Last updated on 16/06/2026
Gefühle sind ansteckend: Die Psychologin Elaine Hatfield hat als Erste erforscht, wie wir die Mimik, Stimme und Stimmung unseres Gegenübers unwillkürlich übernehmen – emotionale Ansteckung. Das heißt: Wie ich jemandem begegne, färbt ab. Eine freundliche Geste kann eine Kette positiver Reaktionen auslösen, eine schroffe ebenso eine negative.
„Lass nie zu, dass dir jemand begegnet, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.“
— Mutter Teresa zugeschrieben (1910–1997; breit verbreitet, ohne belegte Originalquelle)
Mutter Teresa, Friedensnobelpreisträgerin von 1979, erinnert uns daran, wie viel im Alltäglichen liegt. Wie wahr das ist, führte mir kürzlich eine kleine Szene vor Augen.
Eine Begegnung am Fischstand
Während ich Fisch kaufte, drängte sich ein älterer Mann zwischen mich und den Kunden, der gerade bedient wurde. Als ich ihn ansprach, reagierte er schnippisch und aggressiv – das überraschte und verärgerte mich zunächst. Einen Moment lang wäre es leicht gewesen, mit gleicher Schärfe zu antworten. Stattdessen entschied ich mich, den Fokus zu wechseln, sagte ihm, es sei nicht schlimm – und beobachtete, wie sich seine Gereiztheit sogar auf seine Frau übertrug, die mich wütend ansah. Es tat mir eher leid: Menschen wie er kämpfen oft gegen eigene Unsicherheiten und Alltagsstress. Dem Fischhändler begegnete ich betont freundlich – und prompt wurde auch er wärmer und hilfsbereiter.
Warum sich Stimmung überträgt
Genau das ist emotionale Ansteckung. Elaine Hatfield beschrieb mit John Cacioppo und Richard Rapson, wie Menschen automatisch die Gesichtsausdrücke, Tonlagen und Körperhaltungen ihres Gegenübers nachahmen – und dadurch deren Gefühle „mitschwingen“. Schärfe erzeugt Schärfe, Wärme erzeugt Wärme; beides läuft oft unbewusst ab. Wer das weiß, hat eine Wahl: Wir können die negative Kette unterbrechen und eine positive anstoßen – nicht durch Wegsehen, sondern durch eine bewusst andere erste Reaktion (verwandt → Artikel zur Begegnung ohne Vorurteile).
Praxis: Die unterbrochene Kette
Übe diese Woche das bewusste Umlenken:
- Wenn Dir jemand schroff begegnet, halt eine Sekunde inne, bevor Du reagierst.
- Frag Dich still: „Was kämpft in dieser Person gerade?“ – und wähl eine warme statt einer scharfen Antwort.
- Beobachte, was es mit der nächsten Begegnung macht – oft reichst Du die Freundlichkeit weiter, die Du selbst geben wolltest.
Du musst niemanden retten. Es genügt, die Ansteckung in die andere Richtung zu drehen.
Zum Schluss
Lass uns daran arbeiten, dass jede Begegnung eine kleine positive Spur hinterlässt. Wer geht heute aus einer Begegnung mit Dir – ein bisschen leichter, als er gekommen ist?
Wie Haltung und Resonanz unsere Begegnungen prägen, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Hatfield, E., Cacioppo, J. T. & Rapson, R. L. (1993): Emotional Contagion. Current Directions in Psychological Science, 2(3), 96–100. DOI: 10.1111/1467-8721.ep10770953
- Mutter Teresa: zugeschriebenes Zitat (breit verbreitet, ohne belegte Originalquelle).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 3: Begegnung & Dialog (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Gefühle stecken an (emotionale Ansteckung, Elaine Hatfield): Wie wir jemandem begegnen, überträgt sich – Schärfe erzeugt Schärfe, Wärme erzeugt Wärme. Wer die negative Kette bewusst unterbricht und freundlich antwortet, hinterlässt glücklichere Menschen und steigert sein eigenes Wohlbefinden.


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