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Gespräche auf Augenhöhe – Mary Parker Follett, Rolf Arnold und die Kraft des „Power-with“

Last updated on 16/06/2026

Schon 1924 unterschied die Management-Vordenkerin Mary Parker Follett zwischen „power over“ und „power with“ – Macht über andere und Macht mit anderen. Gemeinschaftliche Lösungen entstehen nur im zweiten Modus: nicht durch Nachgeben und nicht durch Durchsetzen, sondern durch Integration der Interessen. Und gute Gespräche beginnen dabei nicht beim Gegenüber, sondern bei uns selbst.

„Der Gescheitere gibt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründete die Weltherrschaft der Dummheit.“
— Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

Dieser scharfe Satz passt erstaunlich gut zur Augenhöhe: Sie ist nicht das ständige Nachgeben der Klügeren, sondern das ehrliche Ringen um eine Lösung, die beide trägt. Genau das meinte Follett.

Power-with statt Power-over

In ihrem Werk Creative Experience (1924) beschrieb Mary Parker Follett Macht nicht als Zwang, sondern als gemeinsames Schöpfungspotenzial. Konflikte löst man demnach nicht, indem eine Seite gewinnt (power over) oder nachgibt, sondern durch Integration: das Zusammenführen der zugrunde liegenden Interessen zu einer dritten, besseren Lösung. Das ist die strukturelle Grundlage von Augenhöhe – und der Brückenschlag zu konstruktiver Reibung (vgl. → Artikel zu Meinungsverschiedenheiten / Salz in der Suppe). Augenhöhe heißt nicht Harmonie um jeden Preis, sondern produktive Verschiedenheit.

Gute Gespräche beginnen bei uns selbst

Damit Integration gelingt, braucht es Selbstreflexion. Aus meinem Master bei Rolf Arnold habe ich seine Reflexionshaltung mitgenommen: Nach einem Meeting lohnt der Blick zurück – was lief gut, wo lag der Bruch? Arnold bietet in Wie man wird, wer man sein kann dafür Fragen, die ich für die Praxis verdichtet habe. Sie richten den Scheinwerfer nicht aufs Gegenüber, sondern auf die eigene Haltung im Gespräch.

Praxis: Die Reflexionskarte nach dem Meeting

Nimm Dir nach dem nächsten Meeting fünf Minuten und geh sieben Fragen durch – ehrlich, ohne Schönfärben:

  • Beratung losgelassen? Habe ich andere ihre eigenen Ziele finden lassen, statt Ratschläge aufzudrängen? („Wie könntest du das angehen?“ statt „Sie sollten…“)
  • Ungewohntes begrüßt? Habe ich unerwartete Ideen willkommen geheißen?
  • Eigenen Kritiker aktiviert? Habe ich meine eigenen Vorschläge hinterfragt – „Habe ich alle Perspektiven bedacht?“
  • Gleichwertigkeit gewahrt? Wurden Lösungen gemeinsam erarbeitet, hatte jede:r Raum?
  • Akzeptanz gezeigt? Habe ich mein Gegenüber so genommen, wie es ist – mit Stärken und Schwächen?
  • Systematisch erkundet? Wurden alle Möglichkeiten neugierig geprüft, nicht nur die naheliegende?
  • Empathisch gewesen? Bin ich auf emotionale wie rationale Beweggründe eingegangen – erst verstehen, dann handeln?

Am wirksamsten ist diese Reflexion gemeinsam – als kurze Runde mit den Beteiligten, in einem Rahmen, in dem sich alle sicher fühlen.

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell eignet sich gut als Reflexionspartner nach einem Gespräch. Schildere ihm knapp den Verlauf und bitte: „Stell mir zu jeder der sieben Fragen eine ehrliche Rückfrage, die ich mir vielleicht selbst nicht stelle.“ So wird die Selbstreflexion weniger gefällig. Die kritische Kante: Die KI kennt nur Deine Schilderung, nicht die Wirklichkeit des Raums – sie ist ein Spiegel für Deine Sicht, kein Schiedsrichter über das Geschehen. Vertrauliches bleibt außen vor.

Zum Schluss

Augenhöhe ist kein Nachgeben und kein Durchsetzen, sondern das gemeinsame Suchen nach der Lösung, die vorher keiner allein hatte. Genau dafür braucht es Mut – den Mut, die eigene Position zur Disposition zu stellen. Mut tut gut.

Wie diese Haltung partizipative Zusammenarbeit trägt, beschreibe ich in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (tidd.ly/4clXpur, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Follett, M. P. (1924): Creative Experience. Longmans, Green & Co. – Konzepte „power with“ / Integration von Konflikten. (gemeinfrei)
  • Arnold, R.: Wie man wird, wer man sein kann. 29 Regeln zur Persönlichkeitsbildung – Reflexionshaltung (eigene Lernerfahrung aus dem Master, TU Kaiserslautern)
  • Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 3: Begegnung & Dialog (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Gemeinschaftliche Lösungen entstehen nach Mary Parker Follett (1924) durch „power with“ statt „power over“ – durch Integration der Interessen statt Durchsetzen oder Nachgeben. Wer nach dem Meeting die eigene Gesprächshaltung reflektiert (Arnold), baut die Augenhöhe, auf der solche Lösungen wachsen.

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut

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