Last updated on 15/06/2026
Denkanstöße
Über das, was (in Organisationen) Wirkung hat — auch dann, wenn es nicht ausgesprochen wird.
Hoffnung ist im modernen Diskurs ein verdächtiges Wort geworden – zu nah am Wunschdenken, zu weit weg von der Realität. Charles R. Snyder (University of Kansas, 1944–2006) hat in seiner Hope Theory (2002, Psychological Inquiry) etwas anderes belegt: Hoffnung ist ein kognitiver Prozess, kein Gefühl – ein Zusammenspiel von Pathways (flexible Wege zum Ziel sehen) und Agency (sich selbst als handlungsfähig erleben). Die Meta-Analyse von Avey, Reichard, Luthans und Mhatre (2011, Human Resource Development Quarterly) mit 51 Stichproben und 12.567 Beschäftigten zeigt: Das HERO-Konstrukt (Hope, Efficacy, Resilience, Optimism) ist durch HRD-Interventionen messbar entwickelbar. Steven Hayes‘ Acceptance and Commitment Therapy ergänzt die Pointe um die psychologische Flexibilität – schwierige Erfahrungen zulassen und gleichzeitig wertegeleitet handeln. Hoffnung ist also nicht das Gegenteil von Realismus. Sie ist eine erlernbare Fähigkeit, deren wissenschaftliche Architektur seit zwei Jahrzehnten dokumentiert ist.
„Das Schöne am Frühling ist, dass er immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.“ — Jean Paul, zugeschrieben
Der Winter war lang. Die kurzen Tage zermürben, die Kälte schneidet, und manchmal schmerzt sogar die Luft. Und dann, fast unbemerkt: ein zartes Grün durch die harte Erde. Die erste Hummel. Vogelstimmen, die plötzlich wieder da sind.
Als meine Kinder klein waren, las ich Remo Largos Babyjahre. Der wichtigste Satz darin: Alles ist eine Phase. Sie geht vorüber. Geduld reicht oft schon. Was wie pragmatischer Eltern-Trost klingt, ist forschungsseitig erstaunlich gut abgesichert – auch für die Arbeitswelt.
Snyders Hope Theory: Pathways und Agency
Charles Snyder hat in seiner Hope Theory (Snyder 2002, Psychological Inquiry) eine wichtige Differenzierung vorgelegt: Hoffnung ist kein Gefühl, sondern eine kognitive Operation mit zwei klar unterscheidbaren Komponenten:
-
Pathways thinking – die Fähigkeit, flexible Wege zum Ziel zu sehen. Wer hoch in Pathways ist, entwickelt bei Hindernissen sofort Alternativpläne, statt am Originalplan zu kleben.
-
Agency thinking – die Überzeugung, selbst handlungsfähig zu sein. Wer hoch in Agency ist, glaubt, dass die eigenen Handlungen einen Unterschied machen.
Beide Komponenten zusammen ergeben Hoffnung. Beide einzeln nicht: Wer Pathways sieht, aber keine Agency hat, bleibt resigniert. Wer Agency spürt, aber keine Pathways findet, läuft gegen Mauern. Hoch-hoffnungsvolle Menschen interpretieren Hindernisse als Herausforderungen – nicht weil sie naiv sind, sondern weil sie strukturell anders denken (Snyder, Rand & Sigmon 2002).
Das HERO-Konstrukt und die Meta-Analysen
Aus Snyders Arbeit heraus hat Fred Luthans (University of Nebraska) das Psychological Capital-Konzept entwickelt (Luthans, Youssef & Avolio 2007): Vier zusammengehörige psychologische Ressourcen, abgekürzt HERO – Hope, Efficacy, Resilience, Optimism.
Die zentrale Meta-Analyse von Avey, Reichard, Luthans & Mhatre (2011) mit 51 Stichproben und 12.567 Beschäftigten zeigt: PsyCap korreliert signifikant positiv mit Arbeitszufriedenheit, organisationalem Commitment, psychischem Wohlbefinden und Leistung. Bemerkenswert ist die zweite Pointe: Psychologisches Kapital ist durch HRD-Interventionen entwickelbar. Es ist kein angeborenes Merkmal.
Für Resilienz im engeren Sinne ergänzt die Meta-Analyse von Leppin et al. (2014, PLoS One, 25 RCTs) das Bild: Strukturierte Resilienz-Programme zeigen einen mittleren Effekt (SMD = 0.37, 95% CI 0.18–0.57, p = .0002). Moderat, aber stabil über sehr unterschiedliche Settings.
Karen Reivich und Andrew Shatté (University of Pennsylvania) haben mit dem Penn Resilience Program eines der am besten validierten Trainingsprogramme entwickelt; Suzanne Kobasas Forschung zur Hardiness (Kobasa 1979) hat schon in den 1970er Jahren gezeigt, dass Resilienz aus drei Komponenten besteht – Commitment, Control, Challenge –, die alle trainierbar sind (vgl. Artikel zu Was niemand uns nehmen kann).
Hayes‘ ACT: Psychologische Flexibilität als Ergänzung
Steven Hayes‘ Acceptance and Commitment Therapy (Hayes, Strosahl & Wilson 2012) ergänzt die Hoffnungs-Pointe um eine Dimension, die in vielen Resilienz-Programmen unterbelichtet bleibt: psychologische Flexibilität – die Fähigkeit, schwierige Erfahrungen zuzulassen (Akzeptanz, Defusion, Präsenz) und gleichzeitig wertegeleitet zu handeln (Werte, Committed Action).
ACT ist anti-stoisch in einer wichtigen Hinsicht: Es fordert nicht, dass schwierige Gefühle verschwinden müssen, bevor gehandelt werden kann. Es zeigt im Gegenteil, dass das Warten auf das Verschwinden der Gefühle oft die Handlung verhindert. Die Meta-Analyse von Unruh, Neubert, Wilhelm & Euteneuer (2022, Journal of Contextual Behavioral Science) integriert 17 RCTs und zeigt: ACT-basierte Workplace-Interventionen sind Kontrollgruppen hinsichtlich psychischer Belastung, psychologischer Flexibilität und Wohlbefindens überlegen – mit Effekten bis zum Follow-up.
Susan David (Harvard Medical School) hat das Konzept in Emotional Agility (2016) für ein breiteres Publikum aufbereitet (vgl. Artikel zu Glück, das nicht beschwichtigt): Emotionale Beweglichkeit ist nicht das Verschwinden schwieriger Emotionen, sondern die Fähigkeit, durch sie hindurch in Richtung der eigenen Werte zu gehen.
Was das für L&D heißt
Die zentrale Erkenntnis für Personal- und Lernentwicklung: Hoffnung, Resilienz und psychologische Flexibilität sind keine Persönlichkeitsmerkmale, mit denen man geboren wird. Sie sind entwickelbar. Damit gehören sie zum Kerngeschäft von L&D – nicht zur Privatsphäre der Mitarbeitenden.
In Veränderungsprozessen begegne ich diesem Winter regelmäßig – bei mir selbst, in Teams, in Organisationen. Die Aufgabe von L&D ist selten, den Winter zu vermeiden. Sondern: Räume zu schaffen, in denen Menschen Pathways sehen, Agency erleben, Akzeptanz üben und Werte ausrichten können – bevor sie das Grün sehen.
Solche Räume entstehen selten in Einzeltrainings. Sie entstehen im Kollektiv – in dialogischen Großgruppenformaten, in denen Menschen ihre Erfahrungen teilen und gemeinsam neue Wege entwickeln. Auch Bäume kostet das Ausschlagen Kraft. Auch Blumen kostet das Blühen Kraft. Im Tal zu bleiben kostet eine andere Art von Kraft – eine, die nichts hervorbringt.
Praxis: Eine Pathways-Übung nach Snyder (30 Minuten)
Statt einer Reflexions-Übung diesmal eine konkrete Pathways-Erarbeitung zu einem aktuellen Wintertal in Deinem Leben. Snyders Hope Theory operationalisiert: Hoffnung entsteht, wenn man drei oder mehr alternative Wege zu einem Ziel sehen kann, und sich selbst als handlungsfähig erlebt.
Vorbereitung (5 Minuten): Wähle eine konkrete Situation, in der Du gerade festhängst – ein berufliches Vorhaben, das ins Stocken geraten ist, eine private Frage, die schwer wird, ein Projekt, das nicht recht durchkommt. Formuliere das Ziel in einem Satz: „Mein Ziel ist, dass …“ So konkret wie möglich.
Schritt 1 – Drei Pathways skizzieren (15 Minuten): Skizziere drei verschiedene Wege zum Ziel. Nicht den besten – drei verschiedene. Snyders Forschung zeigt: Wer drei Wege sieht, hat hoch-hoffnungsvolle Kognition. Wer nur einen sieht, ist anfällig für Resignation.
-
Weg 1: Der naheliegende, den Du schon erwogen hast.
-
Weg 2: Ein deutlich anderer Weg – andere Stakeholder, andere Reihenfolge, anderes Tempo.
-
Weg 3: Ein ungewöhnlicher Weg, den Du noch nicht ernsthaft geprüft hast. Erlaube Dir hier auch das, was zunächst unrealistisch wirkt. Snyders Forschung zeigt: Selbst wenn der dritte Weg nicht genommen wird, verändert seine bloße Sichtbarkeit die kognitive Architektur.
Schritt 2 – Agency überprüfen (5 Minuten): Für jeden der drei Wege: Welche konkrete erste Handlung könntest Du heute oder diese Woche tun, die in Deiner Macht steht? Nicht „das System ändern“ – sondern „eine Mail schreiben“, „ein Gespräch suchen“, „eine Information einholen“, „einen Termin setzen“.
Schritt 3 – Werte-Check nach Hayes (5 Minuten): Welcher Deiner Werte (vgl. Werte-Inventar bei Demokrits Eudaimonia) wird durch dieses Ziel berührt? Was würde es bedeuten, trotz aktueller Schwierigkeit in die Richtung dieses Wertes zu handeln? Das ist die ACT-Pointe: Werte sind Kompassrichtungen, nicht Ziele. Sie helfen, auch dann zu handeln, wenn das Gefühl gerade nicht trägt.
Diese Übung kostet 30 Minuten. Sie ersetzt keine therapeutische Arbeit, aber sie macht eine kognitive Operation sichtbar, die in einem stockenden Berufsalltag oft verloren geht: Es gibt mehr als einen Weg. Und ich kann den ersten Schritt heute tun.
📖 Wie solche kollektiven Räume strukturiert entstehen – Räume, in denen Hoffnung, Resilienz und psychologische Flexibilität nicht nur individuell, sondern kollektiv entwickelt werden –, beschreibe ich in meinem aktuellen Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025). 👉 tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link)
Snyder, Avey, Reichard, Luthans, Mhatre, Leppin, Reivich, Kobasa, Hayes, David, Unruh – aus zwei Jahrzehnten Forschung kommt dieselbe Beobachtung: Hoffnung ist kein Charakterzug, sondern eine kognitive Operation. Sie ist keine naive Haltung, sondern eine entwickelbare Fähigkeit. Den Winter zu spüren und trotzdem zu handeln, ist keine Schwäche. Es ist Kompetenz.
Václav Havel hat das in einem seiner letzten Essays so formuliert: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – egal, wie es ausgeht.“ Das ist die schärfere Variante der Pathways-und-Agency-Pointe: Sinn ist auch dann da, wenn der Ausgang offen bleibt. Vielleicht ist genau das die Form der Hoffnung, die Frühling möglich macht – nicht weil sie weiß, dass er kommt, sondern weil sie ihn nicht für die Bedingung des eigenen Handelns hält.
Quellen
-
Avey, J. B., Reichard, R. J., Luthans, F. & Mhatre, K. H. (2011): Meta-analysis of the impact of positive psychological capital on employee attitudes, behaviors, and performance. Human Resource Development Quarterly, 22(2), 127–152. DOI: 10.1002/hrdq.20070
-
David, S. (2016): Emotional Agility. Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life. Avery. — Dt.: Emotionale Beweglichkeit (2017). Unimedica.
-
Hayes, S. C., Strosahl, K. D. & Wilson, K. G. (2012): Acceptance and Commitment Therapy. The Process and Practice of Mindful Change (2nd ed.). Guilford Press. — Dt.: Acceptance and Commitment Therapy. Achtsamkeitsbasierte Veränderungen in Theorie und Praxis (2014). Junfermann.
-
Kobasa, S. C. (1979): Stressful life events, personality, and health: An inquiry into hardiness. Journal of Personality and Social Psychology, 37(1), 1–11. DOI: 10.1037/0022-3514.37.1.1
-
Largo, R. (2017): Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. Piper.
-
Leppin, A. L., Bora, P. R., Tilburt, J. C., Gionfriddo, M. R., Zeballos-Palacios, C., Dulohery, M. M. et al. (2014): The Efficacy of Resiliency Training Programs: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Trials. PLOS ONE, 9(10), e111420. DOI: 10.1371/journal.pone.0111420
-
Luthans, F., Youssef, C. M. & Avolio, B. J. (2007): Psychological Capital. Developing the Human Competitive Edge. Oxford University Press.
-
Reivich, K. & Shatté, A. (2002): The Resilience Factor. Seven Keys to Finding Your Inner Strength and Overcoming Life’s Hurdles. Broadway Books.
-
Snyder, C. R. (2002): Hope Theory. Rainbows in the Mind. Psychological Inquiry, 13(4), 249–275. DOI: 10.1207/S15327965PLI1304_01
-
Unruh, I., Neubert, M., Wilhelm, M. & Euteneuer, F. (2022): ACT in the workplace: A meta-analytic examination of randomized controlled trials. Journal of Contextual Behavioral Science, 26, 114–124. DOI: 10.1016/j.jcbs.2022.09.003
-
Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler. tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link)
#Hoffnung #Resilienz #PsyCap #ACT #MutTutGut
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

