Last updated on 16/06/2026
Seit 2009 befragt das Hoffnungsbarometer der Universität St. Gallen jährlich rund 10.000 Menschen in etwa zwanzig Ländern zu ihren Erwartungen an die Zukunft. Einer der konsistentesten Befunde stellt die Intuition auf den Kopf: Menschen in wohlhabenden Ländern blicken oft pessimistischer nach vorn als Menschen in ärmeren, krisengeplagteren Regionen. Hoffnung folgt also nicht den objektiven Umständen, sondern der Art, wie eine Gemeinschaft ihre Lage deutet. Damit ist Hoffnung weniger eine Frage des Habens als des Sehens – und das macht sie gestaltbar.
„‚Hope‘ is the thing with feathers – / That perches in the soul –“
— Emily Dickinson (um 1861)
Dickinson nennt die Hoffnung ein Wesen mit Federn, das in der Seele wohnt – nicht etwas, das man von außen bekommt, sondern etwas, das in einem ansässig ist. Aus Erfahrung gilt das auch für Gruppen und Gesellschaften. Wie eine Belegschaft, ein Team, ein Land in die Zukunft schaut, hängt erstaunlich wenig an den nackten Kennzahlen – und erstaunlich viel an einer geteilten Deutung. Das Hoffnungsbarometer macht diese Deutung sichtbar.
Ein Befund, der die Intuition stört
Man würde erwarten: Wer mehr hat, hofft zuversichtlicher. Die Daten zeigen oft das Gegenteil. In wohlhabenden Ländern überwiegt vielfach die Sorge, die allgemeine Lebensqualität werde sich verschlechtern, während Menschen in ärmeren oder konfliktreichen Regionen hoffnungsvoller nach vorn blicken. Hoffnung ist demnach kein Spiegel der Umstände, sondern eine Lesart der Umstände. Und Lesarten sind nicht naturgegeben – sie werden geprägt, geteilt, weitergegeben. Genau das macht das Thema zu einer Frage der Wahrnehmung und Deutung, nicht des Besitzes.
Hoffnung als geteilte Deutung, nicht als Privatgefühl
Das Hoffnungsbarometer versteht Hoffnung als transdisziplinäres Phänomen: den Glauben an die Möglichkeit eines erwünschten Guten und das Vertrauen in Ressourcen, die es möglich machen. Quellen der Hoffnung sind dabei selten ökonomisch – genannt werden vor allem persönliche Fähigkeiten, soziale Beziehungen, positive Erfahrungen und sinnstiftende Überzeugungen. Das verschiebt den Blick: Hoffnung entsteht im Geteilten, im Zwischenmenschlichen, in den Geschichten, die eine Gemeinschaft über ihre Zukunft erzählt. Barbara Fredricksons Forschung liefert den psychologischen Mechanismus dahinter – positive Emotionen weiten Wahrnehmung und Handlungsspielraum und bauen über die Zeit Ressourcen auf (Broaden-and-Build). Wer hoffnungsvoll liest, sieht buchstäblich mehr Möglichkeiten.
Warum das eine Deutungsfalle birgt
Hier lauert dieselbe Vorsicht wie bei jeder Wahrnehmungsfrage: Eine kollektive Lesart kann auch in die Irre führen. Ungebremster Zweckoptimismus blendet reale Risiken aus; kollektiver Pessimismus wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung, die Handlungsenergie abschnürt (vgl. Artikel zu Bestätigungsfehler und zu Cognitive Reappraisal). Die reife Form ist weder Schönfärberei noch Schwarzmalerei, sondern das, was die Forschung realistische Hoffnung nennt: die Lage klar sehen – und trotzdem nach gangbaren Wegen suchen. Die Frage ist nie „optimistisch oder pessimistisch?“, sondern „Welche Deutung macht uns handlungsfähig, ohne uns zu belügen?“
Praxis: Der Zukunfts-Dialog mit drei Stimmen
Eine soziale Übung – führe sie als Gespräch mit zwei, drei Menschen aus unterschiedlichen Lebens- oder Arbeitskontexten. Stellt einander dieselben drei Fragen und hört einander zu Ende zu, ohne zu bewerten:
- Was erwartest Du für die nächsten Jahre – und woran machst Du das fest?
- Was wünschst Du Dir für dieselbe Zeit? (Erwartung und Wunsch sind nicht dasselbe – die Lücke dazwischen ist aufschlussreich.)
- Woraus schöpfst Du Hoffnung, wenn die Lage schwierig ist?
Du wirst merken: Die Antworten hängen weniger an den Fakten der Person als an ihrer Deutung. Und im Zuhören verschiebt sich oft die eigene Lesart – Hoffnung ist ansteckend, weil sie geteilt wird. Genau das ist der Befund des Hoffnungsbarometers im Kleinen.
Wenn jemand aus einer ärmeren Region Deinen Zukunftsblick sähe – was würde sie sehen?
Eine Frage, die die Außenperspektive einnimmt: Stell Dir vor, ein Mensch aus einer der Regionen, die das Hoffnungsbarometer als hoffnungsvoller misst, läse Deine eigene Sicht auf die nächsten Jahre. Was würde dieser Mensch an Deiner Deutung erkennen – berechtigte Vorsicht? Oder den Luxus, sich Pessimismus leisten zu können, weil vieles ohnehin gesichert ist? Und was an seiner Lesart würdest Du gern in Deine übernehmen?
Wie sich in Gruppen geteilte Zukunftsbilder bewusst und ehrlich erarbeiten lassen, ist ein Thema meines Buches Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025). 👉 tidd.ly/4clXpur* (*Affiliate-Link)
Quellen
- Fredrickson, B. L. (2001): The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226. DOI: 10.1037/0003-066X.56.3.218
- Krafft, A. M. (2022): Unsere Hoffnungen, unsere Zukunft. Erkenntnisse aus dem Hoffnungsbarometer. Springer, Berlin/Heidelberg. DOI: 10.1007/978-3-662-64289-4
- Krafft, A. M. & Walker, A. M. (2018): Positive Psychologie der Hoffnung. Grundlagen und Anwendungsfelder. Springer, Berlin/Heidelberg. DOI: 10.1007/978-3-662-56201-7
- Snyder, C. R. (2002): Hope theory: Rainbows in the mind. Psychological Inquiry, 13(4), 249–275. DOI: 10.1207/S15327965PLI1304_01
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung
Zusammenfassung: Das Hoffnungsbarometer der Universität St. Gallen zeigt über Jahre, dass Menschen in ärmeren Regionen oft hoffnungsvoller in die Zukunft blicken als jene in wohlhabenden – Hoffnung folgt also nicht den Umständen, sondern der geteilten Deutung der Umstände. Wer Zukunft als gestaltbar liest, sieht mehr Möglichkeiten; die reife Form ist weder Schönfärberei noch Schwarzmalerei, sondern realistische Hoffnung, die die Lage klar sieht und dennoch nach Wegen sucht.

