Last updated on 16/06/2026
„Sei präsent in allem, was du tust, denn die einzige Wirklichkeit ist das Jetzt“ – diese Zen-Weisheit hängt zu Hause in meinem Zitatkalender. Sie ist in dieser englischen Form modern, in ihrer Substanz aber alt: Dōgen Zenji hat sie um 1233 in Shōbōgenzō in andere Worte gefasst, Thich Nhat Hanh hat sie in unserer Zeit für den Westen übersetzt. Die Vergangenheit ist erinnert (und in der Erinnerung schon verändert), die Zukunft ist erwartet (und in der Erwartung schon verzerrt). Was real bleibt, ist der Moment, in dem das Lesen dieses Satzes gerade stattfindet. Manchmal fühlt sich dieses Jetzt an wie Sand, der durch die Finger rinnt; manchmal wie Ton, mit dem sich etwas formen lässt. Welches Material wir gerade in den Händen halten, hängt weniger von der Situation ab als von unserer Beziehung zum gegenwärtigen Moment.
Was die Zen-Tradition wirklich sagt
Die populäre Formel von der „einzigen Wirklichkeit des Jetzt“ verkürzt etwas, das in der Zen-Tradition komplexer angelegt ist. Dōgen Zenji, der Gründer der japanischen Sōtō-Schule, schreibt in Genjōkōan (1233), dass die Wirklichkeit weder im Anhaften an die Vergangenheit noch im Vorwegnehmen der Zukunft zu finden ist, sondern im „Genjō“ – im offenbar-werdenden Augenblick, in dem sich das Wirkliche ereignet. Thich Nhat Hanh hat diese Einsicht für ein westliches Publikum mit dem berühmten Satz übersetzt: „Der gegenwärtige Augenblick ist der einzige Moment, der uns zur Verfügung steht“ (Peace Is Every Step, 1991).
Die Pointe ist nicht, dass Vergangenheit und Zukunft nichts wert wären. Die Pointe ist, dass beide nur im Modus des Jetzt zugänglich sind: Ich kann mich nur jetzt erinnern, ich kann nur jetzt planen. Wer das Jetzt überspringt, springt sich selbst.
Was die Vergangenheit mit uns macht
Das ist eine Paradoxie: Je älter unsere Vergangenheit wird, desto schöner scheint sie uns. Das ist kein Selbstbetrug, sondern ein wohldokumentiertes psychologisches Phänomen. Erica Hepper, Constantine Sedikides und Kollegen haben 2012 in Emotion gezeigt, dass Nostalgie eine emotionale Ressource ist – sie steigert Selbstwert, soziale Verbundenheit und Lebensbedeutung. In ihrer Studie reflektierten Probanden über nostalgische Erinnerungen und zeigten danach messbar höhere Werte in Sinn- und Verbundenheitsmaßen als Vergleichsgruppen.
Aber: Die Vergangenheit, die wir erinnern, ist nicht mehr die Vergangenheit, die wir erlebt haben. Sie ist überschrieben, gefiltert, verklärt. Daniel Kahneman hat die Unterscheidung zwischen experiencing self und remembering self berühmt gemacht – das erlebende Ich und das erinnernde Ich sind zwei verschiedene Instanzen, die unterschiedliche Geschichten erzählen.
Das ist nicht tragisch. Es ist nur ein Grund, dem Jetzt zu trauen: Es ist der einzige Moment, in dem das Erleben noch das Erleben selbst ist und nicht schon dessen Erzählung.
Was die Zukunft mit uns macht
Auch die Zukunft ist von Vorhängen verdeckt. Die Forschung zum affective forecasting von Timothy Wilson und Daniel Gilbert zeigt seit den 1990ern, dass Menschen systematisch falsch vorhersagen, wie sie sich in zukünftigen Situationen fühlen werden. Wir überschätzen die Dauer negativer Emotionen nach einem Verlust (Verlassenheit nach Trennung, Enttäuschung nach beruflichem Rückschlag) und unterschätzen die Anpassungsfähigkeit, mit der wir auch große Veränderungen integrieren. Wir überschätzen ebenso, wie glücklich uns das ersehnte Ziel machen wird (die Beförderung, das größere Haus, der gewonnene Wettbewerb).
Gilbert nennt das in Stumbling on Happiness (2006) das Problem des „miswanting“: Wir wollen oft Dinge, die uns – wenn wir sie hätten – weniger geben würden, als wir gedacht haben. Die Zukunft ist nicht nur unsicher; sie ist auch in unseren Vorstellungen systematisch verzerrt.
Diese Doppelheit – verklärte Vergangenheit, verzerrte Zukunft – ist der Grund, warum das Jetzt nicht nur philosophisch, sondern empirisch der einzige Ort ist, an dem wir tatsächlich leben.
Sand oder Ton
Manchmal ist das Jetzt wie Sand, der zwischen den Fingern hindurchrinnt, ohne dass etwas davon zurückbleibt. Manchmal ist es wie Ton, formbar, weich, mit dem etwas entstehen kann. Was macht den Unterschied?
Es ist nicht die Situation. Im Fieber kann das Jetzt zu Sand werden, weil Bewusstsein und Zeitgefühl verschwimmen – aber auch im Berufsalltag, in der vierten Videokonferenz des Vormittags, kann das Jetzt zu Sand werden, ohne dass Fieber im Spiel wäre. Was den Sand zum Ton macht, ist eine andere Variable: die Beziehung zum Moment selbst.
Pema Chödrön hat in Radical Acceptance (Brach 2003 hat das Konzept im Westen populär gemacht) das Annehmen des gegenwärtigen Moments – auch des unangenehmen – als die Voraussetzung dafür beschrieben, dass mit ihm überhaupt gearbeitet werden kann. Solange ich gegen den Moment kämpfe, ihn weghaben will oder mich weigere, ihn zu spüren, ist er Sand. Wenn ich ihn empfange, ohne ihn sofort zu bewerten, wird er Ton.
Diese Bewegung verbindet sich mit Viktor Frankls Befund aus den Konzentrationslagern: Auch im äußersten Leiden bleibt der innere Spielraum, wie ich auf diesen Moment antworte. Sinn entsteht nicht jenseits des Jetzt – er entsteht in ihm. „Es geht nicht darum, was wir noch vom Leben zu erwarten haben, sondern darum, was das Leben jetzt von uns erwartet“ (Frankl 1946).
Praxis: drei Bewegungen zur Präsenz
Wer das Jetzt häufiger als Ton erleben möchte, kann mit drei kleinen Praktiken arbeiten:
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Den Atem als Eingangstor. Drei bewusste Atemzüge, bevor Du in das nächste Gespräch oder die nächste Aufgabe eintrittst. Das genügt, um vom Sand auf den Ton zu wechseln – mehr Zeit braucht es selten.
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Den Moment benennen. „Jetzt sitze ich hier und lese, das Licht fällt schräg auf den Tisch, draußen ist es kühler geworden.“ Was banal klingt, schärft die Sinne und erweitert das Jetzt um ein paar Sekunden, in denen es spürbar wird.
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Eine Sache zur Zeit. Das Forschungsfeld zur sogenannten Aufmerksamkeitsfragmentierung (zur leichten Ablenkbarkeit durch parallele Reize) zeigt, dass Multitasking sowohl Leistung als auch erlebte Lebenszufriedenheit senkt. Sonja Lyubomirsky hat in The How of Happiness (2007) gezeigt, dass das bewusste Savoring einer einzigen Tätigkeit – das langsame Auskosten einer Tasse Kaffee, das aufmerksame Hören eines Musikstücks – zu den evidenzbasierten Glückspraktiken gehört.
Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ist die zeitliche Schwester der Achtsamkeit, der wir an anderer Stelle ausführlicher begegnet sind. Sie braucht Reflexion, weil das Erkennen des Sand-Moments im Nachhinein die Voraussetzung dafür ist, beim nächsten Mal früher zu spüren. Und sie steht in Spannung zum Erinnern, das wir am Jahreswechsel beschrieben haben – das Erinnern lebt vom Material, das in den vergangenen Jetzt-Momenten gesammelt wurde.
Wer mit dieser Bewegung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) ist die Präsenz als erste Bewegung jedes guten Gesprächs beschrieben – ohne sie greifen die nachfolgenden Schritte nicht.
Wie fühlt sich Dein Jetzt heute an – mehr wie Sand, der durch die Finger rinnt, oder mehr wie Ton, mit dem sich etwas formen lässt? Und was würde sich ändern, wenn Du es als Material annehmen würdest, das Dir zur Verfügung steht – nur kurz, und nur einmal?
Quellen
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Brach, T. (2003). Radical Acceptance: Embracing Your Life with the Heart of a Buddha. Bantam. (Deutsch: Mit dem Herzen eines Buddha, Goldmann 2004)
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Brown, K. W., & Ryan, R. M. (2003). The benefits of being present: Mindfulness and its role in psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 84(4), 822–848. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.4.822
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Dōgen Zenji (1233/2002). Genjōkōan. In: Shōbōgenzō. Übers. v. Gudo Wafu Nishijima & Chodo Cross. Numata Center / Bukkyō Dendō Kyōkai.
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Frankl, V. E. (1946/2018). …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Penguin / Kösel.
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Gilbert, D. T. (2006). Stumbling on Happiness. Knopf. (Deutsch: Ins Glück stolpern, Riemann 2007)
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Hepper, E. G., Ritchie, T. D., Sedikides, C., & Wildschut, T. (2012). Odyssey’s end: Lay conceptions of nostalgia reflect its original Homeric meaning. Emotion, 12(1), 102–119. https://doi.org/10.1037/a0025167
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Lyubomirsky, S. (2007). The How of Happiness: A Scientific Approach to Getting the Life You Want. Penguin. (Deutsch: Glücklich sein, Campus 2008)
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Thich Nhat Hanh (1991). Peace Is Every Step: The Path of Mindfulness in Everyday Life. Bantam. (Deutsch: Das Wunder der Achtsamkeit, Theseus 1995)
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

