Last updated on 15/06/2026
Die populäre Selbsthilfeliteratur behandelt Fehler als bedauerliche Begleiterscheinungen des Lernens – etwas, was man im besten Fall „verzeiht“ oder „akzeptiert“. Die aktuelle Lernforschung zeichnet ein anderes Bild. Manu Kapur (ETH Zürich) hat mit seinem Konzept des Productive Failure (Kapur 2008, Cognition and Instruction) empirisch gezeigt: Lernende, die zunächst ohne Anleitung an einem komplexen Problem arbeiten und dabei scheitern, lernen das anschließend vermittelte Konzept tiefer und nachhaltiger als Lernende, die zuerst klassisch unterrichtet werden und dann üben. Janet Metcalfe (Columbia University) hat in ihrer Annual Review Learning from Errors (2017) den Forschungsstand zusammengefasst: Fehler sind unter bestimmten Bedingungen nicht nur tolerierbar, sondern aktiv lernförderlich – sie aktivieren Aufmerksamkeit, schaffen Bedeutung und konsolidieren Wissen tiefer im Langzeitgedächtnis. Jason Moser (Michigan State University) hat in einer EEG-Studie (Moser et al. 2011, Psychological Science) gezeigt: Menschen mit Growth Mindset zeigen nach eigenen Fehlern eine messbar andere Hirnaktivität – sie verarbeiten Fehler aufmerksamer und korrigieren sie schneller. Fehler sind also keine Bug-Reports am Lernprozess. Sie sind sein wichtigstes Feature.
„Einen Fehler machen und ihn nicht korrigieren – das erst heißt fehlen.“
— Konfuzius, Analekten (Lunyu) 15,30 (ca. 500 v. Chr.)
Wenn meine Kinder eine Klassenarbeit zurückbekommen und die Note schlechter ist als erwartet, sind sie zuerst frustriert und enttäuscht. Diese Reaktion ist normal und gehört zum Prozess. Wir alle geben unser Bestes, wir versuchen, Erwartungen zu erfüllen, und wir suchen nach Anerkennung für unsere Leistung. Was den meisten Eltern – mir eingeschlossen – aber nicht sofort einfällt: In genau diesem Moment der Enttäuschung weiß das Kind erstmals präzise, was es noch nicht kann. Eine Information, die in den Wochen davor nicht verfügbar war.
Ich sage meinen Kindern dann: „Verständlich, dass es frustriert ist. Und gleichzeitig weißt Du jetzt sehr genau, was Du üben musst.“ Aus Erfahrung weiß ich: Diese kurze Umdeutung verändert nicht den Schmerz – aber sie verändert, was als Nächstes geschieht.
Manu Kapur: Productive Failure als Lernarchitektur
Manu Kapur (ETH Zürich, vorher National Institute of Education Singapore) hat seit 2008 in mehreren methodisch sauberen Studien das Konzept des Productive Failure entwickelt und repliziert. Sein Versuchsaufbau: Zwei Gruppen von Schüler:innen sollen ein komplexes Konzept lernen – etwa Varianz in der Statistik. Die Direct-Instruction-Gruppe bekommt zuerst die kanonische Methode erklärt und übt dann an Aufgaben. Die Productive-Failure-Gruppe bekommt zuerst die Aufgaben – ohne Methode, ohne Anleitung. Sie arbeitet mit eigenen Lösungsversuchen, die meistens suboptimal sind. Erst danach wird die kanonische Methode vermittelt.
Das verblüffende Ergebnis: Bei Standardaufgaben sind beide Gruppen vergleichbar. Aber bei Transferaufgaben und bei der Tiefe des Verständnisses ist die Productive-Failure-Gruppe konsistent überlegen. Kapurs Erklärung: Das Scheitern aktiviert das, was Lernforschende Activation of Prior Knowledge nennen. Es macht die Lernenden hellhörig für das, was gefehlt hat. Es schafft genau jene kognitive Lücke, in die das neue Wissen anschließend eingeordnet wird – statt, wie bei Direct Instruction, abstrakt nebeneinandergestellt zu werden.
Kapurs Pointe ist nicht: Lass die Lernenden ziellos scheitern. Sondern: Gestalte den Lernprozess so, dass das Scheitern produktiv wird. Das heißt: Aufgaben dürfen schwierig sein, aber sie müssen bearbeitbar sein. Es muss Diskursraum geben, in dem die suboptimalen Lösungen analysiert werden. Und es muss das anschließende Lehren geben, das die Erkenntnis konsolidiert.
Janet Metcalfe: Fehler aktivieren Lernen
Janet Metcalfe (Columbia University) hat in ihrer Annual Review Learning from Errors (2017, Annual Review of Psychology) den Forschungsstand kondensiert. Ihre zentralen Befunde, aus über 150 zitierten Studien:
- Fehler erhöhen die Aufmerksamkeit auf die korrekte Information. Wer eine Frage zuerst falsch beantwortet und dann die richtige Antwort sieht, behält die richtige Antwort signifikant besser, als wenn sie ihm direkt vermittelt worden wäre.
- Hypercorrection Effect: Hochgradig konfidente Fehler werden besser korrigiert als zaghafte Fehler. Wer sich sicher war, falsch zu liegen, lernt die korrekte Antwort tiefer. Das widerspricht der populären Intuition, aber es ist robust repliziert (Metcalfe & Finn 2011).
- Generative Effects: Wer eine Antwort selbst generiert – auch wenn falsch –, lernt mehr als wer die Antwort nur liest. Das ist das, was Robert Bjork (UCLA) als desirable difficulties bezeichnet hat: Schwierigkeiten, die kurzfristig anstrengend, langfristig aber lernförderlich sind.
Metcalfes Pointe für meine Kinder-Anekdote: Wenn eine Klassenarbeit eine schlechte Note bringt, sind die falsch beantworteten Fragen die lernreichsten – nicht die richtig beantworteten. Sofern es danach Raum gibt, sie noch einmal anzuschauen.
Jason Moser: Was im Gehirn passiert, wenn wir Fehler machen
Jason Moser (Michigan State University) hat 2011 eine elegante EEG-Studie publiziert (Moser, Schroder, Heeter, Moran & Lee 2011, Psychological Science), die zwei neuronale Korrelate der Fehlerverarbeitung untersuchte:
- Die Error-Related Negativity (ERN) – eine Hirnreaktion, die 50–100 Millisekunden nach einem erkannten Fehler auftritt. Sie ist universell, weitgehend automatisch und mit der frühen Aufmerksamkeit auf den Fehler verbunden.
- Die Error Positivity (Pe) – eine spätere Reaktion (200–500 Millisekunden), die mit der bewussten Verarbeitung des Fehlers und der Aufmerksamkeitsausrichtung darauf zusammenhängt.
Moser fand: Menschen mit Growth Mindset (im Sinne von Carol Dweck; siehe auch „Wenn aus Steinen Wegweiser werden“ in dieser Serie) zeigten signifikant stärkere Pe-Reaktionen auf eigene Fehler. Das heißt: Sie verarbeiteten ihre Fehler nicht nur, sie fokussierten sich auf sie – und korrigierten sie in nachfolgenden Aufgaben messbar häufiger. Mindset war nicht nur eine kognitive Einstellung. Es zeigte sich messbar im Gehirn.
Karen Adolph und das natürliche Lernen durch Fehler
Karen Adolph (NYU) hat in ihrer Forschung zu kindlicher Motorik gezeigt: Lernende Kleinkinder fallen durchschnittlich 17 Mal pro Stunde hin – und dieses scheinbar ineffiziente Lernen ist hochgradig produktiv (Adolph et al. 2012, Psychological Science; siehe auch „17 Mal fallen pro Stunde“ in dieser Serie). Das natürliche Lernsystem behandelt Fehler nicht als Defekt, sondern als die normale Modalität des Vorankommens.
Was Erwachsene oft verlernen: dass das Fallen nicht das Problem ist. Das Problem ist das Aufhören.
Marshall Goldsmith: Feedforward statt Feedback
Marshall Goldsmith hat in seinem Konzept des Feedforward (siehe auch „Feedforward“ in dieser Serie) eine pragmatische Pointe geliefert: Feedback adressiert immer die Vergangenheit – und die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Feedforward adressiert die Zukunft – und sie ist noch offen. Wer also vor einem Fehler nicht fragt „Warum ist das passiert?“, sondern „Was kann ich tun, damit dieser Fehler in Zukunft nicht mehr passiert?“, hebt den Fokus aus der Defensive in die Gestaltung.
Goldsmiths Pointe schließt elegant an Kapurs Productive-Failure-Forschung an: Das Scheitern vorne (im Lernprozess) ist die Voraussetzung für das Wissen hinten (im Feedforward). Wer nie scheitert, hat nichts zu „forwarden“.
Was über „richtig“ und „falsch“ entscheidet: Der Kontext
Eine wichtige Nuance: Was ein Fehler ist, hängt vom Kontext ab. Verhalten, das in einer Lebensphase oder einer Organisation richtig war, kann in einer anderen falsch werden – nicht weil das Verhalten sich geändert hätte, sondern weil sich die Umwelt geändert hat. Edgar Schein (MIT; siehe auch „Wenn die Stille spricht“ in dieser Serie) hat diese Beobachtung immer wieder gemacht: Onboarding in eine neue Organisation ist im Wesentlichen das Erlernen einer neuen Definition von „richtig“. Wer sich daran nicht anpasst, wird häufig nicht als inkompetent wahrgenommen, sondern als unanpassbar.
Daraus folgt: Wir handeln immer nach bestem Wissen und Gewissen, basierend auf dem, was wir gelernt haben. Im Kontext unserer Vergangenheit war unser Verhalten erfolgreich. In der Gegenwart oder Zukunft kann dasselbe Verhalten als „Fehler“ klassifiziert werden. Lernen aus Fehlern bedeutet hier weniger, dass wir „dümmer“ waren – als vielmehr, dass wir den neuen Kontext lesen lernen.
Praxis: Eine Productive-Failure-Übung im Selbst-Lernen (vier Wochen)
Statt einer Reflexions-Übung diesmal eine angewandte Lernstrategie nach Manu Kapur – für ein Thema, das Du noch nicht kannst, aber kennenlernen willst.
Vorbereitung (10 Minuten): Wähle ein konkretes Thema, das Du in den nächsten vier Wochen lernen willst – eine Programmiersprache, ein statistisches Verfahren, eine Vokabelliste, eine Sportart, ein historisches Themenfeld. Wichtig: Etwas mit klaren richtigen Antworten, nicht etwas Vages. Lege Lernmaterial bereit (Buch, Kurs, Tutorial), aber öffne es noch nicht.
Wöchentliche Sitzung (45 Minuten, vier Mal):
Schritt 1 – Productive-Failure-Phase (20 Minuten): Lass Dir von einer dritten Person, einer KI oder einem Lehrbuch eine Aufgabe stellen, die Dein Thema betrifft und die Du noch nicht lösen kannst. Versuche, sie ohne Anleitung zu lösen. Nutze nur, was Du schon weißt. Notiere Deinen Lösungsweg – auch die Sackgassen. Du wirst feststellen, dass Du nicht zur richtigen Lösung kommst. Das ist kein Versagen – es ist der Beginn des Lernprozesses.
Schritt 2 – Reflexionsphase (5 Minuten): Schreibe in drei Sätzen auf: Was habe ich versucht? Wo bin ich gescheitert? Welche Frage hat mein Scheitern offen gelassen? Diese Phase ist der Schlüssel. Sie aktiviert das, was Metcalfe als generative Lernaktivität beschreibt.
Schritt 3 – Lernphase (15 Minuten): Jetzt öffnest Du das Lernmaterial. Du suchst gezielt nach der korrekten Methode für Deine Aufgabe. Weil Du selbst gescheitert bist, suchst Du anders – Du weißt, was Du nicht wusstest, und Du wirst die korrekte Information mit hoher Aufmerksamkeit aufnehmen.
Schritt 4 – Konsolidierung (5 Minuten): Wende die neue Methode auf zwei oder drei verwandte Aufgaben an. Diese Konsolidierung ist es, die das Wissen ins Langzeitgedächtnis verankert (Bjorks desirable difficulties).
Nach vier Wochen: Wenn Du diese Struktur konsequent durchgehalten hast, hast Du das Thema nicht nur kognitiv aufgenommen – Du hast es durch Scheitern verstanden. In Kapurs Studien überholen Lernende mit dieser Methode nach acht bis zwölf Wochen konsistent jene, die klassisch unterrichtet wurden – nicht im oberflächlichen Wissen, sondern in der Anwendungskompetenz.
Wie sich diese Form des aktiven Lernens auch in Mitarbeitendengesprächen und in Führungssituationen verankern lässt – als Fehlerkultur, die nicht nur duldet, sondern aktiv nutzt –, ist eines der zentralen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (*Affiliate-Link)
Kapur, Metcalfe, Moser, Bjork, Adolph, Goldsmith – aus vier Jahrzehnten Lernforschung kommt eine konsistente Beobachtung, die dem populären Optimierungsdiskurs deutlich widerspricht: Fehler sind nicht der Preis des Lernens. Sie sind sein wichtigstes Werkzeug. Wer keine Fehler macht, lernt nicht – er wiederholt nur, was er schon konnte. Konfuzius hatte recht: Der Fehler ist nicht das Problem. Die Weigerung, aus ihm zu lernen, ist es.
Welche Werte sind in den Fehlern Deiner letzten Monate zum Vorschein gekommen, die Du in Phasen des Erfolges nicht so deutlich gesehen hättest?
Quellen
Adolph, K. E., Cole, W. G., Komati, M., Garciaguirre, J. S., Badaly, D., Lingeman, J. M., Chan, G. L. Y. & Sotsky, R. B. (2012): How Do You Learn to Walk? Thousands of Steps and Dozens of Falls per Day. Psychological Science, 23(11), 1387–1394. DOI: 10.1177/0956797612446346
Bjork, R. A. (1994): Memory and Metamemory Considerations in the Training of Human Beings. In: Metcalfe, J. & Shimamura, A. P. (Hg.): Metacognition. Knowing about Knowing (S. 185–205). MIT Press.
Dweck, C. S. (2006): Mindset. The New Psychology of Success. Random House. — Dt.: Selbstbild (2017). Piper.
Goldsmith, M. (2002): Try Feedforward Instead of Feedback. Leader to Leader, 25, 11–14.
Kapur, M. (2008): Productive Failure. Cognition and Instruction, 26(3), 379–424. DOI: 10.1080/07370000802212669
Konfuzius (ca. 500 v. Chr.): Analekten / Lunyu. Diverse Ausgaben.
Metcalfe, J. (2017): Learning from Errors. Annual Review of Psychology, 68, 465–489. DOI: 10.1146/annurev-psych-010416-044022
Metcalfe, J. & Finn, B. (2011): People’s hypercorrection of high-confidence errors: Did they know it all along? Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 37(2), 437–448. DOI: 10.1037/a0021962
Moser, J. S., Schroder, H. S., Heeter, C., Moran, T. P. & Lee, Y.-H. (2011): Mind Your Errors: Evidence for a Neural Mechanism Linking Growth Mind-Set to Adaptive Posterror Adjustments. Psychological Science, 22(12), 1484–1489. DOI: 10.1177/0956797611419520
Schein, E. H. (2013): Humble Inquiry. Berrett-Koehler. — Dt.: Humble Inquiry. Vom Können des Nicht-Wissens (2016). Carl Auer.
Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (*Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln.

