Last updated on 16/06/2026
Im virtuellen Gespräch fallen die meisten Signale weg, mit denen unser Nervensystem Sicherheit liest: echter Blickkontakt, vollständige Mimik, Atmung und Präsenz im Raum. Was bleibt, ist die Sprache – und Worte lösen über somatische Marker messbare Körperreaktionen aus, im Guten wie im Bedrohlichen. Wer virtuell führt oder moderiert, sollte seine Wörter deshalb so bewusst wählen wie seine Agenda.
Die Kamera zeichnet uns zweidimensional auf – und das entspricht nicht den Mustern, mit denen Menschen über Jahrtausende gelernt haben, psychologische Sicherheit zu lesen und Vertrauen aufzubauen. Was bedeutet das für unsere tägliche Kommunikation in Video-Calls? Es heißt: Wir müssen Worte und parasprachliche Signale bewusster einsetzen. Worte tragen im virtuellen Raum mehr Gewicht. Sie lösen Emotionen aus – und Emotionen lösen körperliche Reaktionen aus. In meiner Masterarbeit über die Bedeutung der Stimm- und Körperpräsenz in virtuellen mündlichen Kommunikationen (Voss 2021) war genau das der Kernbefund: Der virtuelle Raum nimmt uns Kanäle – und gibt der Stimme und der Wortwahl dafür umso mehr Verantwortung.
Wie Worte Emotionen körperlich wirksam machen
Zwei neurowissenschaftliche Konzepte kommen hier zusammen:
1. Spiegelneurone und Resonanz. Worte, die mit einem Lächeln gesprochen werden, lösen beim Zuhörenden die Tendenz zum Lächeln aus. Diese Resonanz ist neurobiologisch plausibel fundiert: Spiegelneurone – entdeckt von Giacomo Rizzolatti und seinem Team an der Universität Parma in den 1990er Jahren – lassen uns Handlungen und Emotionen anderer körperlich nachvollziehen (Rizzolatti & Craighero 2004). Zur Redlichkeit gehört: Wie weit dieses System beim Menschen trägt, wird in der Forschung weiter diskutiert – die Alltagsbeobachtung der emotionalen Ansteckung im Gespräch ist davon unberührt.
2. Somatische Marker (Antonio Damasio). Somatische Marker sind Körperempfindungen, die mit Emotionen verknüpft sind – etwa schneller Herzschlag mit Angst. Sie funktionieren wie ein körperliches Bewertungssystem („positiv – anziehen“, „negativ – vermeiden“) und werden in Sekundenbruchteilen aktiviert. Damasio (1994) beschreibt zwei Pfade:
- Body-Loop: Eine ausgelöste Emotion erzeugt direkt den körperlichen Zustand – Herzklopfen, flache Atmung, Anspannung.
- As-if-Body-Loop: Erinnerungen, Gedanken oder bloße Vorstellungen lösen die gleiche Reaktion aus – der Körper reagiert „als ob“.
Worte können beide Schleifen aktivieren. Damit beeinflussen sie nicht nur, wie wir uns fühlen – sondern auch, wie wir entscheiden und handeln.
Warum das im virtuellen Raum besonders zählt
Im Artikel zur Polyvagal-Theorie (siehe → Artikel „Wer dir gegenübersitzt, entscheidet mit“) habe ich beschrieben, wie unser Nervensystem durch Co-Regulation beruhigt wird – über Blickkontakt, Stimme, Mimik. Im virtuellen Raum sind diese Signale stark eingeschränkt:
- Echter Blickkontakt ist technisch unmöglich – wir schauen auf den Bildschirm, nicht in die Kamera
- Mimik wird durch Kompression und Latenz gefiltert
- Atmung und Körperhaltung sind kaum lesbar
Damit bleibt die Sprache als zentraler Kanal, über den Co-Regulation noch funktionieren kann. Wer Worte wählt, die positive Emotionen auslösen, kann das Nervensystem des Gegenübers auch durch den Bildschirm hindurch beruhigen. Wer Worte wählt, die Bedrohung signalisieren, aktiviert genauso zuverlässig den Sympathikus – und der Raum wird stressig, ohne dass es jemand bewusst entschieden hätte (vgl. → Artikel „Wenn Worte unter die Haut gehen – Naomi Eisenberger“).
Ein wissenschaftliches Werkzeug: die BAWL-R
Wer systematisch verstehen möchte, welche deutschen Wörter welche emotionale Wirkung haben, findet ein wertvolles Werkzeug in der Berlin Affective Word List Reloaded (BAWL-R), entwickelt von der Psychologin Melissa Võ und ihrem Team an der Freien Universität Berlin: normative Bewertungen zu emotionaler Valenz, Arousal und Vorstellbarkeit für mehr als 2.900 deutsche Wörter (Võ et al. 2009) – eine empirische Belegsammlung dafür, dass Wörter alles andere als neutral sind.
Was das praktisch bedeutet
In meinen Erfahrungen in Learning & Development habe ich gesehen, wie viele virtuelle Meetings, Workshops und Change-Prozesse genau hier scheitern – nicht am Inhalt, sondern an der gewählten Sprache (vgl. → Artikel „Vom Marsch zum Tanz – Kommunikation in einer VUCA-Welt“). Wer im virtuellen Raum führt oder moderiert, sollte wertschätzende Sprache bewusst kultivieren („gemeinsam“, „möglich“, „verstehen“), Killer-Wörter meiden („immer“, „nie“, „eigentlich“, „aber“), parasprachliche Signale einsetzen (kurze Bestätigungslaute, warme Stimmfarbe), Pausen lassen – sie wirken virtuell stärker als analog – und konkret, bildhaft sprechen, denn das aktiviert den As-if-Body-Loop positiv.
Die bewusste Wahl von Worten und ihre neurobiologische Wirkung im beruflichen Gespräch ist Kerngegenstand meines Buchs Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98. Für die Übertragung auf Workshops und partizipative Tagungen, wo sich die Wirkung von Sprache durch die Gruppendynamik vervielfacht: Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025): 👉 tidd.ly/4clXpur (beide Affiliate-Links).
Praxis: Drei Wenn-Dann-Pläne für Dein nächstes virtuelles Meeting
Implementation Intentions machen gute Vorsätze handlungsfest. Formuliere vor dem nächsten Call drei konkrete Wenn-Dann-Sätze und notiere sie sichtbar neben der Kamera:
- Wenn ich widersprechen will, dann beginne ich mit „Ich sehe das anders, und mich interessiert Dein Blick darauf“ – statt mit „aber“.
- Wenn jemand einen Vorschlag macht, dann benenne ich zuerst, was daran trägt – bevor ich ergänze.
- Wenn ich merke, dass meine Stimme schneller wird, dann mache ich eine bewusste Pause und atme einmal aus, bevor ich weiterspreche.
Nach dem Meeting: kurz prüfen, welcher der drei Pläne gezündet hat – und welcher morgen dran ist.
KI im Lernalltag
Vor heiklen virtuellen Terminen lasse ich wichtige Formulierungen gern von einem KI-Sprachmodell gegenlesen: „Hier ist mein Gesprächseinstieg – welche Wörter könnten beim Gegenüber Abwehr oder Bedrohung auslösen, und welche wertschätzenden Alternativen gibt es?“ Das schärft den Blick für die eigene Wortwahl, ersetzt aber nicht das eigene Urteil – und ein wichtiger Hinweis: Keine vertraulichen oder internen Inhalte in öffentliche KI-Tools geben; die Übung funktioniert genauso gut mit neutralisierten Formulierungen.
Zum Schluss
Was wäre, wenn Du jedes virtuelle Meeting eine Woche lang so vorbereiten würdest wie eine Rede – nicht in den Folien, sondern in den ersten drei Sätzen?
Quellen:
- Damasio, A. R. (1994): Descartes‘ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. Putnam, New York. (dt.: Descartes‘ Irrtum. List Verlag.)
- Rizzolatti, G. & Craighero, L. (2004): The mirror-neuron system. Annual Review of Neuroscience, 27, 169–192. DOI: 10.1146/annurev.neuro.27.070203.144230
- Võ, M. L.-H., Conrad, M., Kuchinke, L., Urton, K., Hofmann, M. J. & Jacobs, A. M. (2009): The Berlin Affective Word List Reloaded (BAWL-R). Behavior Research Methods, 41(2), 534–538. DOI: 10.3758/BRM.41.2.534
- Porges, S. W. (2011): The Polyvagal Theory. W. W. Norton, New York.
- Voss, S. (2021): Organisationsentwicklungen und ihre virtuellen mündlichen internen Kommunikationen. Die Bedeutung der Stimm- und Körperpräsenz. GRIN Verlag, München.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog
Zusammenfassung: Weil der virtuelle Raum die meisten Sicherheitssignale des Nervensystems herausfiltert, wird die Wortwahl zum wichtigsten Kanal der Co-Regulation – Worte aktivieren über Damasios somatische Marker (Body-Loop und As-if-Body-Loop) messbare Körperreaktionen, und die BAWL-R von Melissa Võ belegt die emotionale Ladung von über 2.900 deutschen Wörtern empirisch. Wer virtuell führt, kultiviert deshalb bewusst wertschätzende Sprache, meidet Killer-Wörter und nutzt Wenn-Dann-Pläne, um die eigene Wortwahl im Meeting zu verändern.


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