Last updated on 16/06/2026
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Spielraum – und dort entscheidet sich vieles. Die Psychologin Suzanne Kobasa zeigte, dass „hardy“ Menschen Belastung besser überstehen, weil sie drei Haltungen mitbringen: Commitment, Control und Challenge. Wie wir auf das reagieren, was uns widerfährt, ist also keine Frage des Charakters allein, sondern eine trainierbare Haltung.
„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Urteile über die Dinge.“
— Epiktet, Handbüchlein der Moral (Enchiridion), ca. 125 n. Chr.
Wir können nicht alles beeinflussen, was uns passiert, und nicht vorhersehen, wie eine Situation ausgeht. Beeinflussen können wir, wie wir reagieren. Jede Wahrnehmung läuft durch unsere Deutungen – und macht ein Ereignis erst zu etwas Positivem, Negativem oder Neutralem. Und weil Deutungen zutiefst persönlich sind, sind sie nie bei zwei Menschen gleich.
Drei Haltungen, die tragen
Suzanne Kobasa beschrieb in ihrer Forschung die Hardiness – die seelische Widerstandskraft – über drei „C“:
- Commitment: sich einlassen statt sich abwenden – „Das hier geht mich an.“
- Control: den eigenen Einflussbereich sehen statt sich als Spielball fühlen.
- Challenge: Veränderung als Herausforderung deuten, nicht nur als Bedrohung.
Diese drei Haltungen sind genau die Stellschrauben unserer Reaktion. Sie entscheiden, ob wir uns in einer Situation als Gestaltende erleben – oder als Opfer der Umstände.
Die Falle: Täter, Opfer, Retter
Stephen Karpman hat mit dem Drama-Dreieck gezeigt, wie wir in schwierigen Situationen unbewusst Rollen einnehmen: Opfer („Ich kann nichts tun“), Retter („Ich muss es für alle lösen“) oder Täter/Ankläger („Du bist schuld“). Jede dieser Rollen ist eine Reaktion – und keine davon macht uns wirksam. Der Ausweg ist die bewusste Wahl einer anderen Haltung (Kobasas „Control“: Wo ist mein Spielraum?).
Die Brücke: von der Deutung zum wirksamen Handeln
- Haltung: Ich erkenne an, dass meine Reaktion meine Deutung ist – nicht „die Wirklichkeit“.
- 1, 2, 3 – mein Handeln: Ich benenne meinen Einflussbereich (Control), lasse mich auf die Sache ein (Commitment) und deute die Lage als Aufgabe statt als Angriff (Challenge).
- a, b, c – Wirkung im System: Teams, die nicht in Schuldzuweisung (Drama-Dreieck) verfallen, sondern fragen „Was liegt in unserer Hand?“, handeln im Wandel schneller und lernfähiger.
Praxis: Der Reiz-Reaktions-Spielraum
- Wenn dich etwas trifft, halt einen Atemzug inne und frag: „Welche Rolle nehme ich gerade ein – Opfer, Retter, Ankläger?“
- Dann eine Kobasa-Frage: „Was liegt hier in meinem Einfluss?“ – und tu das eine, was du tun kannst.
- Beobachte, wie sich die Situation verändert, wenn du die Deutung wechselst.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann beim Umdeuten helfen: „Hier ist eine Situation, die mich getroffen hat – nenne mir drei Deutungen davon und je einen Punkt, der in meinem Einfluss liegt.“ Die kritische Kante: Die KI liefert Perspektiven, aber die Reaktion wählst du – und manche Dinge sind real schwer, nicht bloß „falsch gedeutet“. Selbstfürsorge geht vor Selbstoptimierung.
Zum Schluss
Zwischen dem, was passiert, und dem, was wir daraus machen, liegt unser Spielraum. Welche Rolle möchtest du im nächsten schwierigen Moment nicht mehr spielen – und welche Haltung wählst du stattdessen?
Wie Haltung und Deutungsmuster unsere Reaktionen steuern, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Kobasa, S. C. (1979): Stressful Life Events, Personality, and Health: An Inquiry Into Hardiness. Journal of Personality and Social Psychology, 37(1), 1–11. (Hardiness: Commitment, Control, Challenge)
- Karpman, S. (1968): Fairy Tales and Script Drama Analysis (Drama-Dreieck: Opfer–Retter–Verfolger).
- Epiktet: Encheiridion (Handbüchlein der Moral), ca. 125 n. Chr. (gemeinfrei).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 4: Wirksames Handeln (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Nicht das Ereignis, sondern unsere Reaktion entscheidet (Epiktet) – und die ist über die Hardiness-Haltungen Commitment, Control, Challenge (Kobasa) trainierbar. Wer das Drama-Dreieck (Opfer/Retter/Ankläger, Karpman) verlässt und den eigenen Einflussbereich wählt, handelt wirksamer – allein und im Team.


Sei der Erste der einen Kommentar abgibt