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Die schönste Unvollkommenheit ist die des anderen – Anna Bruk, Brené Brown und die Wissenschaft der gezeigten Verletzlichkeit

Sieben Studien von Anna Bruk, Sabine Scholl und Herbert Bless (2018) zeigen einen verblüffenden Wahrnehmungsfehler: Menschen bewerten die eigene Verletzlichkeit als Schwäche – dieselbe Offenheit bei anderen aber als Mut und Authentizität. Die Forschenden nennen es den „beautiful mess effect“. Für die Zusammenarbeit hat das eine unbequeme Konsequenz: Wir verstecken aus Angst vor Urteil genau das, was beim Gegenüber Vertrauen und Nähe schafft. Wer im Team Unvollkommenheit zulässt, baut keine Schwäche auf, sondern die Voraussetzung für Verbindung.

„Das Erfundene kann vervollkommnet, das Geschaffene nur nachgeahmt werden.“ — Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen (1893)

Das Künstliche lässt sich glattschleifen; das Echte trägt seine Unregelmäßigkeit als Signatur. Genau das ist die Idee hinter dem japanischen Wabi-Sabi, das Leonard Koren als Ästhetik des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unfertigen beschrieben hat. Aus Erfahrung gilt das nicht nur für Dinge, sondern für Menschen in Zusammenarbeit: Das makellos polierte Auftreten erzeugt Distanz, der echte Riss erzeugt Nähe. Die Sozialpsychologie kann inzwischen erklären, warum.

Der blinde Fleck der eigenen Verletzlichkeit

Bruk und ihr Team baten in mehreren Studien Menschen, sich vorzustellen, sie zeigten eine Schwäche – um Hilfe bitten, einen Fehler zugeben, Gefühle offenlegen –, oder sie beurteilten dieselbe Situation bei einer anderen Person. Das Muster war stabil: Aus der eigenen Innensicht wirkt die gezeigte Verletzlichkeit konkret und bedrohlich („peinlich“, „schwach“). Von außen betrachtet wirkt dieselbe Geste abstrakter und positiv („mutig“, „ehrlich“). Erklärt wird die Asymmetrie über die Construal-Level-Theorie: Wir sehen uns selbst im Nahbereich jedes Risikos, andere aus der wohlwollenden Distanz.

Brené Brown hat dieselbe Beobachtung aus jahrelanger qualitativer Forschung auf den Punkt gebracht: Verletzlichkeit erscheine uns als Mut bei anderen und als Unzulänglichkeit bei uns selbst (Brown, Daring Greatly, 2012). Bruks Studien liefern dafür die experimentelle Bestätigung.

Warum das ein Beziehungsthema ist, kein Selbstoptimierungsthema

Die übliche Lesart bleibt beim Ich: „Nimm dich an, wie du bist.“ Das ist nicht falsch – aber es greift zu kurz. Der eigentliche Hebel liegt im Zwischenraum. Wenn meine Unvollkommenheit für mein Gegenüber leichter zu schätzen ist als für mich selbst, dann ist gezeigte Unfertigkeit kein privater Akt der Selbstliebe, sondern ein Beziehungsangebot. Sie senkt die Schwelle, dass auch der andere sich zeigt. Genau hier knüpft das an, was Amy Edmondson psychologische Sicherheit nennt: Teams lernen und leisten besser, wenn niemand fürchten muss, für Fehler und Fragen abgewertet zu werden (vgl. Artikel zu Gesprächsvorbereitung und zu Wertschätzung). Die gekittete Keramik – Kintsugi – ist nicht trotz, sondern wegen ihrer sichtbaren Bruchlinie wertvoll.

Die Grenze: Verletzlichkeit ist keine Strategie

Damit es keine neue Maske wird: Gezeigte Unvollkommenheit wirkt nur, wenn sie echt ist – Goltz würde sagen ungelogen. Kalkulierte „Schwäche“ als Führungstechnik durchschauen Menschen schnell, und sie zerstört Vertrauen schneller als jede Fassade. Und Verletzlichkeit braucht einen tragfähigen Rahmen: Wer Privates in ein unsicheres, abwertendes Umfeld trägt, schützt sich besser. Der „beautiful mess effect“ ist eine Einladung, die eigene Strenge zu hinterfragen – kein Gebot, sich immer und überall zu öffnen.

Praxis: Eine Woche Beobachtung

Diese Woche keine Übung an Dir selbst, sondern eine am Blick auf andere. Achte über sieben Tage gezielt auf Momente, in denen jemand im Beruflichen etwas Unfertiges zeigt: eine Kollegin sagt „das verstehe ich noch nicht“, jemand gibt einen Fehler offen zu, eine Führungskraft sagt „da bin ich unsicher“. Notiere abends in einem Satz: Was hat dieser Moment mit Deinem Vertrauen in die Person gemacht? Am Wochenende liest Du die Notizen am Stück. Mit großer Wahrscheinlichkeit steht dort kein einziges Mal „wirkte schwach“ – sondern „wirkte echt“, „nahbar“, „mutig“. Genau dieses Urteil fällst Du über andere mühelos. Die Frage ist nur, warum Du es Dir selbst verweigerst.

KI im Lernalltag

Eine kurze, kritische Kante zum Werkzeug: KI-Sprachmodelle glätten. Bittet man sie, eine Nachricht „professioneller“ zu machen, verschwinden oft genau die kleinen Unregelmäßigkeiten – das Zögern, das ehrliche „ich weiß es nicht“, die persönliche Wendung –, die laut Bruk Vertrauen schaffen. Nutze KI zum Sortieren und Strukturieren Deiner Gedanken, aber widerstehe der Versuchung, jede menschliche Kante wegzupolieren. Eine perfekt optimierte Nachricht ist das Erfundene, das sich vervollkommnen lässt – und genau deshalb austauschbar wirkt. Frag Dich vor dem Senden: Klingt das noch nach einem Menschen, dem man begegnen möchte?

Wenn andere Deine Risse so wohlwollend sehen wie Du ihre – was zeigst Du als Nächstes?

Du beurteilst die gezeigte Unvollkommenheit anderer fast automatisch als Mut. Die Forschung sagt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit tun andere bei Dir genau dasselbe. Wenn das stimmt – welche kleine, ehrliche Unfertigkeit, die Du bisher verbirgst, würdest Du im nächsten Gespräch sichtbar werden lassen?

Wie sich Verbindung im Gespräch herstellen lässt – vor dem Argument, durch echte statt geglättete Begegnung –, ist eines der Kernthemen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98* (*Affiliate-Link)

Quellen

  • Bruk, A., Scholl, S. G. & Bless, H. (2018): Beautiful mess effect: Self–other differences in evaluation of showing vulnerability. Journal of Personality and Social Psychology, 115(2), 192–205. DOI: 10.1037/pspa0000120
  • Brown, B. (2012): Daring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead. Gotham Books, New York.
  • Edmondson, A. (1999): Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. DOI: 10.2307/2666999
  • Koren, L. (1994): Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers. Stone Bridge Press, Berkeley.
  • Neff, K. D. (2003): Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. DOI: 10.1080/15298860309032

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog


Zusammenfassung: Der „beautiful mess effect“ (Bruk, Scholl & Bless 2018) zeigt, dass wir eigene Verletzlichkeit als Schwäche, dieselbe Offenheit bei anderen aber als Mut und Authentizität bewerten – gezeigte Unvollkommenheit ist deshalb kein Selbstoptimierungs-, sondern ein Beziehungsthema. Wer im Team echte Unfertigkeit zulässt, senkt die Schwelle für andere und schafft die Voraussetzung für Vertrauen und gemeinsames Lernen.

Published inBegegnung und DialogMut tut gut

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