Last updated on 15/06/2026
Denkanstöße
Über das, was (in Organisationen) Wirkung hat — auch dann, wenn es nicht ausgesprochen wird.
Karen Adolph (NYU) hat 2012 sechs Stunden Säuglingsalltag beobachtet und gezählt: 2.368 Schritte pro Stunde, 17 Stürze. Hochgerechnet aufs Kind ergibt das rund 14.000 Schritte und 100 Stürze pro Tag – monatelang. Niemand attestiert einem Säugling Versagen. Bei Erwachsenen kippt die Logik: Wer beim Lernen stolpert, gilt schnell als ungeeignet. Dabei zeigen David Kolbs Lernzyklus, Carol Dwecks Growth-Mindset und Anders Ericssons Deliberate-Practice-Forschung dasselbe Bild – Entwicklung ist leise, langsam, integrativ.
„Nicht müde werden sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ — Hilde Domin
Hilde Domins Zeilen sind keine Sonntagspoesie. Sie beschreiben präzise, was Lernen wäre, wenn wir es nicht ständig erzwingen würden: nicht greifen, sondern empfangen. Nicht ermüden. Leise bleiben. Adolphs Säuglinge tun genau das – sie halten der Welt die Hand hin und nehmen mit, was sich darauf niederlässt. Diese Haltung hatten wir alle einmal. Wir haben sie nur verlernt.
Aus Erfahrung begegnet mir eine Erwartung immer wieder: Lernen solle effizient sein. Geradlinig. Möglichst ohne Reibung. Ein Seminar besucht, eine Methode verstanden, eine neue Fähigkeit eingebaut – und am Montag funktioniert es. So funktioniert Lernen nicht. So hat Lernen nie funktioniert.
Was Adolphs Daten wirklich zeigen
Adolph et al. (2012) haben zwölf bis neunzehn Monate alte Kinder beim Laufen filmisch dokumentiert (Psychological Science, DOI: 10.1177/0956797612446346). Die Zahlen, die daraus hervorgegangen sind, sind im Grunde unfassbar: Über sechs Wachstunden hinweg legen die Kinder im Durchschnitt 701 Meter zurück – das entspricht hochgerechnet rund 4,4 Kilometern pro Tag. Sie probieren neue Untergründe (Teppich, Fliesen, Wiese), tragen schwere Gegenstände, drehen sich, ändern Tempo. Und sie fallen.
Was sie nicht tun: aufgeben. Was sie auch nicht tun: sich rechtfertigen. Sie stehen auf und versuchen es noch einmal – nicht aus Disziplin, sondern weil das ihr Modus ist.
Dieser Modus geht uns als Erwachsene verloren. Nicht, weil wir es nicht mehr könnten, sondern weil wir Lernen mit Können verwechseln.
Lernen ist kein Akt, sondern ein Zyklus
David Kolb (1984) hat das Lernen Erwachsener als Kreislauf beschrieben: konkrete Erfahrung → reflektierende Beobachtung → abstrakte Konzeptualisierung → aktives Experimentieren. Niemand betritt diesen Zyklus an einer beliebigen Stelle und ist fertig. Lernen geschieht im Rundlauf, in Wellen, mit jeder Schleife etwas tiefer.
In der Praxis lässt sich das in fünf Schritte übersetzen:
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Versuchen – etwas konkret tun, nicht erst denken.
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Reflektieren – was ist passiert, was hat gewirkt, was nicht?
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Ankern – einen Begriff, ein Modell, eine Idee dranhängen, die das Erfahrene erklärt.
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Verinnerlichen – wiederholen, bis es nicht mehr Anstrengung kostet.
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Tun – ohne Aufmerksamkeit auf den Vorgang selbst, im Alltag, im Gespräch, im Projekt.
Dann beginnt der Zyklus auf einer höheren Ebene neu. (Der Mittelteil dieses Zyklus – das Reflektieren – ist Gegenstand des Artikels zum Reflexionszyklus in dieser Serie.)
Die Macht des „Noch nicht“
Carol Dweck (2006) hat in jahrzehntelanger Forschung gezeigt, dass die kleine Vokabel „yet“ / „noch nicht“ die mentale Architektur von Lernenden verändert. Wer sagt „Ich kann das nicht“, schließt eine Tür. Wer sagt „Ich kann das noch nicht“, lässt sie offen.
Lew Wygotski hat das schon Jahrzehnte vorher räumlich gedacht: Lernen geschieht in der Zone der nächsten Entwicklung – im Grenzbereich zwischen dem, was wir allein können, und dem, was wir mit guter Unterstützung erreichen. Zu leicht ist langweilig. Zu schwer ist Überforderung. Das richtige Maß ist die Stelle, an der man stolpert, aber nicht stürzt – und wenn doch, aufstehen kann. Hier verbindet sich Lernen direkt mit Selbstmitgefühl (vgl. Selbstmitgefühl – warum Freundlichkeit zu sich selbst die schwerste Disziplin ist): Wer beim eigenen Stolpern hart mit sich umgeht, verkürzt die Schleife – und verhindert Lernen.
Nicht jede Wiederholung ist Übung
Anders Ericsson, Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer (1993) haben in einer der meistzitierten Studien der Lernpsychologie gezeigt, dass es nicht reine Stunden tut, sondern qualifizierte: Deliberate Practice ist absichtsvolles Üben mit konkretem Ziel, sofortigem Feedback und der Bereitschaft, das, was man schon kann, immer wieder leicht über das eigene Niveau hinaus zu fordern (Psychological Review, 100(3), 363–406).
Der populäre 10.000-Stunden-Satz ist die verkürzte Version, die das Wesentliche verfehlt. Wer zehntausend Stunden auf demselben Niveau übt, wird nicht besser, sondern routinierter. Wachstum braucht Reibung – die Säuglinge bei Adolph wechseln nicht zufällig ständig den Untergrund.
In dieser Reibungsbereitschaft trifft sich Ericssons Forschung mit Angela Duckworths Konzept der Grit – Beharrlichkeit gepaart mit Leidenschaft (vgl. Artikel zu Grit).
Praxis: Etwas absichtsvoll in fünf Schritten lernen
Ein Vorschlag, der einen Monat genügt – nicht mehr:
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Wählen Sie eine kleine Sache. Nicht das große Projekt. Ein konkretes Verhalten, eine Technik, eine Frage, die Sie in jedes Gespräch mitnehmen wollen.
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Probieren Sie sie täglich aus – auch wenn es ungelenk wirkt.
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Notieren Sie abends drei Zeilen: Was habe ich versucht? Was ist passiert? Was nehme ich morgen mit?
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Suchen Sie sich nach zwei Wochen eine Person, die Ihnen ehrliches Feedback gibt.
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Lassen Sie nach vier Wochen das Notieren weg – aber nicht das Tun.
Wer das durchhält, hat etwas verändert. Nicht spektakulär. Aber stabil.
Wie sich integratives Lernen in Großgruppen orchestrieren lässt – mit Räumen für Versuch, Reflexion, Verankerung und Anwendung – ist eines der Kernthemen von Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025). 👉 tidd.ly/4clXpur
Domins Bild – die Hand, leise hingehalten – ist keine pädagogische Romantik. Es ist die genauere Beschreibung dessen, was bei Erwachsenen ebenso geschieht wie bei den Säuglingen in Adolphs Studie: Wir empfangen, was wir lernen, in dem Maß, in dem wir bereit sind, dafür zu fallen und wieder aufzustehen.
Vielleicht ist die wichtigste Frage an unsere Lernkultur deshalb gar nicht „Wie schnell?“ – sondern „Wie oft dürfen wir hier stolpern, ohne dass es Konsequenzen hat?“
Quellen
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Adolph, K. E., Cole, W. G., Komati, M., Garciaguirre, J. S., Badaly, D., Lingeman, J. M., Chan, G. L. Y. & Sotsky, R. B. (2012): How Do You Learn to Walk? Thousands of Steps and Dozens of Falls per Day. Psychological Science, 23(11), 1387–1394. DOI: 10.1177/0956797612446346
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Dweck, C. S. (2006): Mindset. The New Psychology of Success. Random House. — Dt.: Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt (2017). Piper.
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Ericsson, K. A., Krampe, R. Th. & Tesch-Römer, C. (1993): The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406. DOI: 10.1037/0033-295X.100.3.363
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Kolb, D. A. (1984): Experiential Learning. Experience as the Source of Learning and Development. Prentice Hall.
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Vygotsky, L. S. (1978): Mind in Society. The Development of Higher Psychological Processes. Harvard University Press.
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Domin, H. (1970): Ich will dich. Gedichte. S. Fischer Verlag.
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Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler. tidd.ly/4clXpur
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

