Zum Inhalt springen

Den inneren Gipfel erreichen – Hillary, Duckworth und die vier Bedingungen des Tuns

Last updated on 16/06/2026

„It is not the mountain we conquer but ourselves“ – diese populär Edmund Hillary zugeschriebene Zeile fasst zusammen, was Hillary in High Adventure (1955) über seinen Aufstieg auf den Mount Everest beschrieb. Am 29. Mai 1953 erreichten er und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay als erste Menschen gemeinsam den Gipfel. Was bei beiden metaphorisch klingt, ist psychologisch präzise: Das eigentliche Hindernis beim Gipfel-Erreichen liegt nicht im Berg, sondern im Verhalten – und Verhalten entsteht nicht aus Wollen allein. Lutz von Rosenstiel hat dafür vier Bedingungen beschrieben (Wollen, Dürfen, Können, Situation); Angela Duckworth einen fünften, weniger beachteten Faktor: das Durchhalten über Jahre.

Was Hillary und Tenzing wirklich erlebten

Der Mai-1953-Aufstieg war die neunte britische Everest-Expedition – die acht davor waren gescheitert oder hatten Tote zurückgelassen. Hillary und Norgay verließen am Morgen des 29. Mai ihr Hochlager auf 8.500 Metern und brauchten gut fünf Stunden für die letzten Hundertfünfzig Meter Höhenunterschied. Die Hillary-Stufe – ein zwölf Meter hoher Felsblock kurz unter dem Gipfel – galt als technisches Hauptproblem; Hillary kletterte sie als Erster, Norgay folgte. Beide erreichten den Gipfel um etwa 11:30 Uhr.

In High Adventure (1955) beschreibt Hillary nicht die euphorische Heroik, die das Foto später suggerieren sollte. Er schreibt von Müdigkeit, vom Hin und Her im Kopf zwischen Aufgeben und Weitermachen, von der Sauerstoffflasche, die fast leer war. Was Hillary in vielen Interviews danach immer wieder formulierte, war: Der Berg ist nur das äußere Material. Was tatsächlich besiegt wurde, war die innere Stimme, die sagt: Es geht nicht mehr.

Diese Beobachtung deckt sich mit dem, was ich aus meinen eigenen Wandererfahrungen kenne – im Elbsandsteingebirge bei minus zwanzig Grad, am Klettersteig in Schladming, bei den letzten Hundert Metern, wenn der Körper meint, er könne nicht mehr. Der äußere Berg ist nur die Bühne, auf der die innere Bewegung sichtbar wird.

Das Rosenstiel-Modell – die vier Bedingungen des Tuns

Lutz von Rosenstiel, einer der einflussreichsten deutschen Organisationspsychologen des 20. Jahrhunderts, hat 1998 ein Modell präzisiert, das Verhalten als das Zusammenspiel von vier Bedingungen erklärt:

  1. Persönliches Wollen – die Motivation, die inneren Werte, die Lust auf das Ziel.

  2. Soziales Dürfen – die Normen und Regeln des Umfelds, das, was erlaubt und erwünscht ist.

  3. Individuelles Können – die Fertigkeiten, das Wissen, die Fähigkeiten.

  4. Situative Ermöglichung – die äußeren Bedingungen, die ein Verhalten erleichtern oder erschweren.

Die Pointe des Modells ist, dass alle vier Faktoren zusammen das Verhalten bestimmen. Wer nur am Wollen arbeitet, ohne Können, scheitert. Wer Können hat, aber das Dürfen verweigert ist, kommt nicht voran. Wer alles hat, aber die Situation falsch wählt – im falschen Moment, am falschen Ort – findet trotzdem nicht zum Gipfel. Das Modell wird seit über zwanzig Jahren in der deutschsprachigen Organisationspsychologie verwendet, weil es scheinbar einfache, aber häufig vergessene Diagnosen erlaubt: Welche dieser vier Bedingungen fehlt hier eigentlich?

Angela Duckworth und das Konzept der Grit

Angela Duckworth hat 2007 zusammen mit Kollegen im Journal of Personality and Social Psychology das Konzept der Grit eingeführt – Perseveranz und Leidenschaft für langfristige Ziele. In ihrer berühmten Studie an West-Point-Kadetten zeigte sie, dass Grit der bessere Prädiktor für das Abschließen des fordernden Aufnahmesommers war als Intelligenz, körperliche Leistungsfähigkeit oder Leadership-Bewertungen. Grit erklärte etwa 4 bis 12 Prozent zusätzliche Varianz – ein Wert, der im psychologischen Kontext bedeutsam ist.

Die spätere Forschung hat das Konzept differenziert: Grit besteht aus Perseveranz (das Durchhalten bei Rückschlägen) und Konsistenz von Interessen (das Festhalten an einem Ziel über Jahre, nicht das ständige Wechseln). Beide Komponenten korrelieren mit Erfolg, aber Perseveranz ist der robustere Faktor. Grit ist nicht angeboren – es lässt sich entwickeln, vor allem durch das wiederholte Erleben, dass man durch Schwieriges hindurchgegangen ist.

In meinen Bergerfahrungen ist genau das beobachtbar: Jedes Mal, wenn die Knie noch zitterten, wuchs etwas, das beim nächsten Berg leichter werden würde. Nicht weil der Körper trainiert war – sondern weil die innere Stimme einen neuen Vergleichswert hatte.

Wovon das Wollen lebt

Edward Deci und Richard Ryan haben in der Self-Determination Theory gezeigt, dass nicht jedes Wollen gleich stark trägt. Autonomes Wollen – aus eigener Überzeugung, aus innerem Wert – führt zu längerer Anstrengung, höherer Qualität und mehr Wohlbefinden als kontrolliertes Wollen, das aus äußerem Druck, Schuldgefühlen oder Belohnungserwartung entsteht (Ryan & Deci 2017). Ein Berg, den jemand für sich selbst besteigt, trägt anders als ein Berg, den er besteigen muss, um vor anderen zu bestehen.

Gabriele Oettingen hat in einer langen Forschungsreihe gezeigt, dass die pure positive Fantasie über ein Ziel nicht beim Erreichen hilft – sie erschwert es sogar, weil das Gehirn das Ziel emotional schon als erreicht behandelt. Ihre WOOP-Methode (Wish, Outcome, Obstacle, Plan) kombiniert das Wünschen mit dem realistischen Anschauen des Hindernisses und einem konkreten Implementation-Intention-Plan. Studien zeigen klinisch und im Alltag deutliche Effekte – etwa beim Lernen, im Sport, bei gesundheitlichen Veränderungen (Oettingen 2014). Wer zum Gipfel will, muss das Hindernis ebenso klar sehen wie das Ziel.

Den eigenen Gipfel finden

Das eigentliche Erkennen ist nicht, dass man Berge besteigen muss – sondern welcher Berg der eigene ist. Es muss nicht der Mount Everest sein. Es kann das Lernen eines Instruments und das erste Konzert sein, der Wechsel in ein neues berufliches Feld, ein schwieriges Gespräch, das seit Jahren vermieden wird, oder die schlichte Entscheidung, fünf Mal pro Woche zu laufen.

In meinen Erfahrungen erlebe ich, dass die meisten Menschen ihren eigenen Gipfel kennen. Sie wagen ihn nur nicht zu benennen, weil ihn niemand für sie validiert. Das ist die Schattenseite des sozialen Dürfens: Wir suchen zu oft Bestätigung dort, wo der Gipfel klein wirken könnte. Doch die Größe eines Gipfels bemisst sich nicht an der Höhenmeterzahl, sondern an dem, was er den Begehenden kostet.

Carol Dweck hat in Mindset (2006) gezeigt, dass Menschen mit einem Growth Mindset – der Annahme, Fähigkeiten ließen sich entwickeln – sich an schwierigere Aufgaben heranwagen und länger durchhalten als Menschen mit einem Fixed Mindset. Wer glaubt, dass der eigene Gipfel mit jedem Schritt erreichbarer wird, geht ihn anders an als wer glaubt, am Anfang schon entschieden sei, ob man ihn schafft.

Praxis: vom Wollen zum Gipfel

Wer einen eigenen Gipfel vor Augen hat, kann mit vier Fragen arbeiten – einer für jede Rosenstiel-Bedingung:

  • Wollen. Ist dieser Gipfel wirklich meiner, oder ist er von außen gesetzt? Wenn er meiner ist – warum gerade dieser? Wenn die Antwort schwerfällt, lohnt sich erst die Klärung des Wollens, bevor das Tun beginnt.

  • Dürfen. Was hindert mich daran, mich auf diesen Gipfel zuzubewegen – aus welcher sozialen Norm, aus welcher Erwartung? Ist dieses Hindernis real oder geliehen?

  • Können. Welche Fertigkeit fehlt mir noch? Wo bekomme ich sie? Welcher kleinste sinnvolle Lernschritt ist heute möglich?

  • Situation. Welche äußeren Bedingungen brauche ich – Zeit, Ruhe, Begleitung, Material? Wie kann ich sie mir bereitstellen?

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie verlangt Mut, der eigenen Stimme zu trauen, auch wenn der Berg klein wirkt. Sie braucht Selbsterkenntnis, den eigenen Gipfel überhaupt zu erkennen. Und sie greift auf das vierte Toltec-Versprechen zurück – nicht perfekt sein wollen, sondern an jedem Tag das Beste tun, was an diesem Tag möglich ist.

Wer mit dem Rosenstiel-Modell im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) ist die Vier-Bedingungen-Diagnose als Grundraster für Mitarbeiter- und Veränderungsgespräche beschrieben.

Welcher Gipfel steht gerade vor Dir – nicht der äußere, sichtbare, sondern der innere, der zwischen Dir und dem nächsten Schritt liegt? Schreib ihn auf, einen Satz nur. Frag dann nach Rosenstiels vier Bedingungen: Wollen, Dürfen, Können, Situation. Welche fehlt? Das ist der Punkt, an dem die nächste Bewegung ansetzt.

Quellen

  • Duckworth, A. L., Peterson, C., Matthews, M. D., & Kelly, D. R. (2007). Grit: Perseverance and passion for long-term goals. Journal of Personality and Social Psychology, 92(6), 1087–1101. https://doi.org/10.1037/0022-3514.92.6.1087

  • Duckworth, A. L. (2016). Grit: The Power of Passion and Perseverance. Scribner. (Deutsch: Grit. Die neue Formel zum Erfolg, Bertelsmann 2017)

  • Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House. (Deutsch: Selbstbild, Piper 2009)

  • Hillary, E. (1955). High Adventure: The True Story of the First Ascent of Everest. Hodder & Stoughton. (Neuauflage Oxford University Press 1999, Vorwort von Tenzing Norgay)

  • Norgay, T., & Ullman, J. R. (1955). Man of Everest: The Autobiography of Tenzing. Harrap.

  • Oettingen, G. (2014). Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation. Current. (Deutsch: Die Psychologie des Gelingens, Pattloch 2014)

  • Rosenstiel, L. v. (1998). Wertewandel und Kooperation. In: E. Spieß (Hrsg.), Formen der Kooperation. Bedingungen und Perspektiven (S. 279–294). Verlag für Angewandte Psychologie.

  • Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. Guilford Press.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

#MutTutGut #Grit #Selbstüberwindung #Motivation #LearningAndDevelopment

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut