst besteht darin, sich in den Wintern nicht zu verlieren, sondern die inneren Ressourcen zu aktivieren.
Die drei Jahreszeiten des Inneren
Der Winter als Lehrmeister: Rückschläge, Entbehrung, Einsamkeit. Wie Bäume, die ihre Blätter verlieren und in der Kälte stehen – und genau dort Kraft für neues Wachstum sammeln (vgl. → Artikel „Was niemand uns nehmen kann – Frankl, Eger, Werner“: Resilienz wächst nicht trotz, sondern durch die Auseinandersetzung).
Der Frühling als Hoffnung: Die ersten Anzeichen – sprießende Blüten, Vogelzwitschern – zeigen das Licht am Ende des Tunnels. Übergänge wollen als Übergänge gewürdigt werden, nicht als Stillstand (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg“).
Der Sommer als innere Stärke: Lebensfreude, Energie, Wohlbefinden – die Erfahrung, durch das Dickicht hindurchgewachsen zu sein.
Was die Resilienzforschung dazu sagt
Die neuseeländische Resilienzforscherin Lucy Hone hat ihre eigene Wissenschaft auf die härteste Probe gestellt: Nach dem Unfalltod ihrer zwölfjährigen Tochter prüfte sie, was von den Befunden im Ernstfall trägt (Hone 2017). Drei Gewohnheiten widerstandsfähiger Menschen schälte sie heraus:
- Sie akzeptieren, dass Schweres zum Leben gehört – nicht „Warum ich?“, sondern „Warum nicht auch ich?“. Das ist Camus‘ Winter: kein Skandal, sondern eine Jahreszeit.
- Sie wählen ihre Aufmerksamkeit bewusst – sie blenden das Schwere nicht aus, aber sie suchen aktiv auch das, was gut bleibt (die empirische Mechanik dahinter liefert die Dankbarkeitsforschung, vgl. → Artikel „Die Kraft der Dankbarkeit“).
- Sie fragen sich: „Hilft mir das – oder schadet es mir?“ – die vielleicht praktischste Steuerfrage der gesamten Resilienzliteratur, anwendbar auf Grübelschleifen, Gewohnheiten, sogar Beziehungen.
Resilienz ist demnach kein Charaktergeschenk, sondern ein Bündel erlernbarer Gewohnheiten – ganz wie Camus‘ Sommer keine Temperatur ist, sondern eine Entscheidung über die Blickrichtung.
Praxis: Die Hilft-oder-schadet-Frage
Eine einzige Selbstcoaching-Frage für eine Woche – Hones drittes Werkzeug: Immer wenn Du Dich in einem Winter-Moment ertappst (Grübeln, Doomscrolling, das dritte Wiederkäuen eines Ärgers), stelle still die Frage: „Hilft mir das, was ich gerade tue – oder schadet es mir?“ Keine Selbstverurteilung, nur die Frage. Wenn die Antwort „schadet“ lautet: eine kleine Alternative wählen – ein Gang vor die Tür, ein Anruf, drei Atemzüge. Notiere abends in einem Satz, wann die Frage Dich umgelenkt hat. Bei anhaltend schweren Wintern gilt: Diese Praxis ergänzt professionelle Unterstützung, sie ersetzt sie nicht.
Zum Schluss
Stell Dir den nächsten Februar Deines Lebens vor – nicht den im Kalender, sondern den im Inneren: Welche der drei Gewohnheiten hättest Du dann gern schon drei Monate geübt?
Wie sich innere Ressourcen in schweren Gesprächsphasen aktivieren lassen, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Quellen:
- Camus, A. (1952): Retour à Tipasa. In: L’Été. Gallimard, Paris. (dt.: Heimkehr nach Tipasa, in: Der Sommer. Rowohlt.)
- Hone, L. (2017): Resilient Grieving: How to Find Your Way Through a Devastating Loss. The Experiment, New York.
- Werner, E. E. & Smith, R. S. (2001): Journeys from Childhood to Midlife: Risk, Resilience, and Recovery. Cornell University Press, Ithaca. (Langzeitbeleg der erlernbaren Resilienz; vertieft im Frankl/Werner-Artikel.)
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung
Zusammenfassung: Camus‘ Satz vom unbesiegbaren Sommer in den Tiefen des Winters (Heimkehr nach Tipasa, 1952) findet in Lucy Hones Resilienzforschung seine praktische Übersetzung – widerstandsfähige Menschen akzeptieren Schweres als Teil des Lebens, lenken ihre Aufmerksamkeit bewusst auch auf das Gute und steuern sich mit der Frage „Hilft mir das oder schadet es mir?“. Resilienz ist damit kein Charaktergeschenk, sondern ein Bündel erlernbarer Gewohnheiten.


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