Last updated on 16/06/2026
„And now that you don’t have to be perfect, you can be good“ – diesen Satz lässt John Steinbeck 1952 in East of Eden den Chinesen Lee zu Abra sagen, die sich daran abarbeitet, das idealisierte Bild zu sein, das ihr Freund Aron in ihr sehen will. Die kleine Verschiebung von „perfekt“ zu „gut“ ist die Befreiung der Figur. Sie ist auch die Pointe der vierten toltekischen Vereinbarung von Don Miguel Ruiz: Tu immer dein Bestes. Beide – der amerikanische Romancier und der mexikanische Schamane – sagen dasselbe: Perfektion spiegelt fremde Erwartungen, das Beste tun bleibt im eigenen Maß.
Was Lee zu Abra wirklich sagt
In East of Eden spricht Lee diese Zeile zu Abra, der jungen Frau, die im Laufe des Romans erkennt, dass sie sich an Arons Idealisierung verloren hat. Aron hat sie zu einer Heiligen stilisiert, einer Reinheit ohne Schatten. Abra ist daran nahezu zerbrochen, weil dieses Bild kein Platz für ihre tatsächliche Person hatte. Erst als sie sich Cal – dem unvollkommenen, gequälten Bruder – zuwendet und sich Lee anvertraut, fällt die Last. Lees Satz löst nicht ein moralisches Problem; er löst eine Identitätsklemme.
Steinbecks Roman trägt diese Pointe durch ein hebräisches Wort: timshel – „thou mayest“, „du kannst, du darfst“. Es ist die Übersetzung von Genesis 4:7, die Lee gemeinsam mit chinesischen Gelehrten erarbeitet hat. Der Mensch ist frei, zwischen Gut und Böse zu wählen – nicht vorherbestimmt, nicht gezwungen. Diese Freiheit ist das eigentliche Geschenk. Und sie ist nicht zu haben, solange man perfekt sein muss.
Was Perfektionismus wirklich kostet
Die psychologische Forschung der letzten dreißig Jahre hat dem, was Steinbeck literarisch zeigt, eine empirische Form gegeben. Paul Hewitt, Gordon Flett und Kollegen unterscheiden seit den 1990er-Jahren drei Dimensionen des Perfektionismus: selbstbezogenen (eigene Standards, die unmöglich zu erfüllen sind), anderen-orientierten (perfektionistische Erwartungen an andere) und sozial vorgeschriebenen (das Gefühl, andere erwarteten Perfektion). Besonders die dritte Form korreliert deutlich mit Depression, Angst, Burnout und Suizidalität (Hewitt, Flett & Mikail 2017).
Thomas Curran und Andrew Hill haben 2019 in einer großen Meta-Analyse im Psychological Bulletin gezeigt, dass alle drei Formen des Perfektionismus zwischen 1989 und 2016 bei jungen Menschen in Großbritannien, Kanada und den USA messbar zugenommen haben – am stärksten der sozial vorgeschriebene Perfektionismus mit einem Anstieg von etwa 33 Prozent. Soziale Medien, Wettbewerbsdruck im Bildungssystem und neoliberale Erwartungsmuster werden als Treiber diskutiert.
Brené Brown hat in The Gifts of Imperfection (2010) den Perfektionismus mit präziser Sprache gefasst: „Perfectionism is not the same as striving for excellence. Perfectionism is the belief that if we look perfect, live perfect, and act perfect, we can avoid or minimize the pain of blame, judgment, and shame.“ Perfektionismus ist also nicht hohe Standards, sondern eine Vermeidungsstrategie – ein Panzer, hinter dem das verletzliche Selbst sich verbirgt.
Die vierte toltekische Vereinbarung
Don Miguel Ruiz beschreibt in The Four Agreements (1997) vier Lebensvereinbarungen, die er auf die toltekische Tradition seiner mexikanischen Vorfahren zurückführt. Die vierte lautet: „Always do your best.“ Ruiz präzisiert: „Dein Bestes wird sich von Moment zu Moment ändern; es wird anders aussehen, wenn du gesund bist, als wenn du krank bist. Tu unter allen Umständen einfach dein Bestes – und du wirst Selbstverurteilung, Selbstmisshandlung und Reue vermeiden.“
Das Ziel ist nicht ein konstanter Maximalwert. Das Ziel ist die ehrliche Anstrengung im jeweiligen Zustand. Wer müde ist, gibt sein müdes Bestes. Wer wach ist, sein waches. Wer beides ineinander hält, hört auf, gegen sich selbst zu kämpfen.
Diese Differenz ist subtil und entscheidend. Perfekt sein ist ein äußerer Standard, an dem man scheitert. Sein Bestes geben ist eine innere Bewegung, an der man nicht scheitern kann, weil sie das ist, was im jeweiligen Augenblick möglich ist.
Was „gut sein“ empirisch bedeutet
Kristin Neff hat seit 2003 das Konzept der Selbstmitgefühl (Self-Compassion) entwickelt – mit drei Komponenten: freundliche Selbstbehandlung statt Selbstkritik, das Verständnis, dass Unvollkommenheit zur gemeinsamen Menschlichkeit gehört, und achtsame Wahrnehmung schwieriger Gefühle, ohne sich in ihnen zu verlieren. Eine wachsende Anzahl von Studien zeigt, dass Selbstmitgefühl mit geringerer Depression, weniger Angst, höherem Wohlbefinden und überraschenderweise höherer Leistungsbereitschaft korreliert – nicht trotz, sondern wegen der freundlicheren Selbstbehandlung.
Carol Dweck hat parallel das Konzept des Mindset etabliert (Dweck 2006). Sie unterscheidet das fixed mindset – die Annahme, Fähigkeiten seien angeboren und unveränderlich – vom growth mindset, der Annahme, Fähigkeiten ließen sich durch Anstrengung und Lernen entwickeln. Perfektionismus wurzelt häufig im Fixed Mindset: Wer glaubt, sein Wert bemesse sich an angeborener Begabung, kann sich keinen Fehler leisten, ohne sich selbst infrage zu stellen. Wer das Growth Mindset trägt, kann Fehler als Material des Lernens annehmen.
Beide Konzepte – Selbstmitgefühl und Growth Mindset – sind unterschiedliche Übersetzungen derselben Bewegung, die Steinbeck Lee in den Mund legt: Du musst nicht perfekt sein. Du darfst gut werden.
Praxis: vom Perfekten zum Guten
In meinen Erfahrungen erlebe ich, dass die Umstellung von Perfektion auf das Beste-Geben weniger eine Frage der Einsicht ist als eine Frage der Mikropraxis. Drei Bewegungen helfen:
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Standards trennen. Welche Standards in meinem Leben sind meine Standards – aus eigener Überzeugung gewählt? Welche sind introjiziert – aus Familie, Schule, Beruf übernommen, ohne dass ich sie geprüft habe? Die zweite Gruppe trägt selten.
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Die „heute“-Frage. Statt zu fragen „Was wäre perfekt?“ zu fragen „Was ist heute mein Bestes – mit dem Schlaf, der Energie, der Zeit, die ich habe?“ Das löst die Last des konstanten Maximums.
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Sich selbst freundlich begegnen. Wenn etwas schiefging, die innere Stimme prüfen: Spreche ich gerade mit mir, wie ich mit einer Freundin sprechen würde, die dasselbe erlebt hat? Wenn nicht – warum erlaube ich mir weniger Freundlichkeit?
Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ist eine direkte Anwendung des Selbstmitgefühls, dem wir an anderer Stelle ausführlicher begegnet sind. Sie ist eine Form von Mut – der Mut zur Verletzlichkeit, von dem Brené Brown spricht. Und sie braucht Achtsamkeit, weil das Erkennen der eigenen perfektionistischen Stimme der erste Schritt ist, ihr nicht mehr blind zu folgen.
Wer mit dieser Bewegung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) ist die Differenz zwischen Anspruch und Anstrengung – zwischen dem, was ich verlange, und dem, was ich tatsächlich tue – als Grundunterscheidung jedes guten Selbst- und Mitarbeitergesprächs beschrieben.
„Le mieux est l’ennemi du bien“, schrieb Voltaire 1772 in La Bégueule – das Bessere ist der Feind des Guten. Zweihundert Jahre später hat John Steinbeck denselben Gedanken durch Lee ausgesprochen: Wer aufhört, perfekt sein zu müssen, kann gut werden. Beide meinen das Gleiche – und es ist die Bedingung dafür, dass etwas Eigenes entstehen kann.
Quellen
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Brown, B. (2010). The Gifts of Imperfection: Let Go of Who You Think You’re Supposed to Be and Embrace Who You Are. Hazelden. (Deutsch: Die Gaben der Unvollkommenheit, Kailash 2012)
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Curran, T., & Hill, A. P. (2019). Perfectionism is increasing over time: A meta-analysis of birth cohort differences from 1989 to 2016. Psychological Bulletin, 145(4), 410–429. https://doi.org/10.1037/bul0000138
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Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House. (Deutsch: Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt, Piper 2009)
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Hewitt, P. L., Flett, G. L., & Mikail, S. F. (2017). Perfectionism: A Relational Approach to Conceptualization, Assessment, and Treatment. Guilford Press.
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Neff, K. D. (2003). Self-Compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032
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Ruiz, D. M. (1997). The Four Agreements: A Practical Guide to Personal Freedom. Amber-Allen Publishing. (Deutsch: Die vier Versprechen, Allegria 2012)
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Steinbeck, J. (1952). East of Eden. Viking Press. (Deutsch: Jenseits von Eden, Zsolnay 1953)
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

