Last updated on 15/06/2026
„Die Besten haben keine Angst vor Niederlagen. Sie gehören zum Erfolg dazu“ – diese Maxime wird Danny DeVito zugeschrieben, eine klare Erstquelle ließ sich nicht finden. Der Gedanke selbst ist aber konsistent mit einer breiten Forschungslinie. Carol Dwecks Mindset-Forschung, Angela Duckworths Grit-Studien, Richard Tedeschis und Lawrence Calhouns Post-Traumatic-Growth-Theorie und Kelly McGonigals Arbeit zur produktiven Seite von Stress kommen zu ähnlichen Schlüssen: Niederlagen können zur Quelle von Entwicklung werden – sie tun es aber nicht automatisch. Was sie produktiv macht, sind bestimmte Bedingungen: ein wachstumsorientiertes Selbstverständnis, soziale Unterstützung, die Fähigkeit, der Erfahrung Bedeutung zu geben, und das richtige Maß an Reflexion. Die romantisierende Kurzform „Niederlagen sind gut“ ist eine Vereinfachung. Die ehrliche Aussage lautet: Niederlagen sind potenziell produktiv, wenn ich mit ihnen arbeite.
Was Tedeschi und Calhoun zu Post-Traumatic Growth zeigten
Richard Tedeschi und Lawrence Calhoun, klinische Psychologen an der University of North Carolina at Charlotte, haben Mitte der 1990er Jahre den Begriff Post-Traumatic Growth (PTG) eingeführt und 1996 mit dem Posttraumatic Growth Inventory (PTGI) ein Messinstrument vorgelegt. Ihre Forschung an Trauma-Überlebenden – Unfälle, schwere Erkrankungen, Verlust naher Angehöriger, Gewalterfahrungen – zeigte fünf Domänen, in denen Menschen nach Widrigkeit Wachstum berichten:
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Veränderte Beziehungen – tiefere, ehrlichere, bewusstere Verbindungen zu anderen
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Neue Möglichkeiten – Lebenswege, die sich vor der Erfahrung nicht eröffnet hätten
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Persönliche Stärke – das Erleben, mehr ertragen zu können als gedacht
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Spirituelle/existenzielle Vertiefung – neue Auseinandersetzung mit Sinn und Endlichkeit
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Wertschätzung des Lebens – verschobene Prioritäten, höhere Dankbarkeit
Eine wichtige Klarstellung: PTG ist nicht universell. Meta-Analysen zeigen, dass etwa 30–70 % der von Widrigkeit Betroffenen wenigstens in einer Domäne Wachstum berichten – aber nicht alle, und nicht in allen Domänen gleichzeitig. Wachstum und Distress können koexistieren; der eine Befund schließt den anderen nicht aus. Wer eine Niederlage durchlebt, wächst nicht deshalb. Wer wächst, wächst durch die Art und Weise, wie die Niederlage verarbeitet wird.
Was Kelly McGonigal zur Mindset-Modulation zeigte
Kelly McGonigal, Gesundheitspsychologin in Stanford, hat 2015 in The Upside of Stress eine Forschungslinie zusammengeführt, die eine wichtige Korrektur an der populären Stress-Hygiene-Bewegung darstellt. Eine prospektive Langzeitstudie an 30.000 US-Amerikanern (Keller et al. 2012) hatte gezeigt: Hohe Stressbelastung war mit erhöhter Sterblichkeit verbunden – aber nur bei jenen, die Stress als gesundheitsschädlich einstuften. Wer dieselbe Stressbelastung erlebte und Stress als „mein Körper bereitet sich auf eine Herausforderung vor“ interpretierte, hatte kein erhöhtes Mortalitätsrisiko.
McGonigals Pointe: Die Stressreaktion selbst ist neutral. Sie schüttet Cortisol, Adrenalin und Oxytocin aus – Hormone, die je nach Bewertung ganz unterschiedliche Funktionen haben können. Cortisol schadet bei Angstbewertung; es mobilisiert Energie bei Herausforderungsbewertung. Oxytocin verstärkt unter Stress die soziale Suche – ein evolutionäres Signal, sich Unterstützung zu holen.
Übertragen auf Niederlagen: Eine als „Bedrohung der eigenen Identität“ gerahmte Niederlage erzeugt physiologisch und psychologisch andere Folgen als eine als „Herausforderung, an der ich wachsen kann“ gerahmte. Die Rahmung ist erlernbar.
Was Amy Edmondson zur Kunst des produktiven Scheiterns zeigte
Amy Edmondson hat in Right Kind of Wrong: The Science of Failing Well (2023) eine fundierte Korrektur an einer pauschalen „Fail fast“-Rhetorik vorgelegt. Ihre Differenzierung:
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Basic Failures entstehen aus Unaufmerksamkeit, Müdigkeit oder Fahrlässigkeit in bekanntem Terrain. Sie sind weitgehend vermeidbar und haben wenig Lehrwert.
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Complex Failures entstehen aus dem Zusammenwirken mehrerer kleiner Faktoren in komplexen Systemen. Sie können wertvolle Hinweise liefern, sind aber selten als ganzes „gut“.
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Intelligent Failures sind die einzigen, die wirklich produktiv sind: Sie geschehen in neuem Terrain, sind hypothesengeleitet, wurden vorab gut durchdacht, und ihr Lehrgehalt ist proportional zu dem, was sich nicht voraussagen ließ.
Die Pointe für die Praxis: Nicht jede Niederlage ist eine Wachstumschance. Wer denselben basic failure dreimal macht, lernt nicht – er wiederholt. Wachstum entsteht aus Niederlagen, die in unbekanntem Gelände, nach guter Vorbereitung, mit echter Unsicherheit eingegangen wurden.
Eine Familie und eine Verkettung des Unerwarteten
Ein Großonkel meiner Familie war im Zweiten Weltkrieg als deutscher Soldat in französische Kriegsgefangenschaft geraten – im engsten Wortsinn eine Niederlage. Während der Gefangenschaft lernte er die Frau kennen, die später seine Ehefrau wurde. Er blieb nach dem Krieg in Frankreich, übernahm einen großen Hof, wurde Bürgermeister seiner Gemeinde, hatte vier Kinder und starb dort hochbetagt. Eine Verkettung des Unerwarteten – die wenigsten seiner Lebensentscheidungen wären ohne die ursprüngliche Niederlage in dieser Form möglich gewesen.
Ich erzähle das nicht als Beweis. Solche Geschichten gibt es in vielen Familien, in allen historischen Konstellationen, und sie verallgemeinern nicht. Was sie zeigen, ist die schlichte Tatsache, dass das Leben nach einer Niederlage nicht ausgehandelt wurde – es geht weiter, in Bahnen, die vorher nicht sichtbar waren. Ob daraus Wachstum oder Verbitterung wird, hängt von vielem ab. Manches davon ist Glück; manches ist Haltung.
Was Ann Masten zur Resilienz im Gewöhnlichen zeigte
Ann Masten hat in über drei Jahrzehnten Resilienzforschung das Konzept der Ordinary Magic (2014) entwickelt. Ihre Pointe: Resilienz ist nicht Eigenschaft besonderer Menschen mit besonderen Genen oder besonderen Talenten. Sie entsteht aus einem Bündel ganz gewöhnlicher Schutzfaktoren – stabile Beziehungen zu fürsorglichen Bezugspersonen, kognitive Fähigkeiten zum Problemlösen, Selbstregulation, Selbstwirksamkeit, ein Gefühl von Sinn, hoffnungsvolle Zukunftsbilder. Diese Faktoren sind erlernbar und stützbar.
Übertragen auf Niederlagen im Berufsalltag heißt das: Wer Niederlagen produktiv verarbeiten möchte, baut nicht eine besondere Eigenschaft auf – sondern stärkt die gewöhnlichen Ressourcen, die ihn tragen, wenn etwas schiefgeht. Beziehungen pflegen, Reflexionspraxis üben, Sinn klären, Selbstmitgefühl üben. Die „Ordinary Magic“ ist eben deshalb wirksam, weil sie gewöhnlich ist – jeder Mensch kann sie kultivieren.
Praxis: drei Bewegungen nach einer Niederlage
In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Fragen, wenn jemand mit einer beruflichen oder persönlichen Niederlage hadert:
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Die Edmondson-Frage: War das eine intelligente Niederlage? Habe ich vorab gut nachgedacht, in unbekanntem Terrain bewegt, eine ehrliche Hypothese getestet? Oder war es ein vermeidbarer basic failure? Die ehrliche Antwort entscheidet, ob Lernarbeit oder Verhaltensänderung der nächste Schritt ist.
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Die McGonigal-Frage: Wie rahme ich gerade die Stressreaktion? Bedrohe ich mich gerade selbst mit der Niederlage – oder erkenne ich, dass mein System sich gerade mobilisiert, weil etwas Wichtiges auf dem Spiel stand? Die Rahmung verändert die körperlichen und psychischen Folgen messbar.
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Die Tedeschi-Calhoun-Frage: Welche Domäne öffnet sich gerade? In welcher der fünf PTG-Domänen entsteht vielleicht Bewegung – Beziehung, Möglichkeit, Stärke, existenzielle Tiefe, Wertschätzung? Diese Frage stelle ich nicht früh; sie braucht Zeit.
Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie greifen die Grit-Forschung, die ich mit Angela Duckworth und Edmund Hillary beschrieben habe – Beharrlichkeit nach Rückschlag. Sie ergänzen die Komfortzonen-Bewegung, die ich mit Seneca und Yerkes-Dodson skizziert habe – Wagen im Wissen, dass Scheitern möglich ist. Und sie nutzen das Coping-Modell, das ich mit Lazarus und Folkman beschrieben habe – das emotionsfokussierte und problemfokussierte Verarbeiten.
Wer mit Niederlagen im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind Gespräche nach Rückschlägen – mit Mitarbeitenden, mit Vorgesetzten, mit sich selbst – als eigene Gesprächsgattung mit klaren Vorbereitungsschritten beschrieben.
Wann habe ich zuletzt eine echte Niederlage erlebt? Was hat sich in den Wochen danach verändert – in meinem Denken, in meinen Beziehungen, in meiner Praxis? Welche dieser Veränderungen wäre ohne die Niederlage nicht passiert? Vielleicht zeigt die ehrliche Antwort auf diese drei Fragen, ob Danny DeVitos Maxime für mich trägt – und wo ich noch eine andere Beziehung zum Verlieren entwickeln darf.
Quellen
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Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28. https://doi.org/10.1037/0003-066X.59.1.20
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Duckworth, A. L. (2016). Grit: The Power of Passion and Perseverance. Scribner. (Deutsch: Grit – Die neue Formel zum Erfolg, Goldmann 2017)
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Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House. (Deutsch: Selbstbild, Piper 2009)
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Edmondson, A. C. (2023). Right Kind of Wrong: The Science of Failing Well. Atria. (Deutsch: Die richtige Art falsch zu liegen, Vahlen 2024)
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Keller, A., Litzelman, K., Wisk, L. E., Maddox, T., Cheng, E. R., Creswell, P. D., & Witt, W. P. (2012). Does the perception that stress affects health matter? The association with health and mortality. Health Psychology, 31(5), 677–684. https://doi.org/10.1037/a0026743
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Masten, A. S. (2014). Ordinary Magic: Resilience in Development. Guilford Press.
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McGonigal, K. (2015). The Upside of Stress: Why Stress Is Good for You, and How to Get Good at It. Avery. (Deutsch: Die positive Kraft von Stress, Goldmann 2016)
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Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The Posttraumatic Growth Inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress, 9(3), 455–471. https://doi.org/10.1002/jts.2490090305
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

