Last updated on 16/06/2026
Wir kennen uns selbst nicht so gut, wie wir glauben – aber auch nicht so schlecht. Die Psychologin Simine Vazire zeigt mit ihrem Selbst-Fremd-Wissens-Modell: Manche Eigenschaften (innere, wie Angst) sehen wir selbst besser; andere (sichtbare, bewertbare, wie Charme oder Dominanz) erkennen Außenstehende treffender. Selbsterkenntnis braucht deshalb beides: Innenschau und ehrliches Feedback.
Selbsterkenntnis gilt als Schlüssel zur emotionalen Intelligenz – zu Recht. Nur ist sie kein reiner Blick nach innen.
Was die Forschung zeigt
Simine Vazires SOKA-Modell (Self-Other Knowledge Asymmetry) bringt es auf den Punkt: Bei inneren, schwer beobachtbaren Merkmalen (Gefühle, Selbstwert, Ängstlichkeit) wissen wir oft mehr über uns als andere. Bei sichtbaren, wertenden Merkmalen (wie wir wirken, wie dominant oder sympathisch) haben Außenstehende den besseren Blick – gerade weil wir uns hier selbst etwas vormachen. Wahre Selbsterkenntnis entsteht also nicht im stillen Kämmerlein allein, sondern im Abgleich mit dem, was andere wahrnehmen (vgl. → Eurich, „Selbsterkenntnis statt Selbstkritik“).
Die Brücke
- Haltung: Ich akzeptiere, dass ich blinde Flecken habe – besonders bei meiner Wirkung.
- 1, 2, 3 – mein Handeln: Ich beobachte meine inneren Zustände (Innenschau); ich hole gezielt Fremdbild ein („Wie wirke ich, wenn …?“); ich gleiche beide Bilder ab, statt nur einem zu glauben.
- a, b, c – Wirkung im System: Menschen, die Fremdbild zulassen, werden lernfähiger · Teams entwickeln eine Kultur ehrlicher Rückmeldung · Zusammenarbeit wird klarer, weil weniger Selbsttäuschung im Spiel ist.
Praxis: Der Selbst-Fremd-Abgleich
- Notiere zu einer Eigenschaft, wie du dich einschätzt (z. B. „Ich wirke ruhig in Konflikten“).
- Frag zwei Menschen, die dich erleben: „Wie wirke ich da wirklich auf dich?“
- Vergleiche – die Lücke ist kein Makel, sondern dein präzisester Lernort.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann Fragen für ehrliches Feedback formulieren: „Gib mir drei konkrete Fragen, mit denen ich Kolleg:innen nach meiner Wirkung fragen kann.“ Die kritische Kante: Die KI kennt deine Wirkung nicht – das echte Fremdbild kommt von Menschen, die dich erleben. Die KI bereitet die Frage vor, die Antwort gibt das Gegenüber.
Zum Schluss
Bei welcher deiner Eigenschaften könnte das Bild der anderen genauer sein als dein eigenes – und wen könntest du heute danach fragen?
Wie Selbst- und Fremdbild in Gesprächen zusammenfinden, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Vazire, S. (2010): Who Knows What About a Person? The Self–Other Knowledge Asymmetry (SOKA) Model. Journal of Personality and Social Psychology, 98(2), 281–300.
- Cross-Ref: „Selbsterkenntnis statt Selbstkritik – Tasha Eurichs Was-Frage“ (Serie).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Wir kennen uns selbst nur halb – Innenschau und Fremdbild ergänzen sich (Vazire, SOKA): Inneres sehen wir besser, unsere Wirkung sehen andere besser. Echte Selbsterkenntnis entsteht im Abgleich, nicht im Alleingang.


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