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Warum Gerüchte und Fehlinformationen so hartnäckig sind – und was wir dagegen tun können

Last updated on 16/06/2026

Eine Unterstellung wird einmal ausgesprochen – und überlebt jede Klarstellung. Dieses Phänomen heißt Continued Influence Effect: der anhaltende Einfluss von Fehlinformation auf unser Denken, auch nachdem sie korrigiert wurde. Die Forschung zeigt, warum das so ist – Fehlinformation wirkt nicht trotz, sondern wegen der Funktionsweise unseres Gehirns weiter – und was Korrekturen wirklich wirksam macht.

Wir alle kennen es: Ein Gerücht macht im Team die Runde, und selbst nach umfassender Klarstellung mit Fakten und Daten bleibt es hängen – manchmal monatelang, manchmal über Jahre. Ein internationales Forschungsteam um Ullrich Ecker (University of Western Australia) und Stephan Lewandowsky (University of Bristol) hat 2022 in Nature Reviews Psychology die bislang umfangreichste Übersicht der psychologischen Treiber dieses Phänomens vorgelegt (Ecker et al. 2022).

Kognitive Faktoren: Wie unser Denken Gerüchte stabilisiert

1. Intuitives statt analytisches Denken. Im Alltag verarbeiten wir Informationen meist schnell und intuitiv (System 1 nach Kahneman). Wenig analytisches Hinterfragen heißt: Eine Behauptung wird eher gefühlt als geprüft.

2. Kognitive Ungenauigkeit. Quellen werden vergessen, während die Information selbst hängen bleibt; eigenes Wissen wird im Moment nicht herangezogen; Gegenbelege werden ausgeblendet oder relativiert.

3. Illusory Truth Effect. Vertraute Aussagen wirken wahrer. Eine Falschinformation, die wir mehrfach hören – sogar durch ihre Korrektur –, wird allein durch Wiederholung als plausibler empfunden. Die Psychologin Lisa Fazio (Vanderbilt University) hat dazu einen besonders unbequemen Befund beigesteuert: Der Effekt tritt selbst dann auf, wenn wir es eigentlich besser wissen – vorhandenes Wissen schützt nicht zuverlässig davor, wiederholten Falschaussagen mehr zu glauben (Fazio et al. 2015). Drei Treiber: Familiarity (Bekanntheit), Fluency (Verarbeitungsleichtigkeit), Kohärenz (Anschluss an eigene Erfahrungen).

Soziale Faktoren: Wer es sagt, prägt, ob wir es glauben

1. Glaubwürdigkeit von Gruppen: Hierarchien und Elitenpositionen, wahrgenommene Attraktivität der Quelle, eigene soziale Zugehörigkeit.

2. Weltbild und Identität: Wir akzeptieren Informationen leichter, wenn sie zu unseren Überzeugungen passen – und lehnen sie reflexhaft ab, wenn sie ihnen widersprechen (motivated reasoning).

Affektive Faktoren: Emotion schlägt Fakt

1. Eigener emotionaler Zustand: Wer gestresst, müde oder ängstlich ist, prüft Informationen weniger sorgfältig.

2. Emotionale Aufladung der Information: Was Empörung, Angst oder Hoffnung auslöst, wird besser erinnert und stärker geteilt – unabhängig vom Wahrheitsgehalt (vgl. → Artikel „Die Macht der Worte – besonders im virtuellen Gespräch“).

Was hilft? Pre-Bunking und Debunking

Ecker und Kolleg:innen diskutieren zwei Interventionsformen:

  • Pre-Bunking (präventive Aufklärung): Menschen werden im Vorfeld über typische Manipulationsmuster informiert – wie eine kognitive Impfung (ausführlich im → Artikel zu Fehlinformation, Prebunking und der Inoculation Theory).
  • Debunking (reaktive Korrektur): eine klare, faktenbasierte Korrektur, die das Gerücht nicht prominent wiederholt, sondern durch eine alternative, plausible Erklärung ersetzt.

Wichtig: Eine bloße Faktenkorrektur reicht nicht – sie kann das Gerücht durch erneute Wiederholung sogar verstärken. Wirksame Korrektur braucht eine klare Alternative zur ursprünglichen Behauptung, Quellenglaubwürdigkeit, emotionale Resonanz (Empathie statt Belehrung) und Wiederholung der Korrektur über mehrere Kanäle.

Was das für Organisationen und Führung bedeutet

In meinen Erfahrungen in Learning & Development habe ich gesehen, wie viele Veränderungsprozesse an einer Stelle scheitern, die in keinem Projektplan steht: am informellen Erzählraum. Ein Gerücht auf dem Flur kann eine sauber aufgesetzte Change-Kommunikation aushebeln.

Was Führungskräfte daraus lernen können: früh kommunizieren, bevor das Vakuum von Gerüchten gefüllt wird; Quellen transparent benennen – und nicht erwarten, dass Menschen sie sich merken; emotionale Resonanz schaffen, weil reine Faktentexte selten überzeugen; Pre-Bunking vor heiklen Themen („Es kann sein, dass Ihr folgende Befürchtung hört – hier ist, was tatsächlich geplant ist“); und Räume schaffen, in denen Fragen gestellt werden können, bevor sie zu Behauptungen werden (vgl. → Artikel zu Project Aristotle und psychologischer Sicherheit).

Wie man Gespräche so führt, dass Klarheit entsteht und Gerüchten der Boden entzogen wird, vertiefe ich in Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98. Für große Gruppen, in denen sich Gerüchte besonders schnell verbreiten: Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025): 👉 tidd.ly/4clXpur (beide Affiliate-Links).

Praxis: Fünf Tage, fünf Filter

Ein Tagesthemen-Programm für Deine Informationswoche – jeden Tag ein Fokus, je zwei Minuten:

  1. Montag – Quelle: Bei einer Information, die Dich heute erreicht: Weißt Du noch, woher sie stammt? Prüfe es einmal nach.
  2. Dienstag – Wiederholung: Achte darauf, welche Aussage Dir heute zum wiederholten Mal begegnet – und frage Dich: Wirkt sie wahrer als beim ersten Mal?
  3. Mittwoch – Emotion: Welche Nachricht hat heute die stärkste Emotion ausgelöst? Genau die verdient eine zweite Prüfung.
  4. Donnerstag – Zugehörigkeit: Welche Information hast Du heute geglaubt, weil sie aus Deiner Gruppe kam?
  5. Freitag – Korrektur: Hast Du diese Woche etwas weitergegeben, das sich als ungenau erwies? Korrigiere es – mit Alternative statt bloßem Dementi.

KI im Lernalltag

Vor einer heiklen Kommunikation kannst Du ein KI-Sprachmodell als Pre-Bunking-Partner nutzen: „Hier ist meine geplante Botschaft – welche Missverständnisse, Befürchtungen oder Gerüchte könnte sie auslösen?“ Die Antworten zeigen oft blinde Flecken, die Du dann proaktiv adressieren kannst. Die nötige Kante dazu: KI-Systeme können selbst Fehlinformation erzeugen – Halluzinationen klingen genauso flüssig wie Fakten, und Fluency ist, wie oben beschrieben, genau der Mechanismus, der uns täuscht. Prüfe also auch die KI-Antworten gegen verlässliche Quellen.

Zum Schluss

Probiere es beim nächsten heiklen Thema konkret aus: ein Satz Pre-Bunking in der Ankündigung („Es kann sein, dass Ihr X hört – tatsächlich geplant ist Y“), eine klare Alternative statt eines bloßen Dementis, und die Korrektur über zwei Kanäle statt einem. Beobachte, was mit dem Flurfunk passiert.

Quellen:

  • Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Cook, J., Schmid, P., Fazio, L. K., Brashier, N., Kendeou, P., Vraga, E. K. & Amazeen, M. A. (2022): The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. DOI: 10.1038/s44159-021-00006-y
  • Fazio, L. K., Brashier, N. M., Payne, B. K. & Marsh, E. J. (2015): Knowledge does not protect against illusory truth. Journal of Experimental Psychology: General, 144(5), 993–1002. DOI: 10.1037/xge0000098
  • Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H., Seifert, C. M., Schwarz, N. & Cook, J. (2012): Misinformation and its correction: Continued influence and successful debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131.
  • Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux, New York. (dt.: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler.)

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

Zusammenfassung: Der Continued Influence Effect erklärt, warum Gerüchte Korrekturen überleben – kognitive Treiber wie der Illusory Truth Effect (Lisa Fazio: selbst vorhandenes Wissen schützt nicht), soziale Zugehörigkeit und emotionale Aufladung stabilisieren Fehlinformation, wie die Übersichtsarbeit von Ecker und Lewandowsky (2022) zeigt. Wirksam dagegen sind Pre-Bunking vor heiklen Themen und Debunking mit klarer Alternativerklärung, Quellenglaubwürdigkeit, Empathie und Wiederholung über mehrere Kanäle.

Published inMut tut gutWahrnehmung und DeutungWahrnehmung und Deutung

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