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Authentizität am Arbeitsplatz – Goethe, Herminia Ibarra und das „Von Herzen, aber nicht starr“

Last updated on 16/06/2026

„Denn es muß von Herzen gehen, was auf Herzen wirken soll“, schreibt Goethe im Faust. Doch Authentizität ist kein starrer Kern, den man nur freilegen muss: Die Organisationsforscherin Herminia Ibarra zeigt, dass ein zu festes Selbstbild Wachstum blockiert. Echtheit am Arbeitsplatz heißt, von Herzen zu kommunizieren – und sich zugleich entwickeln zu dürfen.

„Denn es muß von Herzen gehen, was auf Herzen wirken soll.“
— Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil (1832)

In einer Berufswelt, in der Interaktionen oft flüchtig und mechanisch wirken, wird echte Kommunikation kostbar. Wir alle kennen das aufgesetzte Lächeln, das gezwungene Kompliment, den Small Talk, der mehr distanziert als verbindet. Und wir kennen das Gegenteil: das Lachen eines Kindes, die Begeisterung eines Hundes – Begegnungen, die wärmen, weil sie echt sind.

Echtheit wirkt – aber sie ist nicht starr

Dass Echtheit das Arbeitsklima trägt, leuchtet ein. Spannender ist Herminia Ibarras Befund zur Authentizitäts-Paradoxie: Wer „authentisch“ mit einem zu starren Selbstbild gleichsetzt, behindert die eigene Entwicklung. Neue Rollen verlangen neues Verhalten, das sich anfangs „unecht“ anfühlt – und doch nötig ist, um zu wachsen. Ibarra plädiert für eine anpassungsfähige Authentizität: ausprobieren, Verhaltensweisen erweitern, ohne sich zu verstellen. Echtheit ist damit kein Tresor, den man einmal öffnet, sondern ein lebendiges Repertoire. „Von Herzen“ und „lernfähig“ schließen sich nicht aus.

Was authentische Begegnung am Arbeitsplatz braucht

Auf dieser Grundlage werden ein paar Schritte konkret:

  • Selbstreflexion: Was will ich eigentlich mitteilen – und aus welchem Gefühl heraus?
  • Aktives Zuhören: volle Aufmerksamkeit signalisiert Wertschätzung und öffnet den Raum für echte Begegnung.
  • Ehrliche Anerkennung: kein Pflicht-Lob, sondern wohlwollende, konkrete Wertschätzung.
  • Offenheit für Gefühle: wer eigene Empfindungen teilt, ermutigt andere dazu.
  • Akzeptanz: eine wertfreie Umgebung schafft Zugehörigkeit.

Praxis: Die echte Anerkennung

Ehrliche Anerkennung ist der schnellste Weg von Herz zu Herz – und der seltenste. Übe ihn gezielt:

  • Wähl in dieser Woche eine Person, deren Beitrag Du wirklich schätzt.
  • Sag es konkret und ohne Floskel: nicht „gut gemacht“, sondern „Deine Nachfrage gestern hat verhindert, dass wir den Fehler übersehen.“
  • Beobachte, was das mit der Begegnung macht – und mit Dir.

Konkrete Anerkennung lässt sich nicht mit Krokodilstränen verwechseln; sie ist überprüfbar echt.

Zum Schluss

In einer Welt aus Konkurrenz und Mikro-Machtspielen ist Echtheit fast ein Wagnis – und genau deshalb wirksam. Von Herzen zu kommunizieren und sich dabei weiterentwickeln zu dürfen, ist kein Widerspruch, sondern reife Authentizität. Mut zur Echtheit tut gut – uns und denen, die uns begegnen.

Wie Haltung, Deutungsmuster und das Unterbewusstsein echte von gespielter Begegnung trennen, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Ibarra, H. (2015): The Authenticity Paradox. Harvard Business Review, Jan–Feb 2015.
  • Goethe, J. W. v. (1832): Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 3. Akt (Schattiger Hain), V. 9683 f. (gemeinfrei)
  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 3: Begegnung & Dialog (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Echte Kommunikation muss „von Herzen gehen“ (Goethe) – aber Authentizität ist nach Herminia Ibarra kein starrer Kern, sondern anpassungsfähig: von Herzen kommunizieren und sich zugleich entwickeln dürfen. Konkrete, ehrliche Anerkennung ist der überprüfbar echte Weg von Herz zu Herz.

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut

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