Last updated on 16/06/2026
Ein Vortrag über agile Meetingkultur brachte mich zu einer viel grundlegenderen Frage: Wofür möchten wir eigentlich erinnert werden? Bronnie Wares Aufzeichnungen über die häufigsten Bereuungen Sterbender und David Brooks‘ Unterscheidung von Lebenslauf- und Trauerrede-Tugenden geben dieselbe Antwort: Was am Ende fehlt, hat selten mit Status, Titel oder vollen Kalendern zu tun. Höchste Zeit, das auch zu Lebzeiten ernst zu nehmen.
In einem Vortrag über moderne Meetingkultur blieb ein Satz hängen: „Nimm keine Einladung an, wenn du keinen Mehrwert zum Thema beiträgst.“ Ich kann dem nur zustimmen. Und doch sehe ich täglich das Gegenteil: Menschen, die zu allem eingeladen werden wollen, weil Sichtbarkeit als Beweis von Wichtigkeit gilt. Voller Kalender als Statussymbol. Überstunden als Tugendnachweis.
Das wirft eine viel größere Frage auf.
Die zwei Tugendsysteme nach David Brooks
In The Road to Character (2015) unterscheidet David Brooks zwei Arten von Tugenden:
- Lebenslauf-Tugenden: Ehrgeiz, Status, Erfolg, Titel, Sichtbarkeit
- Trauerrede-Tugenden: Treue, Mut, Großzügigkeit, ehrliche Begegnung, gelebte Werte
Beide sind wichtig. Aber Brooks beobachtet: Unsere Kultur belohnt die ersten und vernachlässigt die zweiten – und am Ende eines Lebens zählen die zweiten.
Was Sterbende wirklich bereuen
Bronnie Ware, eine australische Palliativpflegerin, hat über Jahre die häufigsten Bereuungen ihrer Patient:innen dokumentiert. In The Top Five Regrets of the Dying (2011) nennt sie: den Mut zu haben, sich selbst treu zu sein – statt zu leben, wie andere erwarten; nicht so viel zu arbeiten; den Mut zu haben, Gefühle auszudrücken; den Kontakt zu Freund:innen zu halten; und sich zu erlauben, glücklicher zu sein.
Kein einziger Punkt handelt von Karriere, Titel oder Terminkalender. (Wares Beobachtungen sind Erfahrungsberichte, keine kontrollierte Studie – ihre Wucht liegt in der Übereinstimmung mit dem, was die Lebenslauf-Forschung quantitativ findet; vgl. → Artikel „Vergänglichkeit als Lehrerin – Marcus Aurelius, Laura Carstensen“.)
Wofür ich erinnert werden möchte
In meinen Jahren in Learning & Development habe ich gelernt: Was bleibt, sind Momente echter Begegnung. Ich möchte erinnert werden als jemand, der gute Denkanstöße gibt und Raum lässt für die Antwort; der die Brillanz im Gegenüber sucht, statt vorschnell zu urteilen; der von anderen lernen möchte – unabhängig von Hierarchie oder Status; und der Menschen zum Lächeln und Nachdenken bringt.
Diese Haltung ist eng verwandt mit Don Miguel Ruiz‘ Vereinbarungen (vgl. → Artikel „Worte, Wahrnehmung, Wirklichkeit“) und mit der Wertschätzungs-Kette nach Reinhard Haller (vgl. → Artikel zu Hallers Wertschätzungspyramide).
Praxis: Coveys Übung – einfach und unbequem
Stephen Coveys zweiter „Weg zur Effektivität“ lautet: Begin with the End in Mind. Seine Schreibübung, 15 Minuten, ein Blatt:
Stell Dir Deine eigene Trauerrede vor. Wer hält sie? Was sollen diese Menschen über Dich sagen? Schreibe drei Sätze auf, die Du Dir aus ihrem Mund wünschst – wörtlich, nicht als Stichworte. Lies sie dann neben Deinem Kalender der letzten zwei Wochen: Wie viele Termine haben auf diese drei Sätze eingezahlt?
Diese Antwort ist Deine echte Lebens-Strategie. Alles andere – die nächsten Meetings, die To-do-Liste, die Karrierepläne – darf sich daran messen lassen. Es ist die radikalste Form der Reflexion: nicht über den letzten Tag, sondern über das gesamte Leben. Und sie hilft beim nächsten Übergang zu prüfen, ob die Richtung noch stimmt (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs“).
Lebenslauf-Tugenden glänzen im Profil. Trauerrede-Tugenden bleiben im Gedächtnis.
Wie diese Frage nach Werten und Haltung in konkreten beruflichen Gesprächen sichtbar wird, ist eines der Kernthemen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Zum Schluss
Wenn die drei Menschen, die Dich am besten kennen, heute gebeten würden, in je einem Satz zu sagen, wofür Du stehst – welche Geschichten hätten sie? Und bekommst Du gerade genug gemeinsame Momente mit ihnen zustande, damit neue Geschichten entstehen können?
Quellen:
- Brooks, D. (2015): The Road to Character. Random House, New York. (dt.: Charakter. Die Kunst, Haltung zu zeigen. btb.)
- Ware, B. (2011): The Top Five Regrets of the Dying: A Life Transformed by the Dearly Departing. Hay House, Carlsbad. (dt. 2013: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Goldmann/Arkana.)
- Covey, S. R. (1989): The 7 Habits of Highly Effective People. Free Press, New York. (dt.: Die 7 Wege zur Effektivität. Gabal.)
- Ruiz, D. M. (1997): Die vier Versprechen. Allegria/Ullstein.
- Haller, R. (2019): Das Wunder der Wertschätzung. Gräfe und Unzer, München.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung
Zusammenfassung: David Brooks‘ Unterscheidung von Lebenslauf- und Trauerrede-Tugenden und Bronnie Wares Aufzeichnungen über die fünf häufigsten Bereuungen Sterbender zeigen übereinstimmend, dass am Lebensende nicht Status, Titel oder volle Kalender zählen, sondern Treue zu sich selbst, Beziehungen und gelebte Werte. Coveys Trauerrede-Übung macht daraus eine messbare Lebens-Strategie: drei gewünschte Sätze aufschreiben – und den eigenen Kalender daran prüfen.


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