Last updated on 16/06/2026
Ullrich K. H. Ecker, Stephan Lewandowsky und neun Kolleg:innen (darunter Lisa K. Fazio und Nadia M. Brashier) haben 2022 in Nature Reviews Psychology die Forschung zur Hartnäckigkeit von Fehlinformation systematisch zusammengetragen. Ihr Befund: Es gibt nicht einen Grund, warum Menschen falschen Behauptungen glauben, sondern zwei Cluster – kognitive und sozio-affektive Treiber, die meist zusammenwirken. Und es gibt belastbare Strategien dagegen: vorbeugend (Prebunking) und korrigierend (Debunking) – mit klaren Bedingungen, unter denen sie funktionieren.
Was als Gerücht beginnt, klebt häufig wie Pech an den Menschen, über die geredet wird – und lässt sich kaum noch lösen. Wer einmal selbst Zielperson einer Gerüchteküche war, kennt das Phänomen aus eigener Anschauung: Die ursprüngliche Falschmeldung wirkt weiter, auch nachdem sie sauber widerlegt wurde.
Die Psychologie der letzten zwei Jahrzehnte hat dieses Phänomen präzise vermessen.
Die zwei Treiber-Cluster: kognitiv und sozio-affektiv
In ihrer Übersicht für Nature Reviews Psychology unterscheiden Ecker und Kolleg:innen zwei Quellen für Fehlinformations-Glauben.
Kognitive Treiber:
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Intuitives statt analytisches Denken. Gordon Pennycook und David Rand haben 2019 in Cognition gezeigt: Wer mehr auf das Bauchgefühl vertraut und weniger analytisch prüft, fällt häufiger auf Falschmeldungen herein – unabhängig von der politischen Richtung. Misinformation profitiert vom kognitiv ressourcenarmen Modus.
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Illusory Truth Effect. Lisa K. Fazio, Nadia M. Brashier und Kolleg:innen haben 2015 im Journal of Experimental Psychology: General nachgewiesen: Allein die Wiederholung einer Aussage erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie für wahr gehalten wird – selbst dann, wenn man eigentlich weiß, dass sie falsch ist. Vertrautheit fühlt sich wie Wahrheit an.
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Quellen-Vernachlässigung. Wir merken uns oft die Aussage, aber nicht, woher sie stammt – das macht es schwer, später zu prüfen, ob eine Behauptung valide war.
Sozio-affektive Treiber:
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Quellen-Glaubwürdigkeit. Hierarchisch Höhere, Eliten, charismatische oder attraktive Personen werden tendenziell als glaubwürdiger eingestuft – unabhängig von der Substanz ihrer Aussagen.
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Weltbild-Kongruenz. Informationen, die ins eigene Weltbild passen, werden weniger geprüft. Was gegen das Weltbild spricht, wird stärker hinterfragt – eine asymmetrische Bewertung mit weitreichenden Folgen.
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Emotionaler Gehalt. Emotional vorgetragene oder emotional aufgeladene Botschaften werden eher geglaubt und stärker erinnert. Hier verbindet sich die Forschung zur Negativity Bias und zum emotionalen Gedächtnis, die ich im Artikel zu „Emotion entscheidet, Vernunft begründet“ entwickelt habe.
Die beiden Cluster wirken meist zusammen. Ein Gerücht, das emotional aufgeladen ist, aus einer prestigeträchtigen Quelle kommt, zum eigenen Weltbild passt und sich rasch ohne Quellenprüfung weitererzählen lässt, hat hohe Hartnäckigkeitsgarantie.
Warum Korrekturen oft nicht greifen: der Continued Influence Effect
Stephan Lewandowsky, Ullrich K. H. Ecker und Kolleg:innen haben bereits 2012 in Psychological Science in the Public Interest den Continued Influence Effect dokumentiert: Selbst nachdem eine Person die Information „diese Behauptung war falsch“ gehört und akzeptiert hat, beeinflusst die ursprüngliche Falschinformation weiter ihr Denken und Schlussfolgern.
Das hat zwei Gründe:
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Das mentale Modell, das eine Falschinformation aufgebaut hat, verschwindet nicht durch eine bloße Korrektur. Es muss aktiv durch ein neues, kohärentes Modell ersetzt werden.
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Die Wiederholung der Falschinformation – auch im Zuge der Korrektur („Es stimmt nicht, dass X“) – kann sie weiter im Gedächtnis verankern, weil die Vertrautheit zunimmt.
Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit: „Ich habe das doch klargestellt“ reicht nicht. Korrektur ist Konstruktion eines neuen Modells, nicht Löschung eines alten.
Was funktioniert: Prebunking und Debunking
Die Forschung hat zwei wirksame Strategien identifiziert.
Prebunking (oder Inoculation) – nach William J. McGuires Inoculation-Theorie (1964) und der modernen Weiterentwicklung. Jon Roozenbeek und Sander van der Linden haben 2019 in Palgrave Communications gezeigt: Wer im Vorfeld die typischen Manipulations-Techniken von Falschinformation kennt – emotionalisierte Sprache, falsche Dichotomien, scheinbare Autoritäten, Verschwörungslogik –, ist gegen sie deutlich besser geschützt. Die psychologische „Impfung“ funktioniert.
Debunking ist wirksam, aber nur unter Bedingungen. Nach dem Debunking Handbook von Lewandowsky, Cook und Kolleg:innen:
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Die Falschmeldung im Korrekturtext nicht in den Mittelpunkt stellen.
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Stattdessen die korrekte Information klar voranstellen.
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Erklären, warum die Falschmeldung intuitiv plausibel wirkt.
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Eine kohärente Alternative liefern, die die Lücke im mentalen Modell füllt.
Wer dieselbe Falschinformation in der Korrektur viermal wiederholt, hat sie viermal verstärkt – egal wie gut die Korrektur war. Diese Erkenntnis erklärt, warum manche gut gemeinte Faktenchecks den gegenteiligen Effekt haben.
Was das für den Berufsalltag bedeutet
In meinen Erfahrungen erlebe ich die Gerüchteküche regelmäßig – bei Reorganisationen, in Führungswechseln, in Konflikten. Drei Hebel, die wiederholt etwas verändern:
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Direkter Quellenkontakt vor jeder Weiterverbreitung. Statt eine Geschichte über eine Person weiterzugeben, das Gespräch mit dieser Person suchen. Klingt simpel – ist es selten. Aber es ist der wirksamste Filter, den Berufsalltag kennt.
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Bewusste Skepsis gegenüber Hierarchie- und Charisma-Effekten. Höhere Positionen, sichtbare Marken oder charismatische Auftritte machen Aussagen nicht wahrer. Das deckt sich mit dem, was ich in „Wissen ist Macht“ über die unterschiedlichen Wissensformen entwickelt habe – und mit dem Schokoladen-Artikel, der zeigt, wie schnell auch wissenschaftliche Befunde überdehnt und falsch interpretiert werden.
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Korrektur nach dem Debunking-Prinzip. Wenn doch korrigiert werden muss: die Faktenrichtigstellung in den Mittelpunkt stellen, nicht das Gerücht; eine plausible Alternative zur ursprünglichen Geschichte liefern; ruhig und nicht emotional aufgeladen kommunizieren, damit die Korrektur nicht selbst wieder Vertrautheit für das Falsche aufbaut.
Die Architektur eines Gerüchts ist erstaunlich simpel: eine schnelle Intuition, eine glaubwürdige Quelle, eine bestätigende Emotion. Wer einen dieser drei Bausteine ehrlich überprüft, bringt das ganze Konstrukt zum Wanken.
Wie man jemanden mit Fakten konfrontiert, ohne die Beziehung zu beschädigen – Gesprächsführung in heiklen Konstellationen –, entwickle ich in Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023) ausführlicher. 👉 tidd.ly/4vwIC98
Quellen
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Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Cook, J., Schmid, P., Fazio, L. K., Brashier, N. M., Kendeou, P., Vraga, E. K. & Amazeen, M. A. (2022): The Psychological Drivers of Misinformation Belief and Its Resistance to Correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. DOI: 10.1038/s44159-021-00006-y
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Fazio, L. K., Brashier, N. M., Payne, B. K. & Marsh, E. J. (2015): Knowledge Does Not Protect Against Illusory Truth. Journal of Experimental Psychology: General, 144(5), 993–1002. DOI: 10.1037/xge0000098
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Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H., Seifert, C. M., Schwarz, N. & Cook, J. (2012): Misinformation and Its Correction: Continued Influence and Successful Debiasing. Psychological Science in the Public Interest, 13(3), 106–131. DOI: 10.1177/1529100612451018
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Pennycook, G. & Rand, D. G. (2019): Lazy, Not Biased: Susceptibility to Partisan Fake News Is Better Explained by Lack of Reasoning than by Motivated Reasoning. Cognition, 188, 39–50. DOI: 10.1016/j.cognition.2018.06.011
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Roozenbeek, J. & van der Linden, S. (2019): Fake News Game Confers Psychological Resistance Against Online Misinformation. Palgrave Communications, 5(1), 65. DOI: 10.1057/s41599-019-0279-9
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

