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Wenn der Tag rau wird – Ann Masten, George Bonanno und die Gewöhnlichkeit der Resilienz

Last updated on 16/06/2026

Rund zwei Drittel aller Menschen behalten nach belastenden Ereignissen ein stabiles Muster gesunden Funktionierens – Resilienz ist die häufigste Reaktion, nicht die seltene Ausnahme. Die Entwicklungsforscherin Ann Masten nennt sie „ordinary magic“: gewöhnliche Magie. In Veränderung und Krise entscheidet weniger das Vermeiden von Erschütterung als der Umgang mit ihr.

„Komme, was kommen mag; die Stunde durchläuft auch den rauesten Tag.“
— William Shakespeare, Macbeth, 1. Akt, 3. Szene

In Transformationsprozessen, Krisen und Phasen der Unsicherheit erleben Menschen Zweifel, Enttäuschung, Frustration. Das ist in Veränderungssituationen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wie wir – und Organisationen – diese Phasen durchlaufen, entscheidet über mehr als Wohlbefinden: über Lernfähigkeit, Bindung und nachhaltige Leistung.

Resilienz ist gewöhnlich, nicht heldenhaft

George Bonanno zeigt in Längsschnittstudien zu Verlust und Trauma, dass die Mehrheit der Menschen nach schweren Ereignissen stabil bleibt. Ann Masten hat aus jahrzehntelanger Entwicklungsforschung denselben Schluss gezogen und ihm den treffenden Namen gegeben: ordinary magic. Resilienz entspringe nicht seltenen Superkräften, sondern den ganz normalen menschlichen Anpassungssystemen – Beziehungen, Selbstregulation, Sinn, Zugehörigkeit. Das ist eine ermutigende Botschaft: Was uns trägt, ist in den meisten von uns bereits angelegt; es lässt sich schützen und stärken.

Festhalten verlängert das Leiden

Susan Nolen-Hoeksema zeigt mit der Response-Styles-Theorie: Anhaltendes Grübeln verschärft negative Gefühle, schwächt die Problemlösefähigkeit und zehrt an sozialer Unterstützung. Festhalten verlängert das Leiden – persönlich wie organisational. Und Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun beschreiben mit dem posttraumatischen Wachstum, wie aus der Auseinandersetzung mit Krisen neue Prioritäten, tragfähigere Beziehungen und ein verändertes Selbstverständnis entstehen können.

Was das für Lernen und Führung heißt

Es braucht Lernräume, die Verarbeitung ermöglichen, ohne Verharren zu fördern – Führungsentwicklung, die Krisenphasen nicht überspringt, sondern als Wachstumsräume begleitet, und Formate, die reflexive Distanz schaffen statt nur Methoden zu vermitteln.

Praxis: Die rauer-Tag-Landkarte

Wenn ein Tag oder eine Phase rau wird, hilft eine kurze Selbst-Verortung:

  • Stützsysteme benennen: Welche zwei Menschen, welche eine Routine tragen mich gerade? (Masten: genau hier wirkt die „gewöhnliche Magie“.)
  • Grübeln vom Verarbeiten trennen: Drehe ich Runden – oder komme ich einen Schritt weiter? Wenn Runden: bewusst eine Handlung wählen.
  • Sinn-Frage stellen: Was an dieser Phase könnte – später betrachtet – wichtig gewesen sein?

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell kann in einer rauen Phase beim Sortieren helfen: „Hier ist, was mich gerade belastet – hilf mir zu unterscheiden, was ich beeinflussen kann und was nicht, und nenne einen ersten kleinen Schritt.“ Das verschiebt den Fokus vom Kreisen zum Handeln. Die kritische Kante: Die KI ist kein Halt und kein Mensch; tragfähige Unterstützung kommt aus echten Beziehungen. Bei ernster Belastung ist fachliche Hilfe der richtige Weg.

Zum Schluss

Shakespeare hat die zugrunde liegende Bewegung in einem Satz benannt: Die Stunde läuft – auch durch den rauesten Tag. Resilienz heißt nicht, dass es nicht weh tut, sondern dass die meisten von uns das Rohe überstehen und daran sogar wachsen können.

Wie Organisationen Veränderung so begleiten, dass Menschen mitkommen, beschreibe ich in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (tidd.ly/4clXpur, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Masten, A. S. (2001): Ordinary Magic: Resilience Processes in Development. American Psychologist, 56(3), 227–238. DOI: 10.1037/0003-066X.56.3.227
  • Bonanno, G. A. (2004): Loss, Trauma, and Human Resilience. American Psychologist, 59(1), 20–28.
  • Nolen-Hoeksema, S., Wisco, B. E. & Lyubomirsky, S. (2008): Rethinking Rumination. Perspectives on Psychological Science, 3(5), 400–424.
  • Tedeschi, R. G. & Calhoun, L. G. (2004): Posttraumatic Growth. Psychological Inquiry, 15(1), 1–18.
  • Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 5: Lernende Organisation (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Resilienz ist die häufigste Reaktion auf Belastung, nicht die Ausnahme – Ann Masten („ordinary magic“) und George Bonanno zeigen, dass sie aus ganz normalen menschlichen Systemen erwächst. Wer Grübeln vom Verarbeiten trennt und Stützsysteme nutzt, übersteht raue Tage und kann an ihnen wachsen (posttraumatisches Wachstum).

Published inLernende OrganisationLernende OrganisationMut tut gut

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