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Bevor das Tun beginnt – Lao Tse, Peter Gollwitzer und die Forschung zur Vorbereitung

Last updated on 16/06/2026

„Lieber nichts tun, als sich blind in eine Tätigkeit stürzen“ – diese Maxime kursiert unter Laotses Namen, ist aber eine moderne Verdichtung der wu-wei-Lehre aus dem Daodejing (ca. 4. Jahrhundert v. Chr.). Wu wei (無為) meint nicht „Nichts-Tun“ im Sinne von Untätigkeit, sondern „nicht-erzwungenes Handeln“ – das Tun, das aus dem Verstehen der Situation entsteht. Die moderne Forschung hat diese alte Einsicht präzisiert. Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) das Zusammenspiel von schnellem (intuitivem) und langsamem (deliberativem) Denken beschrieben. Peter Gollwitzer und Gabriele Oettingen haben seit den 1990er Jahren empirisch belegt, dass konkrete Vorab-Pläne die Umsetzungswahrscheinlichkeit von Vorsätzen verdoppeln. Wer vor dem Tun denkt, handelt nicht weniger – sondern anders. Ruhiger, präziser, ressourcenschonender.

Was Laotse wirklich lehrte

Das Daodejing ist mit ca. 5.000 Schriftzeichen eines der kürzesten und einflussreichsten philosophischen Texte der Weltgeschichte. Die Zuschreibung an Laotse als historische Person ist umstritten; vermutlich ist der Text das Werk mehrerer Autoren über mehrere Jahrhunderte. Das Kernkonzept wu wei wird oft missverstanden:

  • Wu (無) heißt „nicht“

  • Wei (為) heißt „handeln, machen, erzwingen“

Zusammen bedeutet das nicht das Erzwingen. Kapitel 48 sagt: „Im Streben nach Wissen wird jeden Tag etwas hinzugefügt. Im Streben nach dem Tao wird jeden Tag etwas weggelassen. Weniger und weniger, bis Nicht-Handeln erreicht ist. Im Nicht-Handeln wird nichts ungetan gelassen.“ Das ist nicht ein Aufruf zur Trägheit – es ist eine Beschreibung jenes Handelns, das mit dem Strom der Situation geht, statt gegen ihn anzukämpfen.

In der modernen Psychologie hat Mihaly Csikszentmihalyi mit seinem Flow-Konzept eine verwandte Bewegung beschrieben: Handeln, das aus dem Verstehen einer Anforderung entsteht und sich mühelos anfühlt, obwohl die Anforderung hoch ist. Das ist nicht das Gegenteil von Anstrengung, sondern die richtige Sorte Anstrengung.

Was Daniel Kahneman zum Zwei-System-Denken zeigte

Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) eine Synthese seiner Lebensarbeit vorgelegt. Sein Modell unterscheidet:

  • System 1: schnell, intuitiv, automatisch, mühelos. Erkennt Gesichter, vervollständigt vertraute Muster, reagiert auf Bedrohungen, formt Eindrücke. Permanent aktiv.

  • System 2: langsam, deliberativ, anstrengend, konzentriert. Rechnet, plant, prüft, korrigiert. Wird nur bei Bedarf aktiviert, ermüdet schnell.

Kahnemans Pointe für unser Thema: Wer ohne Vor-Denken in komplexen Situationen handelt, lässt System 1 entscheiden. System 1 ist effizient – aber es nutzt Heuristiken und Faustregeln, die in vertrauten Situationen funktionieren und in neuen Situationen systematisch in die Irre führen. Vor-Denken ist die Aktivierung von System 2 dort, wo System 1 nicht mehr trägt.

Peter Gollwitzers Implementation Intentions

Peter Gollwitzer, deutsch-amerikanischer Sozialpsychologe, hat 1999 im American Psychologist die Implementation-Intentions-Theorie vorgestellt. Sein Kernbefund: Allgemeine Vorsätze („Ich will mehr Sport machen“) haben eine schwache Vorhersagekraft für tatsächliches Verhalten. Konkrete Wenn-Dann-Pläne („Immer wenn ich montags um 18 Uhr aus dem Büro komme, gehe ich direkt ins Fitnessstudio“) verdoppeln die Umsetzungswahrscheinlichkeit.

Die Mechanik: Die Wenn-Dann-Verknüpfung verlagert die Verhaltenssteuerung von System 2 (das im Moment des Handelns oft nicht verfügbar ist, weil müde oder abgelenkt) zu System 1 (das auf den situativen Trigger automatisch reagiert). Die mentale Arbeit wird vorgelegt – beim Planen, nicht beim Tun.

Die Meta-Analyse von Gollwitzer und Sheeran (2006) hat über 94 Studien einen mittleren bis großen Effekt von d = 0,65 gezeigt – das ist im sozialpsychologischen Maßstab beachtlich. Implementation Intentions wirken bei Diäten, Sport, Arzneimittel-Einnahme, Suchtreduktion, akademischem Lernen.

Gabriele Oettingens mentale Kontrastierung

Gabriele Oettingen hat parallel zu Gollwitzers Arbeit eine eigenständige Forschungslinie entwickelt: Mental Contrasting. Ihre Beobachtung: Reine positive Visualisierung („Ich stelle mir vor, wie schön es ist, wenn ich mein Ziel erreicht habe“) senkt paradoxerweise die Umsetzungsbereitschaft – die Vorstellung des Erfolgs wird vom Gehirn schon als kleine Teilbelohnung verbucht.

Wirksamer ist die Kontrastierung: zuerst den gewünschten Zustand vorstellen, dann den realistischen Hindernissen ins Auge sehen, die zwischen mir und diesem Zustand stehen. Diese Kombination aktiviert die Veränderungsenergie. Oettingen hat das in 2014 in Rethinking Positive Thinking in das WOOP-Verfahren verdichtet:

  • Wish – Was wünsche ich mir wirklich?

  • Outcome – Welches konkrete Ergebnis stelle ich mir vor?

  • Obstacle – Was steht zwischen mir und diesem Ergebnis?

  • Plan – Welcher Wenn-Dann-Plan überwindet das Hindernis?

WOOP verbindet Gollwitzers Implementation Intentions mit der vorgeschalteten Realitätsprüfung. Es ist die wissenschaftlich verdichtete Form dessen, was die alte Strategielehre seit Sun Tzu gelehrt hat.

Sun Tzu und die Kunst der Vorbereitung

Sun Tzu schrieb im 5. Jahrhundert v. Chr. Die Kunst des Krieges, das bis heute meistgelesene strategische Lehrbuch der Weltgeschichte. Sein bekanntester Satz: „Wer sich kennt und seinen Gegner, wird in hundert Schlachten nicht unterliegen.“ Selbstkenntnis und Situationskenntnis sind die Voraussetzungen wirksamen Handelns – nicht die Schlachtfertigkeiten selbst.

Sun Tzus Pointe für den Berufsalltag: Die meisten Auseinandersetzungen werden gewonnen oder verloren, bevor sie beginnen. Wer die Lage gründlich kennt, kann mit minimalem Einsatz das Wesentliche bewegen. Wer die Lage nicht kennt, verausgabt sich – auch dann, wenn er erfolgreich erscheint.

Maja Storchs Zürcher Ressourcen-Modell

Im deutschsprachigen Raum hat Maja Storch mit Frank Krause am Institut für Selbstmanagement Zürich das Zürcher Ressourcen-Modell (ZRM) entwickelt. Ihre Verschiebung gegenüber der reinen Implementation-Intentions-Forschung: Pläne werden nicht nur kognitiv formuliert, sondern emotional verankert – durch Bildung eines „Mottoziels“, das eine starke positive Emotion aktiviert. Die Idee: Ein Plan, der mich nicht emotional bewegt, wird unter Stress vergessen. Ein Plan, der mit einem starken positiven Bild verbunden ist, ist robuster.

ZRM verbindet kognitive Planung mit emotionaler Energie – und das ist das praktische Pendant zu Laotses wu wei. Handeln aus der Stimmigkeit, nicht aus dem Zwang.

Praxis: drei Bewegungen für vorgeplantes Handeln

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei kleinen Vor-Bewegungen, bevor ein wichtiges Tun beginnt:

  • Die Gollwitzer-Bewegung: Welcher Wenn-Dann-Plan? Nicht „Ich werde nächste Woche endlich…“, sondern „Immer wenn am Montag um 9 Uhr X passiert, dann mache ich Y.“ Die situative Verankerung verlagert die Steuerung in das spätere Geschehen hinein.

  • Die Oettingen-Bewegung: Welches Hindernis übersehe ich gerade? Nicht „Was wäre, wenn alles gut liefe?“, sondern: „Was wird mich konkret bremsen, und wie reagiere ich darauf?“ Diese Frage ist die Korrektur an reinem Optimismus.

  • Die Sun-Tzu-Bewegung: Wo sind die Lücken in meiner Lagekenntnis? Welche Informationen, welche Stimmen, welche Perspektiven fehlen, bevor ich entscheiden kann? Eine ehrliche Inventur reduziert die Anzahl der Versuche.

Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ergänzen die Effectuation, die ich mit James Joyce skizziert habe – aus den verfügbaren Mitteln das Bestmögliche tun. Sie greifen die Reflexion-Bewegung, die ich mit Friedrich Nietzsche und dem Default Mode Network beschrieben habe – die produktive Stille vor dem Tun. Und sie ergänzen das bewusste Nein, das ich mit Henry David Thoreau und Greg McKeown formuliert habe – Vorbereitung schließt das Weglassen ein.

Wer mit der Vorbereitung schwieriger Gespräche im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) ist die fünfstufige Vorbereitungspraxis (Anlass klären, eigene Position kennen, Gegenpositionen erwarten, Wenn-Dann-Pläne für schwierige Stellen, Schluss-Szenario) als zentrale Praxis-Grundlage beschrieben.

Wu wei beschreibt eine Disziplin: das Tun, das aus dem Verstehen entsteht. Gollwitzers und Oettingens Forschung übersetzt diese alte Einsicht in präzise Mechanik – Pläne, die vor dem Handeln gemacht werden, verdoppeln die Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Wer denkt, bevor er handelt, gewinnt zwei Dinge gleichzeitig: Ruhe und Präzision. Das eine ist die Bedingung des anderen.

Quellen

  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row. (Deutsch: Flow. Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta 1992)

  • Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54(7), 493–503. https://doi.org/10.1037/0003-066X.54.7.493

  • Gollwitzer, P. M., & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(06)38002-1

  • Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. (Deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler 2012)

  • Laozi (ca. 4. Jh. v. Chr. / 2009). Daodejing. Übers. v. Viktor Kalinke. Leipziger Literaturverlag.

  • Oettingen, G. (2014). Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation. Current. (Deutsch: Die Psychologie des Gelingens, Pattloch 2015)

  • Oettingen, G., & Gollwitzer, P. M. (2010). Strategies of setting and implementing goals: Mental contrasting and implementation intentions. In J. E. Maddux & J. P. Tangney (Eds.), Social Psychological Foundations of Clinical Psychology (pp. 114–135). Guilford Press.

  • Storch, M., & Krause, F. (2017). Selbstmanagement – ressourcenorientiert: Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Zürcher Ressourcen Modell (ZRM). Hogrefe.

  • Sunzi (ca. 5. Jh. v. Chr. / 2008). Die Kunst des Krieges. Übers. v. Hannelore Eisenhofer. Anaconda.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln

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