Zum Inhalt springen

Schubladen-Denken – Susan Andersen und die Frage, mit wem wir da eigentlich gerade sprechen

Last updated on 16/06/2026

Manchmal sprechen wir gar nicht mit dem Menschen vor uns, sondern mit jemandem aus unserer Vergangenheit: Die Sozialpsychologin Susan Andersen hat experimentell gezeigt, dass schon eine zufällige Ähnlichkeit mit einer wichtigen Person aus unserem Leben ausreicht, um alte Gefühle, Erwartungen und Verhaltensweisen auf einen Fremden zu übertragen – ohne dass wir es merken (Andersen & Chen 2002). Unsere Schubladen sortieren also nicht nur Eigenschaften. Sie sortieren Beziehungen.

Neulich ertappte ich mich bei einer ablehnenden Haltung gegenüber einer Kursteilnehmerin – obwohl sie noch kein Wort gesagt hatte. Beim Hinspüren stellte ich fest: Sie erinnerte mich an einen Menschen, mit dem ich einen Konflikt hatte. Nachdem mir das bewusst geworden war, suchte ich das Gespräch, neugierig und offen – und schnell zeigte sich: Sie war ganz anders als meine Erinnerung. Freundlich, aufgeschlossen. Die Schublade war schneller gewesen als die Begegnung.

Warum die Schublade schneller ist

Unsere Interpretation der Wirklichkeit wird durch Deutungsmuster geprägt, die aus Erfahrungen und den Erinnerungen daran entstehen. Wir deuten Situationen bevorzugt so, dass sie zu unseren bestehenden Auffassungen passen, und blenden andere Lesarten aus (vgl. → Artikel „Worte, Wahrnehmung, Wirklichkeit“). Das ist keine Charakterschwäche, sondern Ökonomie: Ohne Kategorien müssten wir jede Situation neu durchdenken. Teuer wird es erst, wenn die Schublade unbemerkt das Steuer übernimmt.

Die Forschung: Übertragung im Alltag

Genau diesen Mechanismus hat Susan Andersen (New York University) mit Serena Chen über Jahre experimentell seziert. Ihre Theorie des relationalen Selbst besagt im Original: „knowledge about the self is linked with knowledge about significant others“ – unser Selbstwissen ist mit dem Wissen über wichtige Bezugspersonen verknüpft (Andersen & Chen 2002). In ihren Experimenten genügte es, wenn eine fremde Person beiläufig einer wichtigen Bezugsperson ähnelte – ein Sprachduktus, eine Vorliebe, ein Gesichtszug: Die Versuchspersonen übertrugen Gefühle, Erwartungen und sogar ihr eigenes Verhalten aus der alten Beziehung auf den neuen Menschen. Die Psychoanalyse nannte das Übertragung; Andersen hat gezeigt, dass es kein Couch-Phänomen ist, sondern sozialkognitiver Alltag. Meine Kursteilnehmerin hatte keine Chance, als sie selbst gesehen zu werden – bis ich die Übertragung bemerkte.

Verwandt, aber nicht dasselbe: Erwartungseffekte wie der Pygmalion-Effekt, bei dem die Erwartung an einen Menschen dessen Entwicklung mitformt (vgl. → Artikel „Den anderen wachsen lassen – Growth Mindset und der Pygmalion-Effekt“), und der Bestätigungsfehler, der passende Belege bevorzugt (vgl. → Artikel zum Bestätigungsfehler). Die Übertragung ist die leiseste der drei Verzerrungen – sie fühlt sich von innen wie Menschenkenntnis an.

Die Kunst der neutralen Begegnung

Jemandem als unbeschriebenes Blatt zu begegnen, ist eine bewusste Entscheidung gegen die schnelle Schublade. Es ist wie meine gewohnte Route von der Arbeit nach Hause: Fahre ich einmal abseits der Autobahn durch Nebenstraßen, entdecke ich Dinge, die bereichernder sind als alles, was ich zu kennen glaubte.

Praxis: Das Nebenstraßen-Experiment

Ein Wochenend-Experiment in zwei Teilen. Wörtlich: Nimm an einem Tag bewusst eine andere Route – zu Fuß, mit dem Rad, im Auto – und registriere, was Du siehst, das es an Deiner Stammstrecke nicht gibt. Übertragen: Wähle am selben Wochenende einen Menschen, über den Dein Urteil längst feststeht, und stelle ihm eine Frage abseits Eurer Stammstrecke – nichts Berufliches, nichts Übliches („Was hat Dich zuletzt überrascht?“). Vergleiche danach: Welche der beiden Nebenstraßen hat mehr Neues gezeigt?

Zum Schluss

Wenn Dir das nächste Mal jemand auf Anhieb unsympathisch ist, bevor er etwas gesagt hat – wessen Gesicht, wessen Stimme aus Deiner Vergangenheit könnte da gerade im Raum stehen? Und was sieht der Mensch vor Dir wohl, wenn er in diesem Moment Dich ansieht?

Wie Deutungsmuster und Unterbewusstsein unsere Gespräche steuern, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Quellen:

  • Andersen, S. M. & Chen, S. (2002): The relational self: An interpersonal social-cognitive theory. Psychological Review, 109(4), 619–645. DOI: 10.1037/0033-295X.109.4.619

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

Zusammenfassung: Schubladen sortieren nicht nur Eigenschaften, sondern ganze Beziehungen – Susan Andersens Forschung zum relationalen Selbst zeigt, dass eine zufällige Ähnlichkeit mit einer wichtigen Bezugsperson genügt, um alte Gefühle und Erwartungen unbemerkt auf Fremde zu übertragen. Das Nebenstraßen-Experiment macht erfahrbar, was sichtbar wird, sobald man die Stammstrecke der eigenen Urteile verlässt.

Published inMut tut gutWahrnehmung und DeutungWahrnehmung und Deutung

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert