Last updated on 16/06/2026
Wer das Problem analysiert, lernt etwas über das Problem – aber selten über die Lösung. Wer dagegen die Ausnahmen untersucht, die Momente, in denen das Problem nicht auftritt, erkennt, was bereits funktioniert. Genau das bündelt ein Coaching- und Führungsinstrument in vier Buchstaben: H-O-E-R. Das Mnemonic erinnert nicht zufällig an „Hör“ – die Methode beginnt mit echtem, tiefem Zuhören.
Hinter H-O-E-R steht eine der einflussreichsten Strömungen der modernen Beratungsforschung: die Solution-Focused Brief Therapy (SFBT), entwickelt von Steve de Shazer (1940–2005) und Insoo Kim Berg (1934–2007) gemeinsam mit ihren Kolleg:innen am Brief Family Therapy Center in Milwaukee, beginnend in den späten 1970er Jahren. Sie ist heute eine evidenzbasierte Coaching- und Therapieform und Grundlage zahlreicher systemischer Führungsansätze.
„Anstelle von Problemlösung konzentrieren wir uns auf Lösungsaufbau. Das klingt nach einem Wortspiel, ist aber ein grundlegend anderes Paradigma. … Wir haben festgestellt, dass es zwischen einem Problem und seiner Lösung überhaupt keine Verbindung gibt.“
— Insoo Kim Berg (Interview mit Psychotherapy.net, sinngemäß übersetzt)
Was H-O-E-R im Detail bedeutet
Die vier Schritte bauen aufeinander auf und funktionieren im Mitarbeitendengespräch genauso wie im Selbstcoaching (dort ersetzt Du „die andere Person“ durch „ich“).
H – Hören auf die Ausnahme. Aktives, präsentes Zuhören mit gezieltem Fokus: Wann tritt das Problem nicht auf? Welche Momente verlaufen anders? Diese Frage öffnet einen völlig anderen Raum als die übliche Problemanalyse.
O – Öffnen und Erweitern. Die positive Ausnahme wird vertieft: Wann genau geschah es? Was war anders – vorher, währenddessen, danach? Welche Rolle hattest Du selbst dabei? Hier wird sichtbar, dass die Ausnahme kein Zufall war, sondern auf konkretem Verhalten beruht.
E – Empowerment und Stärken. Erfolge werden bewusst gewürdigt – nicht durch oberflächliches Lob, sondern durch authentische Anerkennung beobachteten Verhaltens. Die Führungskraft oder Coach beobachtet, wann die Ausnahme erneut auftritt, und benennt sie konkret (zur Unterscheidung von Anerkennung und Wertschätzung siehe → Artikel „Feedback: Die zwei Seiten einer wirkungsvollen Geste“).
R – Rückkehr und Reflexion. Mit der einfachsten und zugleich wirkungsvollsten Frage der lösungsorientierten Beratung: „Was noch?“ („What else?“) Diese Frage öffnet immer wieder einen neuen Raum – Veränderungen werden umso sichtbarer, je länger man bei der Reflexion bleibt.
Warum diese Methode funktioniert
SFBT ist eine der am besten erforschten Kurzzeit-Beratungsmethoden: Die systematische Übersicht von Gingerich und Peterson über 43 kontrollierte Studien fand in 74 % signifikante positive Effekte (Gingerich & Peterson 2013). Als Kerntechniken gelten konkrete Ziele, die Wunderfrage, Skalierungsfragen, das Suchen nach Ausnahmen, Komplimente und Verhaltensaufgaben – H-O-E-R bündelt davon vier Wirkprinzipien in einer leicht merkbaren Reihenfolge.
Drei wissenschaftliche Erklärungen, warum sie wirkt:
🔹 Konstruktivismus: Wirklichkeit entsteht durch Sprache. Wer über Ausnahmen spricht, konstruiert eine andere Wirklichkeit als jemand, der über Probleme spricht (vgl. → Artikel „Worte, Wahrnehmung, Wirklichkeit – ein Kompass für Selbstführung“).
🔹 Broaden-and-Build-Theorie (Barbara Fredrickson): Positive Emotionen erweitern Denken und Handeln. Gelingende Ausnahmen aktivieren positive Emotionen – und damit kreative Lösungsideen (vgl. → Artikel zu Mary Shelley und Fredricksons Broaden-and-Build).
🔹 Neuroplastizität: Wiederholte Aufmerksamkeit auf gelingende Momente stärkt genau jene neuronalen Pfade, die das gewünschte Verhalten unterstützen.
Was das für Führung und Selbstführung bedeutet
In meinen Erfahrungen in Learning & Development habe ich gesehen, dass die meisten Führungskräfte in der Problem-Logik denken: „Was läuft schief – und wie beheben wir es?“ Die Frage ist berechtigt, aber sie hat eine Schattenseite: Sie zementiert die Aufmerksamkeit auf das, was nicht funktioniert.
Wer dagegen H-O-E-R praktiziert, fragt: „Was funktioniert bereits – auch im Kleinen – und wie können wir das ausweiten?“ Diese Perspektivverschiebung stärkt die Selbstwirksamkeit des Gegenübers, aktiviert positive Emotionen, macht konkrete, replizierbare Verhaltensweisen sichtbar – und überführt Gespräche aus dem Stress- in den Kooperationsmodus.
Wie Gespräche so geführt werden, dass aus Ausnahmen neue Routinen werden, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Praxis: Ein H-O-E-R-Wochenend-Experiment
Nimm Dir am Wochenende ein Thema vor, das sich seit Wochen zäh anfühlt, und gehe die vier Schritte schriftlich durch – 20 Minuten, ein Blatt:
- H: Wann war es in den letzten zwei Wochen einmal nicht zäh? Finde mindestens einen Moment, und sei er klein.
- O: Beschreibe diesen Moment genau: Was war anders? Wer war beteiligt? Was hast Du selbst anders gemacht?
- E: Würdige schriftlich, was Du dazu beigetragen hast – konkret, nicht pauschal.
- R: Frage Dich dreimal hintereinander: „Was noch?“ – und beobachte, wie mit jeder Runde etwas Neues auftaucht.
Am Montag wählst Du eine einzige Bedingung der Ausnahme aus und stellst sie bewusst wieder her.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann ein geduldiger lösungsfokussierter Fragensteller sein: Bitte es, Dich nacheinander durch die vier H-O-E-R-Schritte zu führen und ausschließlich Fragen zu stellen – keine Ratschläge, keine Lösungen. Gerade das „Was noch?“ stellt eine KI unermüdlicher, als es Menschen meist tun. Die Grenze gehört dazu: Die Antworten kommen von Dir, nicht vom Modell – und vertrauliche Details über Dritte gehören nicht in öffentliche KI-Tools.
Zum Schluss
Die Lösung wohnt selten im Problem. Sie wohnt in der Ausnahme – man muss sie nur hören.
Quellen:
- De Jong, P. & Berg, I. K. (2013): Interviewing for Solutions. 4. Auflage, Cengage Learning, Belmont. (dt.: Lösungen (er-)finden. Verlag modernes lernen.)
- de Shazer, S., Berg, I. K., Lipchik, E., Nunnally, E., Molnar, A., Gingerich, W. & Weiner-Davis, M. (1986): Brief therapy: Focused solution development. Family Process, 25(2), 207–221.
- de Shazer, S. (1988): Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy. W. W. Norton, New York.
- Gingerich, W. J. & Peterson, L. T. (2013): Effectiveness of Solution-Focused Brief Therapy: A systematic qualitative review of controlled outcome studies. Research on Social Work Practice, 23(3), 266–283. DOI: 10.1177/1049731512470859
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln
Zusammenfassung: Die H-O-E-R-Methode (Hören auf die Ausnahme, Öffnen, Empowerment, Rückkehr mit „Was noch?“) übersetzt die lösungsfokussierte Kurzzeitberatung von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg in ein merkbares Führungs- und Selbstcoaching-Instrument – mit 74 % positiven Befunden in 43 kontrollierten Studien (Gingerich & Peterson 2013). Wer Ausnahmen statt Probleme untersucht, stärkt Selbstwirksamkeit, aktiviert positive Emotionen und macht funktionierendes Verhalten wiederholbar.


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