Last updated on 16/06/2026
Loslassen gilt als Schwäche – die Motivationsforschung sieht das anders. Jutta Heckhausens Lebensspannen-Theorie und die Studien von Carsten Wrosch zeigen: Wer unerreichbar gewordene Ziele aktiv verabschiedet und sich neuen zuwendet, lebt messbar wohler als wer festhält. Loslassen ist keine Kapitulation, sondern eine eigene Kompetenz – mit zwei Hälften, die beide geübt werden wollen.
„Wenn du ein wenig loslässt, hast du ein wenig Frieden. Wenn du viel loslässt, hast du viel Frieden. Wenn du vollständig loslässt, bist du frei.“
— Ajahn Chah, überliefert in den von Schüler:innen übersetzten Lehrreden (u. a. A Still Forest Pool, hrsg. Kornfield & Breiter 1985)
Ajahn Chah (1918–1992) wuchs in einer armen Bauernfamilie im Nordosten Thailands auf und wandte sich früh dem Buddhismus zu. Als Vertreter der Waldtradition meditierte er in der Natur und lehrte Achtsamkeit, Vergänglichkeit – und die Integration der Praxis in den Alltag. Sein Einfluss auf westliche Lehrende ist kaum zu überschätzen. Sein Kernsatz über das Loslassen klingt einfach. Aber was genau lassen wir eigentlich los – und woher wissen wir, wann?
Loslassen von Dingen – und von Sätzen
Die erste Ebene ist materiell: Besitz bindet Energie – an Pflege, Sorge, Versicherung, Verteidigung. Alles Besessene ist vergänglich; wer bewusst loslässt, befreit Aufmerksamkeit.
Die zweite Ebene wiegt schwerer: Glaubenssätze, die uns in der Kindheit mitgegeben wurden – „Sei immer nett“, „Sei nicht so emotional“. Wer solche Sätze erkennt und prüft, kann das eigene Selbst neu vermessen: Wer bin ich – ohne diesen Satz? (Welche Antreiber da typischerweise wirken, zeigt der → Artikel „Sei stark, sei perfekt, beeil dich – Kahlers fünf Antreiber“.)
Die dritte Ebene: Ziele loslassen
Die unbequemste Ebene hat die Motivationspsychologie vermessen. Jutta Heckhausen (University of California, Irvine) beschreibt in ihrer Lebensspannen-Theorie, dass gelingende Entwicklung zwei Bewegungen braucht: hartnäckiges Verfolgen erreichbarer Ziele – und das geordnete Deaktivieren von Zielen, deren Zeitfenster sich geschlossen hat (Heckhausen, Wrosch & Schulz 2010). Festhalten ist nur die halbe Tugend; die andere Hälfte ist das rechtzeitige Verabschieden.
Carsten Wrosch und Kolleg:innen haben die Folgen gemessen: Menschen, die unerreichbare Ziele schlecht loslassen können, zeigen mehr Stresssymptome und geringeres Wohlbefinden. Entscheidend ist aber das Paar: Disengagement plus Reengagement – wer loslässt und sich neuen sinnvollen Zielen zuwendet, geht es am besten; wer nur loslässt, ohne neu anzudocken, bleibt im Vakuum (Wrosch et al. 2003). Loslassen entfaltet seine Freiheit also erst mit einer neuen Richtung (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs“).
Wichtig zur Abgrenzung: Das ist kein Freibrief fürs schnelle Aufgeben. Beharrlichkeit bleibt wertvoll – bei Zielen, die erreichbar und prüfbar sind. Die Kunst ist die Unterscheidung, und sie braucht Gleichmut statt Sturheit (vgl. → Artikel „Equanimity – die Architektur des inneren Friedens“).
Was das praktisch bedeutet
Aus Erfahrung weiß ich: In Organisationen ist das Nicht-loslassen-Können teurer als das Aufgeben – Projekte, die niemand mehr glaubt, aber alle weitertragen; Rollenbilder, aus denen Menschen längst herausgewachsen sind. Wer Loslassen als Kompetenz behandelt statt als Niederlage, schafft Raum: im Portfolio, im Kalender, im Selbstbild.
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Praxis: Die Drei-Spalten-Prüfung des Festhaltens
Nimm Dir 15 Minuten und ein Blatt mit drei Spalten:
- Woran halte ich fest? Liste ehrlich: ein Ziel, ein Projekt, ein Besitz, ein Satz über Dich selbst.
- Was kostet es mich? Aufmerksamkeit, Energie, Geld, Selbstbild – konkret benennen.
- Was würde frei? Und – Wroschs Pointe – wofür? Notiere zu jedem Loslass-Kandidaten ein mögliches neues Andocken.
Entscheide nichts am selben Tag. Lies das Blatt nach einer Woche erneut – die Spalte drei hat dann meist von allein zu sprechen begonnen.
Zum Schluss
Wenn ein vertrauter Mensch Dein Leben von außen betrachten würde: Bei welchem Deiner Festhalte-Projekte würde er Dir wohl als Erstes sanft die Hand öffnen – und was würde er Dir stattdessen hineinlegen?
Quellen:
- Ajahn Chah, in: Kornfield, J. & Breiter, P. (Hrsg., 1985): A Still Forest Pool: The Insight Meditation of Achaan Chah. Quest Books, Wheaton. (Zitat in übersetzter Überlieferung)
- Heckhausen, J., Wrosch, C. & Schulz, R. (2010): A motivational theory of life-span development. Psychological Review, 117(1), 32–60. DOI: 10.1037/a0017668
- Wrosch, C., Scheier, M. F., Miller, G. E., Schulz, R. & Carver, C. S. (2003): Adaptive self-regulation of unattainable goals: Goal disengagement, goal reengagement, and subjective well-being. Personality and Social Psychology Bulletin, 29(12), 1494–1508. DOI: 10.1177/0146167203256921
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung
Zusammenfassung: Loslassen ist nach Jutta Heckhausens Lebensspannen-Theorie keine Schwäche, sondern die zweite Hälfte gelingender Selbstregulation – und Wroschs Studien zeigen, dass es Wohlbefinden nur dann freisetzt, wenn auf das Verabschieden unerreichbarer Ziele ein neues Andocken folgt (Disengagement plus Reengagement). Ajahn Chahs überlieferter Dreischritt vom kleinen zum vollständigen Loslassen bekommt damit eine empirische Übersetzung: Frieden wächst mit dem, was wir geordnet ziehen lassen.


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