Zum Inhalt springen

Selbstbewusstsein ist nicht geschlechtsneutral – woraus Frauen und Männer ihre Sicherheit ziehen

Last updated on 16/06/2026

Eine repräsentative Allensbach-Studie aus 2020 zeigt: Bei Männern bauen Erfolg im Beruf (82 %) und Finanzen (77 %) das Selbstbewusstsein. Bei Frauen sind es Beliebtheit (74 %) und gutes Aussehen (72 %). Beruflicher Erfolg landet bei Frauen erst auf Platz drei – mit nur 66 %. Diese Asymmetrie ist kein individuelles Defizit, sondern Spiegel eines sozialen Systems. Wer das versteht, kann es verändern.


In über zwei Jahrzehnten L&D-Praxis in der Pharmaindustrie habe ich es immer wieder beobachtet: Frauen unterschätzen sich systematisch, Männer eher selten. Das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) liefert für diese Beobachtung 2020 belastbare Zahlen – aus einer Repräsentativbefragung von 800 Frauen und 800 Männern.


Die Allensbach-Zahlen im Überblick

Gefragt wurde: „Woraus Menschen Selbstsicherheit ziehen, ist ja ganz verschieden. Wovon hängt es nach Ihren Beobachtungen besonders ab, ob Frauen/Männer selbstsicher sind?“

Die Top-Quellen für Männer:

  • Erfolg im Beruf: 82 %

  • Finanzen: 77 %

  • Anerkennung von Frauen: 51 %

  • Anerkennung von Männern: 45 %

Die Top-Quellen für Frauen:

  • Beliebtheit: 74 %

  • Gutes Aussehen: 72 %

  • Erfolg im Beruf: 66 %

  • Anerkennung von Männern: 45 %

  • Anerkennung von Frauen: 29 %


Drei Beobachtungen, die mich nachdenklich machen

1. Beruflicher Erfolg trägt bei Frauen 16 Prozentpunkte weniger zum Selbstbewusstsein bei als bei Männern. Das ist keine Frage individuellen Selbstwerts – das ist eine systemische Folge ungleicher Möglichkeiten und Rückmeldungen.

2. Frauen ziehen mehr Sicherheit aus männlicher (45 %) als aus weiblicher Anerkennung (29 %). Das ist nicht „falsche Wertschätzung“, sondern Spiegel davon, wer in Organisationen über Karrieren entscheidet. Power talks. Validation by the powerful matters.

3. Aussehen und Beliebtheit dominieren die Liste der Frauen. Ein Befund, den die Soziologie seit Jahrzehnten beschreibt – und der zeigt, wie tief gesellschaftliche Deutungsmuster auch in der Selbstwahrnehmung wirken.


Die Forschung dahinter: Der „Confidence Gap“

Die Allensbach-Daten fügen sich in eine breite Forschungstradition:

  • Kay & Shipman (2014) zeigen in The Confidence Code: Frauen unterschätzen ihre Kompetenz systematisch, Männer überschätzen sie.

  • Mohr (2014, Harvard Business Review) dokumentiert: Frauen bewerben sich erst, wenn sie 100 % der Anforderungen erfüllen – Männer schon bei 60 %.

  • Bandura (1997) liefert die theoretische Grundlage mit dem Konzept der Selbstwirksamkeit: Wer wenig Rückmeldung über die eigene Wirkung erfährt, baut auch weniger Vertrauen in sie auf.

Diese Daten passen direkt zu meinem Artikel über die Gender Pay Gap in der Finanzberatung – beides Wahrnehmungs- und Strukturproblem zugleich.


Was L&D daraus machen kann

Drei Hebel, die in meinen Trainings nachweislich wirken:

  • Stärkenbasiertes, konkretes Feedback statt allgemeiner Lob-Floskeln – wirkt bei Frauen messbar stärker.

  • Frauen früh in Sprecherrollen bringen – jede Präsentation, jede Moderation baut Selbstwirksamkeit auf.

  • Wertschätzung sichtbar machen – die 5-Stufen-Kette nach Reinhard Haller wirkt geschlechtsübergreifend, adressiert aber das Defizit gezielt.


Selbstbewusstsein entsteht nicht allein im Kopf einer Person. Es entsteht in dem Echo, das sie aus ihrer Umgebung zurückbekommt. Wer Führungsverantwortung trägt, gestaltet dieses Echo mit – ob bewusst oder nicht.


Wie Haltung, Deutungsmuster und Selbstbild im beruflichen Gespräch zusammenspielen, ist Kernthema von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98


Quellen:

  • Institut für Demoskopie Allensbach (2020): Woraus Menschen Selbstsicherheit ziehen. Repräsentativbefragung, n=1.600 (jeweils 800 Frauen/Männer ab 16 Jahren).

  • Kay, K. & Shipman, C. (2014): The Confidence Code: The Science and Art of Self-Assurance. HarperBusiness.

  • Mohr, T. S. (2014): Why Women Don’t Apply for Jobs Unless They’re 100% Qualified. Harvard Business Review, August 2014.

  • Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. W.H. Freeman.

  • Haller, R. (2019): Das Wunder der Wertschätzung. Gräfe und Unzer.

#Selbstbewusstsein #ConfidenceGap #Leadership #GenderEquity #LearningAndDevelopment

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

Published inMut tut gutWahrnehmung und DeutungWahrnehmung und Deutung