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Gischt im Gesicht oder Stillstand in der Flaute? – Amy Wrzesniewski, Jane Dutton und das Job Crafting

Last updated on 16/06/2026

Nicht der Sturm ist das Schlimmste für Seglerinnen und Segler – es ist die Flaute. Und im Berufsleben gilt dasselbe: Stillstand zermürbt mehr als Gegenwind. Amy Wrzesniewski und Jane Dutton haben mit dem Job Crafting beschrieben, wie Menschen ihre Arbeit aktiv umgestalten, statt auf besseren Wind zu warten – über Aufgaben, Beziehungen und die eigene Deutung. Wer sein Segel führen kann, fängt auch widrige Winde ein.

„Die Freude ist das Segel des Schiffes; wer mit diesem Segel umzugehen weiß, fängt auch widrige Winde ein.“
— Joseph Keppler zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht belegt

Ob der Satz wirklich von Keppler stammt, lässt sich nicht nachweisen – wahr ist er trotzdem, und ich kann das vom Wasser aus bestätigen. Wenn man das Segel mit der Navigation im Leben vergleicht, kommt es immer darauf an, wie wir die Schicksalsschläge handhaben: Setzt man bei Sturm zu viel Segel, kentert das Schiff. Doch selbst dann dreht es sich meist mit dem Bug nach oben – man kann sich festhalten und es mit Kraft wieder aufrichten.

Es muss aber gar nicht erst kentern. Wer die Segel weise setzt, kommt schneller ans Ziel – und es macht sogar Freude: Beim Trapezsegeln hängt man sich, in einem Gurt stehend, weit über den Bootsrand hinaus, um mit dem eigenen Körpergewicht die Kraft des Windes auszugleichen und das Boot schnell und aufrecht zu halten. Man genießt es, wenn die Gischt ins Gesicht schlägt und die Haare nach hinten wehen. Wer das Leben als „Reiten im Wind“ begreift, findet darin echte Freude.

Das Schlimmste ist die Flaute

Für Segler ist nicht der Sturm der Feind, sondern die Windflaute: Es geht kein Stück voran, die Sonne brennt, die Lage wird zermürbend. Im trubeligen Leben wünschen wir uns oft genau das – endlich Flaute, endlich Ruhe. Aber ist Stillstand wirklich, was uns glücklich macht? Ein Segler „kratzt am Mast“, damit der Wind wieder weht. Im Beruf dagegen richten wir uns in der Komfortzone ein – und verlieren die Dynamik. Auf See wäre das fatal.

Was die Forschung zum Selber-Segeln sagt

Die Organisationsforscherinnen Amy Wrzesniewski (Yale) und Jane Dutton (Michigan) haben dem aktiven Gegenmittel seinen Namen gegeben: Job Crafting – Beschäftigte sind nicht passive Empfänger ihrer Stellenbeschreibung, sondern können die Grenzen ihrer Arbeit selbst verschieben und ihr damit neue Bedeutung und Identität geben (Wrzesniewski & Dutton 2001). Drei Stellschrauben – oder seglerisch: drei Arten, das Schiff wieder in Fahrt zu bringen:

  • Task Crafting: Aufgaben und Handgriffe verändern. Wie kann ich die Segel anders trimmen, um selbst den kleinsten Hauch zu nutzen? – Aufgaben tauschen, erweitern, anders schneiden.
  • Relational Crafting: Beziehungen gestalten. Wer gibt mir den Impuls, wenn ich feststecke? – neue Crew suchen, Zusammenarbeit verändern, Kontakte aufbauen, die Energie geben (vgl. → Artikel „Der Diamant des Lebens“: Beziehungen als tragende Säule).
  • Cognitive Crafting: den Kurs neu deuten. Die Flaute ist keine Sackgasse, sondern die Zeit, das Schiff für die nächste Brise flottzumachen. – Die Umdeutung ist kein Selbstbetrug, sondern angewandter Konstruktivismus (vgl. → Artikel „Worte, Wahrnehmung, Wirklichkeit“).

Job Crafting heißt: das eigene Schiff proaktiv so gestalten, dass es wieder Fahrt aufnimmt – statt passiv auf besseren Wind zu warten. Das ist auch der Unterschied zum bloßen Aushalten von Übergängen: Wer in der neutralen Zone sitzt, darf das Rad nicht nur wechseln lassen, sondern am eigenen Kurs arbeiten (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs“).

Praxis: Drei Tage, drei Stellschrauben

Ein Tagesthemen-Programm für die nächste gefühlte Flaute – pro Tag eine Stellschraube, je 15 Minuten:

  1. Tag 1 – Task: Liste Deine wiederkehrenden Aufgaben. Wähle eine, die Du um 20 Prozent anders gestalten kannst – anderes Werkzeug, andere Reihenfolge, ein Element dazu, eines weg. Setz es diese Woche um.
  2. Tag 2 – Relational: Notiere drei Menschen, mit denen Du gern öfter arbeiten würdest. Schreibe einer dieser Personen heute – mit einem konkreten Anlass.
  3. Tag 3 – Cognitive: Vervollständige schriftlich: „Diese Phase ist nicht …, sondern die Zeit, in der ich … flottmache.“ Häng den Satz dahin, wo Du ihn siehst.

Zum Schluss

Was wäre, wenn Du die nächste Flaute nicht als Prüfung lesen würdest, sondern als Werft-Zeit – und heute schon wüsstest, welches Segel Du dort neu zuschneidest?

Wie Gespräche helfen, die eigene Arbeit aktiv zu gestalten – vom Zielgespräch bis zur Aufgabenverhandlung –, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Quellen:

  • Wrzesniewski, A. & Dutton, J. E. (2001): Crafting a job: Revisioning employees as active crafters of their work. Academy of Management Review, 26(2), 179–201. DOI: 10.5465/amr.2001.4378011
  • Das Epigraph-Zitat ist Joseph Keppler zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht nachweisbar.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln

Zusammenfassung: Nicht der Sturm, sondern die Flaute ist die größte Gefahr – und gegen beruflichen Stillstand beschreibt das Job Crafting von Amy Wrzesniewski und Jane Dutton drei Stellschrauben: Aufgaben verändern (Task), Beziehungen gestalten (Relational) und den Kurs neu deuten (Cognitive). Wer sein Segel der Freude führen lernt, wartet nicht auf besseren Wind, sondern nutzt jede Brise – notfalls im Trapez.

Published inMut tut gutWirksames HandelnWirksames Handeln

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