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Richtung statt Ziel – Carl Rogers, Sonja Lyubomirsky und die Forschung zur prozessorientierten Lebensführung

Last updated on 15/06/2026

„The good life is a process, not a state of being. It is a direction not a destination“ – diese vollständige Maxime aus Carl Rogers‘ On Becoming a Person (1961, Kapitel „A Therapist’s View of the Good Life“) steht am Ende einer der einflussreichsten therapeutischen Traditionen des 20. Jahrhunderts. Rogers, Begründer der Person-Centered Therapy, hat eine Verschiebung in der Psychotherapie eingeleitet: weg von der diagnostischen Autorität, hin zur Begegnung in der Augenhöhe. Aus dieser Begegnung entsteht keine Heilung als Endzustand, sondern eine Entwicklungsrichtung. Die moderne Forschung stützt Rogers‘ alte Intuition. Sonja Lyubomirsky hat in zwanzig Jahren Glücksforschung gezeigt, dass das Erreichen externer Ziele wegen hedonischer Adaptation wenig anhaltendes Glück produziert. Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie belegt, dass intrinsische Zielorientierung langfristig erfüllender ist als extrinsische Zielfixierung. Was die Forschung gemeinsam zeigt: Wer auf Richtung statt auf Destination achtet, lebt nicht nur zufriedener – er bleibt auch lernfähiger.

Wer Carl Rogers war

Carl Ransom Rogers (1902–1987) ist neben Sigmund Freud und Albert Ellis einer der einflussreichsten Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in einer konservativ-christlichen Familie in Illinois, studierte er zunächst Agrarwissenschaft, dann Theologie, schließlich klinische Psychologie. Aus seiner Arbeit mit Kindern und Familien entwickelte er ab den 1940er Jahren einen Therapieansatz, der die Person in den Mittelpunkt stellt – nicht das Symptom, nicht die Diagnose, nicht die Technik der Therapeut:in.

Sein zentraler theoretischer Beitrag (1957, Journal of Consulting Psychology) lautet: Wenn drei Bedingungen in einer Beziehung gegeben sind, kommt ein Mensch fast zwangsläufig in eine Entwicklungsrichtung. Diese drei Bedingungen sind:

  • Unconditional Positive Regard – bedingungsfreie Wertschätzung: Ich akzeptiere die Person, wie sie ist, ohne sie zu bewerten oder zu kategorisieren.

  • Empathy – einfühlendes Verstehen: Ich verstehe die innere Welt der Person, ohne sie mir zu eigen zu machen.

  • Congruence – Echtheit: Ich bin als Therapeut:in / Beraterin / Gegenüber transparent, ohne Maske, ohne Rolle.

Diese drei Bedingungen sind nicht nur für Therapie relevant. Sie beschreiben jede wachstumsfördernde Beziehung – zwischen Eltern und Kindern, Führungskräften und Mitarbeitenden, Kolleg:innen, Partner:innen. Wo sie da sind, entsteht Bewegung. Wo sie fehlen, entsteht Stagnation oder Abwehr.

Was das „direction, not a destination“-Bild meint

Rogers‘ Pointe im zitierten Kapitel: Der „fully functioning person“ – der voll funktionierende Mensch, sein Idealbild der Persönlichkeit – ist nicht jemand, der ein Ziel erreicht hat. Er ist jemand, der sich in einer bestimmten Richtung bewegt: zunehmend offen für Erfahrung, zunehmend gegenwärtig im eigenen Erleben, zunehmend vertrauensvoll gegenüber dem eigenen inneren Kompass, zunehmend bereit, sich zu wandeln.

Rogers schreibt explizit: „The good life is not, in my estimation, a fixed state. It is not, in my estimation, a state of virtue, or contentment, or nirvana, or happiness. It is not a condition in which the individual is adjusted, or fulfilled, or actualized.“ Diese Aufzählung ist bewusst breit: Auch Selbstaktualisierung (Maslows Begriff) ist für Rogers kein erreichbarer Endzustand, sondern eine Richtung.

Die praktische Konsequenz: Wer ein Leben „im Auf-dem-Weg-Sein“ lebt, verlangt von sich nicht das Erreichen eines Punktes. Er fragt sich stattdessen, ob die Bewegung gerade stimmt. Diese Frage ist beweglicher und ehrlicher als die Frage nach dem Ziel.

Was Sonja Lyubomirsky zur hedonischen Adaptation zeigte

Philip Brickman und Donald Campbell haben 1971 in einem heute klassischen Aufsatz die Hedonic-Treadmill-Theorie vorgestellt: Menschen kehren nach positiven und negativen Lebensereignissen über die Zeit zu einer relativ stabilen Grundzufriedenheit zurück. Ein Lottogewinn macht kurzfristig glücklicher, langfristig erstaunlich wenig. Ein Unfall macht kurzfristig deutlich unglücklicher, langfristig weniger als erwartet.

Sonja Lyubomirsky hat in ihrem Sustainable Happiness Model (2005, mit Kennon Sheldon und David Schkade) gezeigt: Etwa 50 % der Lebenszufriedenheit sind genetisch beeinflusst, etwa 10 % durch äußere Umstände (einschließlich Zielen, die erreicht oder verfehlt werden), und etwa 40 % durch bewusste, regelmäßige Aktivitäten. Die genauen Prozentzahlen sind später relativiert worden, der Befund trägt: Zielerreichen ist nicht der Hebel anhaltender Zufriedenheit. Die Praxis ist es.

Diese Pointe stützt Rogers empirisch. Wer auf den Endzustand fixiert lebt, lebt im Vorlauf zu einem Glück, das beim Erreichen kleiner ausfällt als erwartet. Wer auf die Praxis – die Richtung – orientiert lebt, lebt im Glück, das die Praxis enthält.

Was Deci und Ryan zur Selbstbestimmung zeigten

Edward Deci und Richard Ryan haben in vier Jahrzehnten Arbeit an der University of Rochester die Self-Determination Theory entwickelt. Ihr Kernbefund: Menschen haben drei psychologische Grundbedürfnisse, deren Erfüllung mit Wohlbefinden korreliert:

  • Autonomie: Das Erleben, aus eigener Wahl zu handeln (vs. aus äußerem Zwang)

  • Kompetenz: Das Erleben, wirksam zu sein

  • Verbundenheit: Das Erleben, mit anderen verbunden zu sein

Wichtig für Rogers‘ Pointe: Deci und Ryan unterscheiden zwischen intrinsischen und extrinsischen Lebenszielen. Intrinsische Ziele (persönliches Wachstum, Beziehungen, Beitrag zur Gemeinschaft, Gesundheit) korrelieren mit höherer Lebenszufriedenheit, geringerer Depression, besserer körperlicher Gesundheit. Extrinsische Ziele (Reichtum, Ruhm, attraktives Äußeres) korrelieren negativ mit diesen Outcomes – auch dann, wenn sie erreicht werden.

Kennon Sheldon hat 2004 mit Andrew Elliot und Yoland Houser-Marko in Journal of Personality and Social Psychology gezeigt, dass die Art der Motivation (intrinsisch vs. extrinsisch) wichtiger ist als die Inhalte der Ziele selbst. Wer ein Ziel intrinsisch verfolgt – weil es zu ihm passt, weil es ihn entwickelt – profitiert auch dann vom Erreichen. Wer dasselbe Ziel extrinsisch verfolgt – aus Angst, aus Anpassung, aus Statussorge – profitiert kaum, auch bei Zielerreichung.

Carol Ryffs sechs Dimensionen des Wohlbefindens

Carol Ryff hat 1989 in Journal of Personality and Social Psychology ein Sechs-Dimensionen-Modell des psychologischen Wohlbefindens vorgelegt: Selbstakzeptanz, positive Beziehungen, Autonomie, Umgebungsbewältigung, Sinn im Leben und – relevant für unseren Beitrag – Personal Growth (persönliches Wachstum). Ryffs Definition dieser Dimension: das Gefühl, sich kontinuierlich zu entwickeln und neuen Erfahrungen offen zu sein.

Personal Growth korreliert mit besserer körperlicher Gesundheit, niedrigeren Stresshormon-Werten und höherer Resilienz unter Belastung. Bemerkenswert: Ryff hat in ihrer Forschung gezeigt, dass diese Dimension im hohen Alter tendenziell abnimmt. Das ist nicht naturgesetzlich, sondern eine Folge der Lebensphase, in der oft weniger Veränderungs-Anlässe bestehen. Die bewusste Pflege einer Wachstumsrichtung wird mit dem Alter wichtiger, nicht weniger wichtig.

Crystal Park und die Bedeutungsbildung

Crystal Park hat 2010 in Psychological Bulletin eine integrative Übersicht zur Meaning-Making-Forschung vorgelegt. Ihr Modell: Menschen haben globale Bedeutungssysteme (allgemeine Überzeugungen darüber, wie die Welt ist und wie sie sein sollte) und situational meaning (die Bedeutung einer konkreten Situation). Spannungen zwischen beiden produzieren Distress; die Reduktion dieser Spannungen ist Meaning-Making.

Rogers‘ Richtungs-Konzept lässt sich in Parks Sprache übersetzen: Eine Richtung ist ein flexibles globales Bedeutungssystem – es lässt situativ Anpassungen zu, ohne die Grundorientierung zu verlieren. Eine Destination ist ein rigides System – sie wird durch jede situative Abweichung in eine Krise geworfen.

Praxis: drei Bewegungen für die Richtungs-Orientierung

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Mikro-Bewegungen, wenn Klient:innen die Spannung zwischen Ziel-Erreichen und Lebens-Bewegung spüren:

  • Die Rogers-Frage: Worin bewege ich mich gerade – in eine Richtung oder von einer weg? Beides hat seinen Platz; aber „weg von“ ist meist nicht nachhaltig. Eine bewusste Wahl der Richtung („hin zu“) ist tragfähiger.

  • Die Deci-Ryan-Frage: Welcher meiner Ziele ist intrinsisch, welcher extrinsisch? Eine ehrliche Inventur. Welche Ziele verfolge ich, weil sie mir entsprechen? Welche, weil ich glaube, dass ich sie verfolgen sollte? Die zweiten dürfen geprüft, neu sortiert oder aufgegeben werden.

  • Die Lyubomirsky-Frage: Welche Praxis baue ich gerade auf? Statt zu fragen „Was möchte ich erreicht haben?“, frage ich „Welche kleine, wiederholbare Bewegung möchte ich diese Woche üben?“ Diese Frage adressiert die 40 % der Lebenszufriedenheit, die in der Praxis liegen.

Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ergänzen die Sinn-Frage, die ich mit dem Sand-Ton-Bild beschrieben habe – eine Richtung ist Sinn in Bewegung. Sie greifen die Effectuation-Bewegung, die ich mit James Joyce skizziert habe – aus den verfügbaren Mitteln das nächste Stück gestalten, ohne sich auf ein fernes Ziel zu fixieren. Und sie ergänzen die Komfortzonen-Bewegung, die ich mit Seneca und Yerkes-Dodson beschrieben habe – Wachstum geschieht in der Bewegung selbst, nicht beim Ankommen.

Wer mit Rogers‘ Haltung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind das aktive Zuhören, das einfühlende Verstehen und die echte Begegnung mit dem Gegenüber als die drei Grundbewegungen einer rogerianisch informierten Gesprächspraxis ausführlich beschrieben.

Welche meiner aktuellen Ziele sind eigentlich Richtungen, die ich gerade in feste Endpunkte zwinge? Schreibe drei davon auf. Formuliere sie um – aus „Ich will [X erreichen]“ wird „Ich bewege mich in Richtung [Y]“. Diese kleine sprachliche Verschiebung öffnet den Wahrnehmungsraum für unterwegs gefundene Möglichkeiten, die ein fixiertes Ziel ausgeschlossen hätte.

Quellen

  • Brickman, P., & Campbell, D. T. (1971). Hedonic relativism and planning the good society. In M. H. Appley (Ed.), Adaptation-level theory: A symposium (pp. 287–305). Academic Press.

  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row. (Deutsch: Flow, Klett-Cotta 1992)

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The „what“ and „why“ of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01

  • Lyubomirsky, S. (2007). The How of Happiness: A Scientific Approach to Getting the Life You Want. Penguin. (Deutsch: Glücklich sein, Campus 2008)

  • Lyubomirsky, S., Sheldon, K. M., & Schkade, D. (2005). Pursuing happiness: The architecture of sustainable change. Review of General Psychology, 9(2), 111–131. https://doi.org/10.1037/1089-2680.9.2.111

  • Park, C. L. (2010). Making sense of the meaning literature: An integrative review of meaning making and its effects on adjustment to stressful life events. Psychological Bulletin, 136(2), 257–301. https://doi.org/10.1037/a0018301

  • Rogers, C. R. (1957). The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95–103. https://doi.org/10.1037/h0045357

  • Rogers, C. R. (1961). On Becoming a Person: A Therapist’s View of Psychotherapy. Houghton Mifflin. (Deutsch: Entwicklung der Persönlichkeit, Klett-Cotta 1973)

  • Ryff, C. D. (1989). Happiness is everything, or is it? Explorations on the meaning of psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 57(6), 1069–1081. https://doi.org/10.1037/0022-3514.57.6.1069

  • Sheldon, K. M., Elliot, A. J., Ryan, R. M., Chirkov, V., Kim, Y., Wu, C., Demir, M., & Sun, Z. (2004). Self-concordance and subjective well-being in four cultures. Journal of Cross-Cultural Psychology, 35(2), 209–223. https://doi.org/10.1177/0022022103262245

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

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