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Die Kunst des Ausruhens – Sabine Sonnentag und warum Erholung Teil der Arbeit ist

Last updated on 16/06/2026

Im Pflegeheim Svartedalen in Göteborg arbeitete das Personal 18 Monate lang nur sechs Stunden am Tag – bei vollem Lohn. Das Ergebnis: weniger Krankheitstage, mehr Aktivitäten für die Bewohner, zufriedeneres Personal. Erholung ist keine Belohnung für getane Arbeit, sondern Teil von ihr. Die Forschung zur Erholung zeigt, woran das liegt – und was wir täglich tun können.

„Die Kunst des Ausruhens ist ein Teil der Kunst des Arbeitens.“
— John Steinbeck zugeschrieben (1902–1968; eine genaue Werkquelle ist nicht belegt)

Ob der Satz wirklich von Steinbeck stammt, ist unsicher – wahr ist er trotzdem. Zu Steinbecks Zeiten waren 10–12 Stunden an sechs Tagen die Regel; die 40-Stunden-Woche war ein hart erkämpfter Sieg der Arbeiterbewegung. Schon damals sank mit kürzerer Arbeitszeit die Unfallquote – durch weniger Ermüdung, höhere Aufmerksamkeit und wachsendes Bewusstsein für Sicherheit und Zufriedenheit.

Was Erholung wirklich bewirkt

Die Erholungsforscherin Sabine Sonnentag hat untersucht, was uns nach der Arbeit wirklich auftanken lässt. Ihr zentraler Begriff ist die psychologische Distanzierung (psychological detachment): das gedankliche Abschalten von der Arbeit in der Freizeit. Wer nicht abschaltet, erholt sich nicht – egal, wie lang die Pause dauert. Vier Zutaten guter Erholung hat Sonnentag (mit Charlotte Fritz) beschrieben: Abschalten, Entspannung, etwas meistern (z. B. ein Hobby) und ein Gefühl von Kontrolle über die eigene Zeit. Erholung ist also kein Nichts, sondern eine aktive Qualität.

Digitalisierung erschwert das Abschalten

Genau dieses Abschalten wird schwieriger. Digitale Erreichbarkeit verwischt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit; oberflächliche Online-Kontakte ersetzen tiefe Bindungen. Plattformen wie LinkedIn machen Likes zum Maßstab für Wertschätzung und erhöhen den Druck, ständig sichtbar zu bleiben. Anerkennung und gute Pausen geraten beide unter die Räder – dabei sind beide entscheidend für Wohlbefinden und Motivation.

Praxis: Mikropausen und ein Abschalt-Ritual

Erholung beginnt nicht im Urlaub, sondern in den kleinen Lücken des Tages:

  • Mikropausen: Geh kurz ans Fenster, dehn Dich, iss einen Apfel – aber bewusst: Geschmack, Geruch, Gefühl. Eine Minute Aufmerksamkeit wirkt mehr als zehn Minuten halb am Handy.
  • Abschalt-Ritual: Markiere das Arbeitsende mit einer festen kleinen Handlung (Rechner zu, kurzer Gang, Musik). Rituale helfen dem Kopf, die Arbeit loszulassen.
  • Erreichbarkeit begrenzen: Lege ein Zeitfenster fest, in dem berufliche Nachrichten ruhen. Distanzierung braucht klare Grenzen.

KI im Lernalltag

So sehr digitale Werkzeuge das Abschalten erschweren, so gezielt lassen sie sich dagegen einsetzen: Lass Dir von Deinem Kalender oder einem Assistenten feste Pausen und ein Arbeitsende blocken – und Benachrichtigungen danach stummschalten. Die kritische Kante: Technik schafft den Rahmen, aber das Abschalten passiert im Kopf, nicht in der App. Kein Tool nimmt Dir die Entscheidung ab, wirklich loszulassen.

Zum Schluss

Nimm die Pausen, die Dir guttun – sie sind kein Leistungsverzicht, sondern seine Voraussetzung. Wann hast Du zuletzt eine Pause gemacht, ohne dabei aufs Handy zu schauen? Vielleicht ist genau das die Kunst, die zur Kunst des Arbeitens gehört.

Wie sich gesunde Arbeitsrhythmen in Organisationen verankern lassen, klingt in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten an (tidd.ly/4clXpur, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Sonnentag, S. & Fritz, C. (2007): The Recovery Experience Questionnaire: Development and Validation of a Measure for Assessing Recuperation and Unwinding From Work. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204–221. DOI: 10.1037/1076-8998.12.3.204
  • Sonnentag, S. (2012): Psychological Detachment From Work During Leisure Time. Current Directions in Psychological Science, 21(2), 114–118. DOI: 10.1177/0963721411434979
  • Svartedalen-Experiment, Göteborg (2015–2016): 6-Stunden-Arbeitstag bei vollem Lohn; weniger Krankheitstage, mehr Aktivität – wegen der Kosten nicht fortgeführt.
  • Steinbeck, J.: „Kunst des Ausruhens“ (zugeschrieben; Werkquelle nicht belegt).
  • Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 4: Wirksames Handeln (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Erholung ist Teil der Arbeit, nicht ihr Gegenteil – der 6-Stunden-Tag von Svartedalen und Sabine Sonnentags Forschung zur psychologischen Distanzierung zeigen, dass echtes Abschalten Gesundheit und Leistung trägt. Mikropausen, ein Abschalt-Ritual und klare Erreichbarkeitsgrenzen machen die Kunst des Ausruhens alltagstauglich.

Published inMut tut gutWirksames HandelnWirksames Handeln

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