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Der Fehler, von dem wir überzeugt waren – Janet Metcalfe und die Wissenschaft des Lernens aus Irrtümern

Last updated on 16/06/2026

Fehlervermeidung gilt als oberste Tugend des Lernens – die Kognitionsforschung zeigt das Gegenteil. Janet Metcalfe (Columbia University) hat in ihrer vielzitierten Übersicht „Learning from Errors“ (Annual Review of Psychology 2017) den Hypercorrection-Effekt dokumentiert: Gerade die Fehler, von denen wir überzeugt waren, dass sie richtig seien, korrigieren und behalten wir am gründlichsten – vorausgesetzt, es folgt korrigierendes Feedback. Der Grund liegt in der Überraschung, mit der das Gehirn auf den Irrtum reagiert, und in der Aufmerksamkeit, die es daraufhin auf die richtige Antwort lenkt. Lernen ist damit kein Vermeiden von Fehlern, sondern ihr produktives Durcharbeiten.

„Es irrt der Mensch, so lang er strebt.“
— Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Prolog im Himmel (1808)

Ich erinnere mich an Momente, in denen ich felsenfest überzeugt war, etwas richtig zu wissen – und mich dann irrte. Genau diese Irrtümer sitzen bis heute, scharf und genau. Die hundert Dinge dagegen, bei denen ich vorsichtig geraten und zufällig richtig lag, sind längst vergessen. Was sich wie eine persönliche Eigenheit anfühlt, ist ein robuster, vielfach replizierter Befund der Gedächtnisforschung – und er stellt unsere Vorstellung vom „sauberen“ Lernen auf den Kopf.

Der Hypercorrection-Effekt

Barbara Butterfield und Janet Metcalfe (2001) haben ein kontraintuitives Phänomen beschrieben: Werden Menschen bei einem Fehler korrigiert, von dem sie mit hoher Überzeugung angenommen hatten, er sei richtig, behalten sie die korrekte Antwort danach besser als bei Fehlern, die sie ohnehin unsicher gemacht hatten. Der Effekt heißt Hypercorrection. Er widerspricht der intuitiven Annahme, dass hohe Überzeugung einen Irrtum besonders hartnäckig macht – das Gegenteil ist der Fall, solange korrigierendes Feedback folgt. Spätere Arbeiten zeigen, dass der Effekt auch nach Tagen noch stabil ist.

Warum gerade Überraschung das Lernen verstärkt

Metcalfe (2017) macht zwei Mechanismen dafür verantwortlich. Der erste ist die Überraschung: Wer sicher war, recht zu haben, und sich dann irrt, erlebt einen kleinen Schock – und das Gehirn richtet daraufhin seine Aufmerksamkeitsressourcen verstärkt auf die korrekte Information. Der zweite betrifft die semantische Vernetzung: Wer eine Sache gut zu kennen glaubt, hat ein dichteres Wissensnetz, in das die Korrektur sich einhängen kann. Beides erklärt, warum ausgerechnet die selbstbewussten Irrtümer die lehrreichsten sind.

Ohne Feedback kein Lernen

Entscheidend ist eine Bedingung: Der Effekt tritt nur ein, wenn auf den Fehler korrigierendes Feedback folgt – und wenn dieses Feedback verarbeitet wird, nicht nur konsumiert. Lisa Fazio und Elizabeth Marsh (2010) haben dieses „Paradox des Lernens aus Fehlern“ präzisiert: Fehler helfen, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Eine bloße Vermutung ohne Korrektur nützt wenig; ein durchdachter Irrtum mit anschließender Aufklärung nützt viel. Lernen vertieft sich, wenn die Lernenden nicht nur die richtige Antwort hören, sondern die Argumentation nachvollziehen, die zum Fehler geführt hat.

Hier schließt sich der Kreis zu Carol Dwecks „noch nicht“: Wer einen Fehler als Beweis der eigenen Unfähigkeit liest, blockiert die Korrektur. Wer ihn als Information liest, nutzt genau den Mechanismus, den Metcalfe beschreibt (vgl. → Artikel zum Growth Mindset).

Was bedeutet das für Learning & Development?

Die Konsequenz ist unbequem für jede Kultur, die Fehler vor allem vermeiden will: Wer Lernende in geschützten, niedrig-riskanten Situationen Fehler machen und korrigieren lässt, erzeugt tieferes und stabileres Wissen als jede fehlerfreie Instruktion. Fehlertoleranz ist damit keine pädagogische Nachsicht, sondern eine Lernstrategie – und sie liefert obendrein den Lehrenden wertvolle Information darüber, wo die Denkfehler tatsächlich sitzen.

Praxis: Erst raten, dann nachschlagen

Diese Praxis dreht die übliche Reihenfolge um. Wenn Du das nächste Mal etwas Neues lernst – einen Fachbegriff, einen Zusammenhang, eine Zahl –, lies nicht zuerst die Lösung. Stell Dir stattdessen erst die Frage und rate bewusst eine Antwort, so überzeugt Du kannst – auch auf die Gefahr, danebenzuliegen.

Erst dann schlägst Du die richtige Antwort nach. Und der entscheidende Schritt: Wenn Du falsch lagst, halte einen Moment inne und frag Dich, warum Deine Vermutung plausibel schien. Genau dieses kurze Nachdenken über den eigenen Irrtum ist der Hebel, den Metcalfe beschreibt.

Probier es eine Woche lang bei allem, was Du ohnehin lernen willst. Du wirst merken: Die Fakten, bei denen Du Dich zuerst sicher geirrt und dann korrigiert hast, sitzen am Ende am festesten – nicht trotz, sondern wegen des Irrtums.

Wie sich eine solche Fehler- und Feedbackkultur in Gruppen gestalten lässt – mit Räumen, in denen Irren erlaubt und Korrektur möglich ist –, beschreibe ich in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025). 👉 tidd.ly/4clXpur* (*Affiliate-Link)

Goethe hat es im Faust vorweggenommen: Das Irren gehört zum Streben. Die Forschung ergänzt zweihundert Jahre später die Bedingung – das Irren muss durchgearbeitet, nicht nur begangen werden. Dann wird der Fehler, von dem wir am meisten überzeugt waren, zu dem, aus dem wir am meisten lernen.

Quellen

  • Metcalfe, J. (2017): Learning from Errors. Annual Review of Psychology, 68, 465–489. DOI: 10.1146/annurev-psych-010416-044022
  • Butterfield, B. & Metcalfe, J. (2001): Errors committed with high confidence are hypercorrected. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 27(6), 1491–1494. DOI: 10.1037/0278-7393.27.6.1491
  • Fazio, L. K. & Marsh, E. J. (2010): Correcting errors with high confidence: The paradox of learning from errors. Memory & Cognition, 38(7), 875–882. DOI: 10.3758/MC.38.7.875
  • Dweck, C. S. (2006): Mindset. The New Psychology of Success. Random House. — Dt.: Selbstbild (2017). Piper.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung


Zusammenfassung: Der Hypercorrection-Effekt zeigt, dass wir ausgerechnet die Fehler am gründlichsten korrigieren und behalten, von denen wir überzeugt waren, sie seien richtig – weil Überraschung und Aufmerksamkeit das Lernen verstärken, sofern korrigierendes Feedback folgt (Metcalfe, Butterfield, Fazio & Marsh). Lernen ist damit kein Vermeiden von Fehlern, sondern ihr produktives Durcharbeiten.


Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut