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Mit Dir beginnt die bessere Welt – Marie Curie, der Confidence Gap und die Praxis der Vorurteils-Prüfung

Last updated on 16/06/2026

„You cannot hope to build a better world without improving the individuals“ – schreibt Marie Curie 1923 in ihren Autobiografischen Notizen. Die volle Aussage ist wesentlich reicher als die populäre Verkürzung: Sie verbindet die individuelle Selbst-Arbeit mit einer geteilten Verantwortung für die Menschheit – und dem Hinweis, dass die eigentliche Pflicht darin besteht, jenen zu helfen, denen man konkret nützen kann. Marie Curie (1867–1934) blieb die einzige Frau und der einzige Mensch, der Nobelpreise in zwei verschiedenen Naturwissenschaften erhielt – in einer Zeit, in der Frauen an den meisten europäischen Universitäten nicht einmal promovieren durften. Wenn die Welt sich ändert, beginnt das oft mit einem Menschen, der nicht hineinpasst – und der die Last anderer mit-tragen will.

Wer Marie Skłodowska-Curie wirklich war

Marie Skłodowska wurde 1867 in Warschau geboren, das damals zu Russland gehörte. Sie wuchs in einer Familie auf, in der die Mutter (Tuberkulose) und eine Schwester (Typhus) früh starben. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, ging sie 1891 mit 24 Jahren nach Paris an die Sorbonne, eine der wenigen Universitäten Europas, die Studentinnen aufnahm. Sie lebte zunächst in extremer Armut – arbeitete an Naturwissenschaften, lernte abends Französisch und Mathematik nach. 1894 lernte sie Pierre Curie kennen, 1895 heirateten sie.

1898 entdeckten Marie und Pierre Curie zwei neue Elemente: Polonium (benannt nach Maries Heimatland) und Radium. Beide Entdeckungen wurden mit dem Nobelpreis für Physik 1903 ausgezeichnet, geteilt mit Henri Becquerel. Pierre starb 1906 bei einem Verkehrsunfall. Marie führte die Forschung allein weiter und erhielt 1911 den Nobelpreis für Chemie – diesmal solo – für die Isolierung des reinen Radiums. Sie bleibt bis heute die einzige Person, die Nobelpreise in zwei verschiedenen Naturwissenschaften gewann.

Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie „Petites Curies“ – mobile Röntgeneinheiten, die sie selbst an die Front fuhr und die schätzungsweise eine Million verwundete Soldaten diagnostizierten. Sie starb 1934 an aplastischer Anämie – fast sicher eine Folge ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit radioaktivem Material, deren Risiken damals noch nicht verstanden waren. Ihre Notizbücher sind bis heute zu radioaktiv, um sie ohne Schutzkleidung zu lesen.

Was Kay und Shipman zum Confidence Gap zeigen

Im Jahr 2014 veröffentlichten Katty Kay und Claire Shipman The Confidence Code – eine Synthese aus psychologischer Forschung und journalistischen Interviews mit Frauen in Führungspositionen. Ihr zentraler Befund: Frauen unterschätzen ihre Fähigkeiten und Erfolge systematisch, Männer überschätzen sie. Dies ist nicht nur eine subjektive Wahrnehmung, sondern hat messbare Konsequenzen.

Ein viel zitiertes Beispiel: Eine interne Studie bei Hewlett-Packard fand, dass Frauen sich auf interne Stellenausschreibungen erst dann bewarben, wenn sie 100 Prozent der gelisteten Anforderungen erfüllten – Männer bewarben sich schon bei 60 Prozent. Die Anforderungsliste war für beide gleich; die Lesart unterschied sich. Kay und Shipman dokumentieren ähnliche Befunde aus Gehaltsverhandlungen, Selbstbewertungen in Beurteilungsgesprächen und akademischen Publikationen.

Marie Curie tat das Gegenteil – sie kannte den Wert ihrer Arbeit und vertrat ihn. Als Pierre Curie 1903 angeboten wurde, die Forschung allein im Namen der Nobel-Verleihung zu nennen, bestand Pierre darauf, dass auch Marie genannt werde. Marie selbst wäre wohl bescheidener gewesen – aber sie ließ sich nicht einreden, ihre Arbeit sei weniger wichtig.

Was implizite Vorurteile auch heute tun

Mahzarin Banaji und Anthony Greenwald haben in Blindspot (2013) drei Jahrzehnte Forschung zu impliziten Vorurteilen zusammengefasst – jenen Bewertungen, die wir automatisch und ohne bewussten Willen treffen. Ihr Implicit Association Test (IAT), den über zwanzig Millionen Menschen weltweit absolviert haben, zeigt: Auch wer sich für vorurteilsfrei hält, trägt Schubladen in sich, die im schnellen Reaktionsverhalten messbar werden.

Eine besonders elegante Demonstration lieferten Claudia Goldin und Cecilia Rouse 2000 in einer Studie im American Economic Review. Sie untersuchten, was geschah, als amerikanische Symphonieorchester ab den 1970er-Jahren blinde Auditions einführten – die Bewerber spielten hinter einem Vorhang. Vor der Einführung waren weniger als zehn Prozent der Orchesterstellen mit Frauen besetzt; bis zur Jahrhundertwende stieg der Anteil auf rund vierzig Prozent. Goldin und Rouse berechneten, dass die blinde Audition allein die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in der Endrunde landete, um etwa fünfzig Prozent erhöhte. Das Talent war vorher schon da – die Vorurteile hatten es nur unsichtbar gemacht.

Linda R. Tropp und Thomas Pettigrew haben 2005 in einer Meta-Analyse von über 500 Studien zur Kontakthypothese (zuerst formuliert von Gordon Allport 1954) gezeigt, dass Vorurteile durch direkte, gleichberechtigte Begegnung mit Mitgliedern der „anderen“ Gruppe messbar abnehmen. Das funktioniert besonders dann, wenn die Begegnung kooperativ ist, ein gemeinsames Ziel verfolgt und institutionelle Unterstützung hat.

Wie individueller Wandel systemischen Wandel anstößt

Marie Curies Pointe – individuelle Verbesserung und geteilte Verantwortung – ist genau der Pfad, den die Forschung als wirksam beschreibt. Wenn eine einzelne Person die Schubladen nicht akzeptiert, in die andere sie stecken wollen, verändert sich nicht nur ihr eigenes Leben. Sie verändert auch das Möglichkeitsfeld für jene, die nach ihr kommen. Marie Curies Beispiel hat unzähligen Wissenschaftlerinnen die Erlaubnis gegeben, sich für möglich zu halten.

Wenn aber die individuelle Bewegung mit einer aktiven Vorurteils-Prüfung gegenüber anderen kombiniert wird – mit der Frage „Welche Schublade lege ich gerade selbst über diesen Menschen?“ –, dann wird aus einem Einzelphänomen ein systemischer Effekt. Das ist die Brücke, die Gandhi 1913 in der Indian Opinion zog (vgl. Artikel 31 dieser Serie), und die Marie Curie zehn Jahre später in eigener Sprache formulierte.

Praxis: vier Fragen zur Vorurteils-Prüfung

In meinen Erfahrungen erlebe ich, dass die Frage nach den eigenen Vorurteilen oft Abwehr auslöst (‚ich habe doch keine‘). Hilfreicher als die Frage ob sind drei konkrete Selbst-Beobachtungen, die die ursprüngliche Liste aufgreifen und schärfen:

  • Welche Schublade habe ich gerade über diesen Menschen gelegt? Bevor das Gespräch beginnt – welches Vorab-Urteil ist da? Geschlecht, Alter, Sprache, Berufsstand, Hierarchieposition? Das Erkennen genügt oft, um die Schublade etwas zu öffnen.

  • Was würde ich diese Person zuerst fragen, wenn ich sie nicht einordnen müsste? Diese Frage entkoppelt das Gespräch vom Voraburteil. Sie führt häufig zu neuen Informationen.

  • Wem könnte ich konkret nützen – nicht abstrakt, sondern in dieser Woche? Marie Curies Pointe von der „geteilten Verantwortung“ wird konkret, wenn sie auf eine real existierende Person zielt – nicht auf „die Welt“.

  • Wo unterschätze ich mich selbst gerade, ohne es zu bemerken? Die Confidence-Gap-Frage, gespiegelt ins Eigene. Sie ist nicht weniger wichtig als die Vorurteilsfrage gegen außen – sondern ihre andere Seite.

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Beiträgen aus der Serie. Sie greift den Gedanken auf, den wir im Coping-Beitrag (Art. 31) mit dem verifizierten Gandhi-Zitat aus Indian Opinion (1913) eingeführt haben: dass die Welttendenzen sich verändern, wenn wir selbst uns verändern. Sie ist eine Anwendung der kognitiven Selbst-Beobachtung, die wir in Wissen ist Macht (Dale Carnegie / Aaron Beck) beschrieben haben. Und sie öffnet die Wahrnehmung des Gegenübers, die wir mit der Vollen Tasse als Frage nach dem inneren Raum für das Andere formuliert haben.

Wer mit dieser Praxis im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind die Selbst-Klärung und die Vorurteils-Beobachtung als Teil der Gesprächsvorbereitung beschrieben – mit konkreten Anwendungen für Beurteilungs-, Konflikt- und Onboarding-Gespräche.

Marie Curie hat einen Satz hinterlassen, der den Bogen schließt: „Nothing in life is to be feared, it is only to be understood. Now is the time to understand more, so that we may fear less.“ Vielleicht ist das die genaueste Beschreibung dessen, was sie ihrem Jahrhundert hinterlassen hat: Verstehen statt Fürchten, Neugier statt Schubladen. Und die ruhige Gewissheit, dass jeder Schritt nach vorn auch ein Schritt für andere ist.

Quellen

  • Allport, G. W. (1954). The Nature of Prejudice. Addison-Wesley.

  • Banaji, M. R., & Greenwald, A. G. (2013). Blindspot: Hidden Biases of Good People. Delacorte Press. (Deutsch: Vor-Urteile, dtv 2015)

  • Curie, M. (1923). Pierre Curie, with Autobiographical Notes by Marie Curie. Translated by Charlotte and Vernon Lyman Kellogg. Macmillan.

  • Goldin, C., & Rouse, C. (2000). Orchestrating impartiality: The impact of „blind“ auditions on female musicians. American Economic Review, 90(4), 715–741. https://doi.org/10.1257/aer.90.4.715

  • Kay, K., & Shipman, C. (2014). The Confidence Code: The Science and Art of Self-Assurance—What Women Should Know. HarperBusiness. (Deutsch: Self-Confidence – Das Geheimnis weiblichen Selbstbewusstseins, Riemann 2014)

  • Quinn, S. (1995). Marie Curie: A Life. Simon & Schuster.

  • Tropp, L. R., & Pettigrew, T. F. (2005). Differential relationships between intergroup contact and affective and cognitive dimensions of prejudice. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(8), 1145–1158. https://doi.org/10.1177/0146167205274854

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

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