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Wenn der Weg durch die Hölle führt – Viktor Frankl, Edith Eger und die Forschung zur sinn-orientierten Resilienz

Last updated on 15/06/2026

„If you’re going through hell, keep going“ – diese Maxime wird Winston Churchill zugeschrieben, lässt sich in seinen verifizierten Reden und Schriften aber nicht belegen. Die International Churchill Society führt sie auf ihrer Liste fragwürdig zugeschriebener Zitate. Die Beobachtung selbst trifft etwas, das von Stimmen mit ungebrochener moralischer Autorität präziser formuliert worden ist. Viktor Frankl hat in …trotzdem Ja zum Leben sagen (1946) aus eigener Auschwitz-Erfahrung beschrieben, was Menschen in extremer Not trägt – und seine Logotherapie zu einer der einflussreichsten Therapietraditionen des 20. Jahrhunderts entwickelt. Edith Eger, ebenfalls Auschwitz-Überlebende und später klinische Psychologin in San Diego, hat in The Choice (2017) und The Gift (2020) gezeigt, dass die innere Haltung der einzig wirklich freie Raum ist, der bleibt, wenn äußerlich nichts mehr frei ist. Die moderne Resilienzforschung ergänzt: George Bonanno, Ann Masten und Emmy Werner haben in jahrzehntelangen Längsschnittstudien gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen schweren Widerständen nicht zerbricht – und dass die Bedingungen des Tragens erlernbar und förderbar sind.

Was die Maxime sagt und wo sie nicht herkommt

Das beliebte Churchill-Zitat ist eines von vielen, die in seinem Tonfall geprägt sind, ohne von ihm selbst zu stammen – ähnlich wie das berühmte „Success is going from failure to failure without losing your enthusiasm“ oder „Democracy is the worst form of government, except for all the others“, deren Originalquellen ebenfalls strittig sind. Das macht die Maxime nicht falsch; es nimmt ihr aber die Autorität, die sie aus der Churchill-Aura zieht.

Für unseren Zweck ist das eine Befreiung. Wer durch eine dunkle Phase geht – berufliche Krise, gesundheitliche Not, persönlicher Verlust – braucht nicht die rhetorische Geste eines Premierministers. Er braucht das nüchterne Wissen darum, was Menschen tatsächlich trägt. Und dieses Wissen kommt aus präziseren Quellen.

Was Viktor Frankl aus Auschwitz mitgebracht hat

Viktor Frankl (1905–1997) war Wiener Psychiater jüdischer Herkunft. Er wurde 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, später nach Auschwitz und Türkheim. Drei Jahre KZ. Seine Mutter, sein Vater, sein Bruder und seine schwangere Frau wurden ermordet. Frankl überlebte und schrieb innerhalb von neun Tagen sein 1946 erschienenes Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen (englisch: Man’s Search for Meaning).

Frankls Kernbeobachtung: In den Lagern überlebten nicht die körperlich Stärksten und nicht die Glücklichen. Es überlebten – soweit dies in einem System der willkürlichen Tötung überhaupt eine Aussage zulässt – häufig jene, die in ihrem inneren Erleben eine Bedeutung hielten, auf die sie zukünftig zugehen konnten. Ein zu schreibendes Buch, ein zu liebender Mensch, eine zu vollendende Aufgabe.

Daraus entwickelte er die Logotherapie (von griech. logos: Sinn, Bedeutung). Ihre zentrale These: Die primäre menschliche Motivation ist nicht Lust (Freud) oder Macht (Adler), sondern Sinn. Frankl unterscheidet drei Wege, Sinn zu finden:

  • Schöpferisch: durch das, was ich tue, beitrage, erschaffe

  • Erlebnis-orientiert: durch das, was ich liebe, erfahre, würdige

  • Haltungs-orientiert: durch die Art und Weise, wie ich unvermeidliches Leid trage

Der dritte Weg ist der schwerste – und für „den Gang durch die Hölle“ der entscheidende. Wenn die äußere Situation nicht zu ändern ist, kann ich noch immer wählen, wie ich ihr begegne.

Was Edith Eger zur Wahl der Haltung ergänzt

Edith Eger wurde 1927 in Kaschau (heute Košice) geboren. 1944 wurde sie mit 16 Jahren nach Auschwitz deportiert, wo Mengele sie auswählte, vor ihm zu tanzen, um ihre Familienration zu erhalten. Mutter und Vater wurden am Tag der Ankunft ermordet. Eger überlebte – schwer verletzt, unter einem Leichenberg liegend befreit. Nach jahrzehntelanger Heilungsarbeit wurde sie klinische Psychologin und behandelt bis heute Trauma-Patient:innen, auch andere Holocaust-Überlebende und KZ-bestrafte Veteran:innen.

In The Choice: Embrace the Possible (2017) und The Gift: 12 Lessons to Save Your Life (2020) hat sie ihre therapeutische Erkenntnis in eine Reihe von Sätzen verdichtet, die theoretisch unprätentiös und praktisch tief sind:

  • „We cannot heal what we don’t feel.“ Wir können nicht heilen, was wir nicht fühlen.

  • „The opposite of depression is expression.“ Das Gegenteil von Depression ist Ausdruck.

  • „No one can take away the choice of your response.“ Niemand kann uns die Wahl unserer Antwort nehmen.

Eger und Frankl waren bekannt; sie haben sich aufeinander bezogen und einander geehrt. Was sie gemeinsam zeigen: Die Sinn-Findung ist keine Theorie, sondern eine Praxis – und sie ist auch in extremen Bedingungen möglich, weil sie nicht von der Situation abhängt, sondern von der inneren Bewegung.

Emmy Werners Kauai-Studie und die schützenden Faktoren

Emmy Werner und Ruth Smith haben über vier Jahrzehnte die Kauai-Längsschnittstudie geleitet – eine der eindrucksvollsten Resilienz-Studien der Welt. Sie begleiteten 698 Kinder, geboren 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai, bis ins mittlere Erwachsenenalter. Von den als Hochrisiko-Kindern eingestuften (Armut, instabile Familien, perinatale Komplikationen) entwickelten sich etwa ein Drittel zu kompetenten, fürsorglichen, lebenstüchtigen Erwachsenen – trotz aller Widrigkeiten.

Was unterschied sie? Werner identifizierte mehrere robuste Schutzfaktoren, dargestellt in Journeys from Childhood to Midlife (2001):

  • Mindestens eine unterstützende Beziehung – nicht zwingend zu einem Elternteil; oft Großeltern, Lehrer:innen, Nachbar:innen

  • Selbstregulationsfähigkeit – das Aushalten von Frustration ohne Eskalation

  • Selbstwirksamkeitserleben – das wiederholte Erleben „mein Tun macht einen Unterschied“

  • Glaube oder Sinn-Verankerung – religiös, philosophisch oder gemeinschaftsbezogen

  • Kognitive Problemlösungsfähigkeit – das Vermögen, Optionen zu sehen

Diese Faktoren sind keine Persönlichkeitseigenschaften. Sie sind Bedingungen, die im Leben aufgebaut, gepflegt und – auch in schwierigen Lebensphasen – gezielt verstärkt werden können.

Aaron Antonovskys Salutogenese

Aaron Antonovsky war ein medizinischer Soziologe, der jahrelang mit Holocaust-Überlebenden in Israel arbeitete. Seine Frage: Wie kommt es, dass manche Überlebende trotz extremster Belastungen körperlich und psychisch erstaunlich gesund waren? In Health, Stress, and Coping (1979) und nachfolgenden Arbeiten entwickelte er die Theorie der Salutogenese (im Gegensatz zur Pathogenese – nicht: wie entsteht Krankheit, sondern: wie entsteht Gesundheit).

Antonovskys Zentralbegriff ist der Sense of Coherence (Kohärenzsinn) mit drei Komponenten:

  • Verstehbarkeit (comprehensibility): Die Welt erscheint mir geordnet und vorhersagbar, auch das Schwere darin

  • Handhabbarkeit (manageability): Ich verfüge über Ressourcen, die mir helfen

  • Sinnhaftigkeit (meaningfulness): Es lohnt sich, mich zu engagieren

Der Kohärenzsinn ist in Hunderten von Studien als robuster Prädiktor für körperliche und psychische Gesundheit unter Belastung bestätigt worden. Er ist die empirische Bestätigung dessen, was Frankl klinisch beschrieben hat.

Praxis: drei Bewegungen für den langen Weg

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Mikro-Bewegungen, wenn Klient:innen in einer länger andauernden Belastungsphase tragen:

  • Die Frankl-Bewegung: Was kann mein Tun heute für jemanden bedeuten? Nicht das ganze Leben. Heute. Schon kleine Bedeutungs-Anker (eine konkrete Aufgabe für jemanden, ein Versprechen, ein zu pflegender Mensch) tragen im Sinne der Logotherapie.

  • Die Eger-Bewegung: Welche Antwort wähle ich jetzt? Zwischen Reiz und Reaktion liegt der Spalt, in dem Freiheit möglich ist (Frankls und Egers gemeinsame Pointe). Eine bewusste Atempause vor der Reaktion ist die kleinste Form dieser Wahl.

  • Die Werner-Frage: Welche eine Beziehung trägt mich gerade? Eine Person, mindestens. Wenn die Antwort sich nicht spontan findet, ist das nicht Versagen, sondern die wichtigste Diagnose – die Suche nach dieser einen Beziehung wird zur ersten Handlung.

Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie sind die sinn-orientierte Schwester der Coping-Bewegung, die ich mit Lazarus und Folkman beschrieben habe. Sie greifen die Sinn-Frage, die ich mit dem Sand-Ton-Bild skizziert habe. Und sie ergänzen die Niederlagen-Forschung, die ich mit Tedeschi/Calhoun und Edmondson beschrieben habe – Resilienz nach einem einzelnen Rückschlag und Resilienz unter dauernder Last sind verwandte, aber distinkte Bewegungen.

Wer mit Sinn-Findung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind Gespräche in beruflichen Krisensituationen – die eigene, die anderer – als eigene Gesprächsgattung mit klaren Vorbereitungs- und Begleitungsschritten beschrieben.

Wenn der Weg gerade lang ist, hilft die Frage nach dem ganzen Weg nicht weiter. Es hilft die Frage nach dem nächsten Schritt: Welches kleinste Stück Sinn finde ich in dem, was heute zu tun ist? Welcher Mensch, welche Praxis, welche Erinnerung trägt mich gerade? Drei Fragen, die Viktor Frankl in seiner Logotherapie zu Mikro-Werkzeugen für das Weitergehen verdichtet hat. Nicht heroisch. Aber genug.

Quellen

  • Antonovsky, A. (1979). Health, Stress, and Coping. Jossey-Bass.

  • Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28. https://doi.org/10.1037/0003-066X.59.1.20

  • Eger, E. E. (2017). The Choice: Embrace the Possible. Scribner. (Deutsch: Ich bin hier, und alles ist jetzt, btb 2017)

  • Eger, E. E. (2020). The Gift: 12 Lessons to Save Your Life. Scribner. (Deutsch: Das Geschenk: 12 Lektionen, die dein Leben retten werden, btb 2020)

  • Frankl, V. E. (1946 / 2014). …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Penguin. (Englisch: Man’s Search for Meaning, Beacon Press 1959/2006)

  • Frankl, V. E. (1959 / 2005). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Piper.

  • Masten, A. S. (2014). Ordinary Magic: Resilience in Development. Guilford Press.

  • Mukherjee, M. (2010). Churchill’s Secret War: The British Empire and the Ravaging of India during World War II. Basic Books.

  • Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The Posttraumatic Growth Inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9(3), 455–471. https://doi.org/10.1002/jts.2490090305

  • Werner, E. E., & Smith, R. S. (2001). Journeys from Childhood to Midlife: Risk, Resilience, and Recovery. Cornell University Press.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

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