Zum Inhalt springen

Staunen macht das Ich kleiner – Dacher Keltner, Jennifer Stellar und die Wissenschaft der Ehrfurcht

Last updated on 15/06/2026

Was als kindliche „Magie“ abgetan wird, trägt in der Psychologie einen nüchternen Namen: Ehrfurcht. Über fünf Studien mit mehr als 2.000 Menschen zeigten Paul Piff und Dacher Keltner, dass Momente des Staunens das eigene Ich spürbar verkleinern – und Menschen danach großzügiger, hilfsbereiter und ehrlicher handeln. Dacher Keltner und Jonathan Haidt beschreiben Ehrfurcht als Reaktion auf etwas Weites, das unsere gewohnten Denkrahmen übersteigt; Jennifer Stellar und Amie Gordon zählen sie zu den Emotionen, die uns über uns selbst hinaus mit anderen verbinden. Staunen ist damit keine Spielerei, sondern eine messbare Brücke vom Ich zum Wir.

„Süße Ruh’, süßer Taumel im Gras, / Von des Krautes Arom umhaucht, / Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut, / Wenn die Wolk’ am Azure verraucht …“

— Annette von Droste-Hülshoff, Im Grase (1844)

Annette von Droste-Hülshoff beschreibt hier kein großes Naturschauspiel, sondern das Versinken im Gras, den Blick in den Himmel, aus dem die Wolke „verraucht“. Genau dort wohnt das Staunen – nicht erst am Grand Canyon, sondern im Alltäglichen. Roald Dahl ließ seine letzte Geschichte mit dem Gedanken enden, dass nur findet, wer an Magie glaubt. Aus Erfahrung trägt dieser Satz mehr Wahrheit, als er zugibt: Als Kind war ich mit meinem Vater oft auf Langlauftouren, und wir haben den verschneiten Bäumen Gestalten angedichtet – mal ein Riese, mal ein Drache. Beim Blick nach oben wurden Wolken zu Hasen. Was damals Spiel war, ist heute erstaunlich gut erforscht.

Was Ehrfurcht auslöst

Dacher Keltner und Jonathan Haidt haben Ehrfurcht 2003 als eigenständige Emotion beschrieben. Zwei Merkmale kennzeichnen sie: eine wahrgenommene Weite – etwas ist größer als wir, räumlich, zeitlich oder gedanklich – und ein „Bedürfnis nach Anpassung“, weil das Erlebte nicht in unsere bisherigen Denkrahmen passt. Lani Shiota und Kolleginnen zeigten, dass die Auslöser vielfältiger sind, als man meint: nicht nur Berge und Sternenhimmel, sondern auch ein Musikstück, eine kluge Idee, das Gesicht eines schlafenden Kindes. Ehrfurcht verändert dabei messbar das Selbstbild – das eigene Ich rückt in den Hintergrund.

Das kleine Selbst

Was dann geschieht, haben Paul Piff und Dacher Keltner über fünf Studien untersucht. Menschen, die zu Staunen neigen, gaben in einem ökonomischen Spiel mehr ab als andere – und zwar über Mitgefühl hinaus. In Experimenten führte herbeigeführte Ehrfurcht zu ethischeren Entscheidungen, mehr Großzügigkeit und stärker gemeinschaftsorientierten Werten. Am eindrücklichsten: Wer zuvor eine Minute lang in einem Hain hoher Eukalyptusbäume nach oben geblickt hatte, half kurz darauf beim Aufsammeln scheinbar zufällig fallengelassener Stifte bereitwilliger – und verhielt sich weniger anspruchsvoll als die Vergleichsgruppe. Der Mechanismus dahinter ist das „kleine Selbst“: Wenn ich mich als Teil von etwas Größerem erlebe, schrumpfen meine eigenen Anliegen, und es entsteht Platz für andere.

Vom Ich zum Wir

Genau hier liegt die eigentliche Pointe – und der Grund, warum Staunen mehr ist als ein privates Wohlgefühl. Jennifer Stellar und Amie Gordon ordnen Ehrfurcht den „selbst-transzendenten“ Emotionen zu: Gefühlen wie Dankbarkeit und Mitgefühl, die den Fokus vom eigenen Vorteil weg und zu anderen hin verschieben. Sie binden uns aneinander. Wer gemeinsam staunt – vor einer Idee, einer Landschaft, einer gelungenen Sache –, erlebt für einen Moment dieselbe Weite. Aus Erfahrung ist das auch in Gruppen spürbar: Der Augenblick kollektiven Staunens ist oft der, in dem aus einem Nebeneinander ein Miteinander wird.

Ein Spaziergang mit anderen Augen

Probier in der kommenden Woche einen einzigen Spaziergang anders: Lass das Telefon in der Tasche und geh los mit der einzigen Aufgabe, Weite zu suchen – etwas, das größer ist als Du. Das kann ein alter Baum sein, die Linie eines Daches gegen den Himmel, das Licht über den Häusern, ein Vogelschwarm. Geh langsamer als sonst. Halte kurz inne, wo Dich etwas anzieht, und frag Dich nicht „Was ist das?“, sondern lass es einfach groß sein. Beim nächsten Mal nimm jemanden mit – und teilt, ohne zu erklären, was euch auffällt. Du wirst merken: Geteiltes Staunen verbindet anders als geteilte Meinung.

Vielleicht ist Reife nicht, die Welt zu durchschauen, sondern sie wieder groß sehen zu können – und sich selbst dabei für einen Moment ganz klein werden zu lassen. In dieser kurzen Verkleinerung des Ichs liegt, was Dahl „Magie“ nannte: kein Entrücken aus der Welt, sondern ein Zurückfinden zu ihr und zu den anderen.

Wie sehr geteiltes Staunen Gruppen trägt, beschäftigt mich auch in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025, 👉 tidd.ly/4clXpur*): Viele partizipative Formate leben genau von dem Moment, in dem eine ganze Gruppe für einen Augenblick dasselbe Große sieht. (*Affiliate-Link)

Quellen

•      Keltner, D., & Haidt, J. (2003): Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion. Cognition and Emotion, 17(2), 297–314. DOI: 10.1080/02699930302297

•      Shiota, M. N., Keltner, D., & Mossman, A. (2007): The nature of awe: Elicitors, appraisals, and effects on self-concept. Cognition and Emotion, 21(5), 944–963. DOI: 10.1080/02699930600923668

•      Piff, P. K., Dietze, P., Feinberg, M., Stancato, D. M., & Keltner, D. (2015): Awe, the small self, and prosocial behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 108(6), 883–899. DOI: 10.1037/pspi0000018

•      Stellar, J. E., Gordon, A. M., Piff, P. K., Cordaro, D., Anderson, C. L., Bai, Y., Maruskin, L. A., & Keltner, D. (2017): Self-transcendent emotions and their social functions: Compassion, gratitude, and awe bind us to others through prosociality. Emotion Review, 9(3), 200–207. DOI: 10.1177/1754073916684557

•      Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler.

#MutTutGut #Staunen #Ehrfurcht #Awe #Verbundenheit

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut