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Der halbe Tag woanders – Killingsworth, Amishi Jha und die Wissenschaft des wandernden Geistes

Last updated on 16/06/2026

Fast 47 Prozent unserer wachen Zeit sind wir mit den Gedanken nicht bei dem, was wir gerade tun. Matt Killingsworth und Daniel Gilbert haben das 2010 mit 2.250 Menschen per Echtzeit-Stichproben gemessen – und einen zweiten Befund gleich mitgeliefert: Der wandernde Geist ist meist kein glücklicher Geist. Präsenz ist damit keine Wellness-Floskel, sondern eine messbare Bedingung für Wohlbefinden – und sie lässt sich trainieren.

Vor einiger Zeit bin ich über ein kleines Video gestolpert, das mich seitdem begleitet. Es zeigt auf stille Weise, warum das Wahrnehmen der kleinen Dinge so verändernd wirkt – warum ein Moment, in dem wir wirklich da sind, sich wärmer und erfüllter anfühlt als eine Stunde auf Autopilot. Falls Du es Dir anschauen magst: 👉 youtu.be/-iCSnbtpweM (es funktioniert übrigens auch nur mit Ton). Beim dritten Ansehen habe ich gemerkt, dass ich beim zweiten bereits wieder an meine To-do-Liste gedacht hatte. Genau darüber möchte ich heute schreiben.

Was die Glücks-App gemessen hat

Matt Killingsworth und Daniel Gilbert, Psychologen in Harvard, entwickelten eine iPhone-App, die 2.250 Erwachsene zu zufälligen Zeitpunkten im Alltag fragte: Was tust Du gerade? Woran denkst Du gerade? Wie glücklich bist Du gerade? Das Ergebnis dieser Erlebnisstichproben: In 46,9 % aller Momente waren die Gedanken nicht bei der aktuellen Tätigkeit. Und – das ist der eigentliche Befund – die Menschen waren in diesen Momenten messbar weniger glücklich, weitgehend unabhängig davon, was sie gerade taten. Die Zeitreihen-Analyse legte sogar nahe, dass das Abschweifen dem Unglücklichsein vorausging, nicht umgekehrt. Der Titel der Studie ist zugleich ihr Kernsatz: „A wandering mind is an unhappy mind“ – ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist (Killingsworth & Gilbert 2010).

Eine wichtige Einordnung gehört dazu: Absichtsvolles Tagträumen ist etwas anderes. Bewusst zugelassenes Schweifen nährt Kreativität und Problemlösen (vgl. → Artikel „Wenn Langeweile lehrt – Sandi Mann und das Default Mode Network“). Killingsworths Befund gilt dem unbemerkten Abdriften – dem halben Tag, der woanders stattfindet, ohne dass wir es entschieden hätten.

Was im Gehirn passiert – und warum das Bemerken der Schlüssel ist

Wendy Hasenkamp, Neurowissenschaftlerin (damals Emory University), hat mit fMRT-Aufnahmen bei Meditierenden einen Zyklus aus vier Phasen beschrieben: Der Geist wandert (das Default Mode Network ist aktiv) – wir bemerken das Wandern (das Salienz-Netzwerk springt an) – wir holen die Aufmerksamkeit zurück – wir halten sie eine Weile (Hasenkamp et al. 2012). Die für mich tröstlichste Pointe dieser Forschung: Das Abschweifen ist kein Versagen, sondern Phase eins eines Trainingszyklus. Jedes Bemerken ist eine vollständige Wiederholung der Übung – so wie eine Kniebeuge erst durch das Aufstehen komplett wird. Wer „schlecht meditiert“ und hundertmal zurückkehrt, hat hundertmal trainiert (vgl. → Artikel „Stillstand als Bewegung – Nietzsche und der Default Mode“).

Aufmerksamkeit ist trainierbar – auch unter Druck

Amishi Jha, Neurowissenschaftlerin an der University of Miami, untersucht Aufmerksamkeit dort, wo der Druck am höchsten ist: bei Einsatzkräften und Soldat:innen vor der Entsendung. In ihrer Studie mit zwei Militärkohorten zeigte sich: Hohe Belastung zehrt das Arbeitsgedächtnis spürbar aus – aber die Gruppe, die ein achtwöchiges Achtsamkeitstraining absolvierte und ausreichend übte, blieb geschützt; Arbeitsgedächtnis und emotionale Stabilität blieben erhalten (Jha et al. 2010). In ihrem Buch Peak Mind (2021) übersetzt Jha das in eine Alltagsgröße: Schon rund zwölf Minuten Aufmerksamkeitsübung am Tag reichen in ihren Untersuchungen aus, um den Abbau der Aufmerksamkeit unter Belastung zu bremsen. Aufmerksamkeit ist demnach weniger eine Charakterfrage als eine Trainingsfrage (vgl. → Artikel „24 Marmeladen, 23 Minuten – über Aufmerksamkeit als Voraussetzung des Selbst“).

Was das praktisch bedeutet

Präsenz ist auch eine Beziehungskompetenz. Wer im Gespräch wirklich da ist – mit Blick, Stimme und ungeteilter Aufmerksamkeit –, reguliert nicht nur sich selbst, sondern auch sein Gegenüber. Diese Verbindung von Präsenz, Nervensystem und Dialog ist ein roter Faden in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Praxis: Die Spaziergangs-Frage

Nimm auf Deinen nächsten Weg – zum Bahnhof, in die Mittagspause, mit dem Hund – genau eine Frage mit: „Wo bin ich gerade?“ Stelle sie Dir, wann immer sie Dir einfällt. Drei mögliche Antworten: bei dem, was ich sehe und höre – in der Vergangenheit – in der Zukunft. Nichts bewerten, nichts erzwingen; nur bemerken und zur nächsten Wahrnehmung zurückkehren: ein Geräusch, ein Lichtwechsel, der eigene Schritt. Wenn Du zehnmal abschweifst, hast Du – mit Hasenkamp gesprochen – zehnmal trainiert.

Zum Schluss

Eine Beobachtung zum Mitnehmen, mit verschobener Perspektive: Achte heute einmal nicht darauf, was Du tust – sondern wo Du dabei bist. Die Antwort verrät mehr über Deinen Tag als jede To-do-Liste.

Quellen:

  • Killingsworth, M. A. & Gilbert, D. T. (2010): A wandering mind is an unhappy mind. Science, 330(6006), 932. DOI: 10.1126/science.1192439
  • Hasenkamp, W., Wilson-Mendenhall, C. D., Duncan, E. & Barsalou, L. W. (2012): Mind wandering and attention during focused meditation: A fine-grained temporal analysis of fluctuating cognitive states. NeuroImage, 59(1), 750–760. DOI: 10.1016/j.neuroimage.2011.07.008
  • Jha, A. P., Stanley, E. A., Kiyonaga, A., Wong, L. & Gelfand, L. (2010): Examining the protective effects of mindfulness training on working memory capacity and affective experience. Emotion, 10(1), 54–64. DOI: 10.1037/a0018438
  • Jha, A. P. (2021): Peak Mind: Find Your Focus, Own Your Attention, Invest 12 Minutes a Day. HarperOne, New York.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Zusammenfassung: Die Harvard-Studie von Killingsworth und Gilbert zeigt mit 2.250 Teilnehmenden, dass unsere Gedanken in fast 47 Prozent der wachen Zeit abschweifen und der wandernde Geist messbar unglücklicher ist – während Wendy Hasenkamps fMRT-Forschung das Bemerken des Abschweifens als trainierbaren Vier-Phasen-Zyklus beschreibt und Amishi Jha belegt, dass schon etwa zwölf Minuten tägliche Aufmerksamkeitsübung die Aufmerksamkeit unter Belastung schützen. Präsenz ist damit keine Wellness-Floskel, sondern eine messbare, lernbare Kompetenz für Wohlbefinden, Lernen und gute Gespräche.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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