Last updated on 16/06/2026
„Calmness of mind is one of the beautiful jewels of wisdom“ – schreibt James Allen 1903 im Schlusskapitel seines kleinen Klassikers As a Man Thinketh. Innere Ruhe, sagt Allen, sei „das Ergebnis langer und geduldiger Selbstbeherrschung“ – Zeichen einer gereiften Erfahrung und einer mehr als gewöhnlichen Kenntnis der Gesetze des Denkens. Das ist eine ungewöhnliche Definition: Gelassenheit ist nicht eine Eigenschaft, die man hat – sie ist ein Reifestadium, in das man eintritt. Sie wird nicht beschlossen, sondern gewachsen. Und sie kann auch nicht erzwungen werden, wie schon Mencius im 4. Jahrhundert v. Chr. mit dem Bild des Bauern festhielt, der seine Setzlinge aus der Erde zog, damit sie schneller wüchsen – und sie damit umbrachte.
Was Allen 1903 wirklich meinte
James Allen (1864–1912) war kein Akademiker, sondern Autodidakt aus Leicester, der in einer Textilfabrik arbeitete, bis er die wirtschaftliche Sicherheit erreichte, sich ganz dem Schreiben zu widmen. As a Man Thinketh (1903) ist sein bekanntestes Werk – ein 70-seitiges Büchlein, das nach seinem frühen Tod 1912 zu einem der einflussreichsten Texte der populären Selbstreflexionsliteratur wurde. Allen gehörte zur New Thought-Bewegung, einer amerikanisch-britischen Strömung, die die Kraft der Gedanken in den Mittelpunkt der persönlichen Entwicklung stellte.
Sein Schlusskapitel über Serenity hat eine doppelte Pointe. Die erste: Gelassenheit ist erworben, nicht angeboren. Sie ist das Resultat dessen, was Allen „long and patient effort in self-control“ nennt – langer, geduldiger Arbeit an den eigenen Gedanken und Reaktionen. Die zweite: Gelassenheit ist erkenntnishaft, nicht emotional. Sie zeigt, dass jemand verstanden hat, wie das eigene Denken und Fühlen funktioniert. Sie ist – in Allens Worten – „a more than ordinary knowledge of the laws and operations of thought“.
Diese Definition unterscheidet Gelassenheit von zwei Zuständen, mit denen sie häufig verwechselt wird: von Passivität (die nichts tut) und von Distanz (die nicht teilnimmt). Allens Gelassenheit ist hochaktiv – sie braucht Aufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und immer wieder die kleine Korrektur, die das Denken in eine ruhigere Richtung lenkt.
Wer am Gras zog: Mencius und die Geschichte aus Song
Das Bild des Grasziehens hat eine genaue Quelle. Im Mengzi (Mencius), dem zweiten der vier konfuzianischen Klassiker, erzählt der Philosoph im Kapitel 2A:2 von einem Mann aus dem Staat Song:
„Es war ein Mann aus Song, der die Setzlinge in seinen Feldern nicht wachsen sah, wie er es wollte. Da zog er an ihnen, damit sie länger würden. Müde kehrte er nach Hause zurück und sagte zu seiner Familie: ‚Ich bin heute müde. Ich habe den Setzlingen geholfen zu wachsen.‘ Sein Sohn lief eilig hinaus und sah die Setzlinge: Sie waren verdorrt.“
Das chinesische Sprichwort yà miáo zhù zhǎng – „die Setzlinge ziehen, damit sie wachsen“ – ist daraus geworden. Es beschreibt das Muster: Wer Ungeduld in Wachstumsprozesse einbringt, beschleunigt sie nicht, sondern beschädigt sie. Mencius bezog das auf die moralische Bildung des Menschen, aber das Bild trägt weit darüber hinaus: in der Führung von Mitarbeitern, in der Erziehung von Kindern, in der Begegnung mit Menschen, die einen Weg gerade nicht so gehen, wie man es selbst für richtig hält.
Im Berufsalltag erlebe ich diese Geste häufig in einer subtilen Form: das Drängen, das mit guter Absicht beginnt („ich will dir helfen, schneller zu werden“) und im Effekt das Gegenteil bewirkt. Was an dieser Stelle reift, ist nicht der Mitarbeiter – es ist der Widerstand.
Was die Forschung zur Gelassenheit zeigt
Die psychologische Forschung der letzten dreißig Jahre hat dem, was Allen literarisch formulierte, einen empirischen Boden gegeben. James Gross hat 1998 in seinem viel zitierten Übersichtsartikel im Review of General Psychology die Emotionsregulation als eigenständiges Forschungsfeld etabliert. Sein zentraler Befund: Erfolgreiche Emotionsregulation ist nicht das Unterdrücken von Gefühlen, sondern die Neubewertung (cognitive reappraisal) der Situation, in der sie entstehen. Wer sein Gefühl bei der Wurzel – beim Denken – verändert, verändert auch sein Erleben, und tut das mit deutlich weniger Energieaufwand als wer das Gefühl selbst zu unterdrücken versucht.
Susan David hat in Emotional Agility (2016) gezeigt, dass die produktive Form der Emotionsregulation die emotionale Beweglichkeit ist – die Fähigkeit, schwierige Gefühle wahrzunehmen, ohne von ihnen mitgerissen zu werden, und ohne sie wegzudrücken. Sie unterscheidet das vom bottling (Wegdrücken) und vom brooding (Hineinsteigern). Gelassenheit im Allenschen Sinn ist genau das Dritte: weder Verdrängung noch Identifikation, sondern eine ruhige, klare Beobachtung dessen, was gerade da ist.
Aus der buddhistischen Tradition kommt der Begriff upekkhā – meist als „Gleichmut“ oder „Equanimität“ übersetzt. Pema Chödrön hat in When Things Fall Apart (1997) diese Tradition für ein westliches Publikum greifbar gemacht: Equanimität ist nicht das Vermeiden schwieriger Gefühle, sondern die Fähigkeit, bei ihnen zu bleiben, ohne in Reaktivität zu verfallen. Sie ist der innere Raum, in dem die Welt geschehen darf, wie sie geschieht.
Kristin Neffs Forschung zum Selbstmitgefühl (2003 und seither) liefert eine wichtige Ergänzung: Equanimität allein kann kalt werden, wenn sie nicht von Wärme begleitet ist. Die freundliche Selbstbehandlung – auch sich selbst gegenüber, wenn man wieder einmal am Gras gezogen hat statt zu warten – ist die andere Seite derselben Reife.
Was Gelassenheit nicht ist
Allens Definition lässt sich in dem präzisieren, was Gelassenheit nicht meint:
Sie ist nicht Indifferenz. Wer gelassen ist, beteiligt sich; er hat nur ein anderes Tempo. Marcus Aurelius schrieb in seinen Meditationen (etwa 170 n. Chr.): „Verbringe nicht den Rest deines Lebens mit Vermutungen über andere. […] Lieber tu deine Sache so, als wäre sie das letzte und einzige, was du tust.“ (II.5) – Beteiligung ohne Aufgeregtheit.
Sie ist nicht Passivität. Die Acceptance and Commitment Therapy (Hayes, Strosahl & Wilson 1999) unterscheidet zwischen Resignation (das Aufgeben des eigenen Wertes) und Akzeptanz (das Aufgeben des Kampfs gegen die Wirklichkeit, ohne den eigenen Wert aufzugeben). Gelassenheit gehört in die zweite Kategorie.
Sie ist nicht schnelle Lockerheit. Allens Wort ist ripened experience – gereifte Erfahrung. Das deutsche „Gelassenheit“ kommt vom Mittelhochdeutschen gelâzenheit, einem Wort aus der Mystik (Meister Eckhart) für das Sich-Lassen – das Loslassen des Eigenwillens. Beides – Reife und das Loslassen – braucht Zeit.
Praxis: drei Bewegungen zur Reife der Gelassenheit
Wer Gelassenheit als wachsende Reife versteht, kann mit drei Mikropraktiken arbeiten:
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Den Moment des Grasziehens erkennen. Wann genau verspüre ich den Reflex, etwas in einem anderen Menschen zu beschleunigen – das Lernen, das Verstehen, die Veränderung? Das Erkennen genügt oft, um die Hand wieder sinken zu lassen.
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Die Frage nach dem eigenen Tempo. Was wäre für mich heute angemessen – nicht das, was die Tagesordnung verlangt, sondern das, was meine eigene Reife heute trägt? Diese Frage ist nicht egoistisch, sie ist die Voraussetzung dafür, andere nicht zu drängen.
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Eine Atempause vor der Reaktion. Drei Atemzüge, bevor die nächste Mail beantwortet, die nächste Sitzung begonnen, das nächste schwierige Gespräch geführt wird. Das ist die einfachste Form der Selbstbeherrschung, die Allen meinte – und sie wirkt.
Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ist die reife Form der Achtsamkeit, die wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben haben. Sie ist eine andere Modalität dessen, was wir unter Sinn als „Sand oder Ton“ diskutiert haben – die Wahl, wie ich den jetzigen Moment in den Händen halte. Und sie ist eine spätere Form von Mut: nicht der Mut zum großen Schritt, sondern der Mut, einen Moment zu warten.
Wer Gelassenheit im Berufsalltag üben möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) ist das Innehalten vor wichtigen Gesprächen als eine der zentralen Vorbereitungspraktiken beschrieben – mit konkreten Anwendungen für Konflikt-, Feedback- und Veränderungsgespräche.
Suche in den nächsten Tagen einen Moment, in dem Du am Gras ziehst – an einem Mitarbeiter, einem Kollegen, einem Familienmitglied. Beobachte, was geschieht. Beobachte besonders, was nicht geschieht. Vielleicht lehrt Dich dieser Moment etwas darüber, was Gelassenheit gerade in Deinem Leben wachsen lassen will.
Quellen
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Allen, J. (1903). As a Man Thinketh. The Savoy Hotel / De Vorss & Co. (Deutsch: Wie der Mensch denkt, so lebt er, Allegria 2008)
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Chödrön, P. (1997). When Things Fall Apart: Heart Advice for Difficult Times. Shambhala. (Deutsch: Geh an die Orte, die du fürchtest, Goldmann 1999)
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David, S. (2016). Emotional Agility: Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life. Avery. (Deutsch: Emotionale Beweglichkeit, Unimedica 2017)
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Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: An integrative review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299. https://doi.org/10.1037/1089-2680.2.3.271
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Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (1999). Acceptance and Commitment Therapy: An Experiential Approach to Behavior Change. Guilford Press.
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Marcus Aurelius (ca. 170 n. Chr.). Wege zu sich selbst. Übers. v. Rainer Nickel, Artemis & Winkler 1990.
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Mencius / Mengzi (4. Jh. v. Chr.). Mengzi. Buch 2A:2. Übers. v. Stephan Schuhmacher, Diederichs 1996.
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Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

