Last updated on 16/06/2026
„Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind der richtige“, schrieb Seneca. Wir brauchen Ziele – und müssen sie zugleich loslassen können, wenn das Leben dazwischenkommt. Die Entwicklungspsychologin Alexandra Freund hat erforscht, wie beides zusammengeht: Ziele wählen, verfolgen und klug anpassen.
„Ignoranti quem portum petat, nullus suus ventus est.“ – „Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind der richtige.“
— Seneca, Epistulae morales 71,3
Auf den ersten Blick scheint das im Widerspruch zu einem Gedanken zu stehen, der Isabel Allende zugeschrieben wird: „Das Leben ist wie eine Reise ohne Ziel – was zählt, ist der Weg.“ (Eine belegte Werkquelle dafür gibt es nicht.) Brauchen wir nun Ziele oder nicht? Beides ist wahr – nur zu verschiedenen Zeiten.
Erst kein Ziel, dann eigene Ziele
Bei der Geburt haben wir kein festgelegtes Ziel. Andere haben vielleicht Ziele für uns – das Geschäft weiterführen, den Beruf der Großeltern ergreifen. Mit der Zeit entstehen eigene Wünsche, erste Träume, und wir beginnen unsere Reise. Ziele geben uns Sinn, Orientierung und das Gefühl, etwas zu erreichen. Ohne sie wäre kein Wind der richtige.
Wenn das Leben dazwischenkommt
Und dann kommt das Leben – positiv wie die Liebe zu einem Menschen tausend Kilometer entfernt, oder hart wie ein Unfall, der alte Pläne unmöglich macht. Hier setzt die Forschung von Alexandra Freund (mit Paul Baltes) an: das Modell von Selektion, Optimierung und Kompensation (SOC). Erfolgreiche Lebensgestaltung heißt, Ziele bewusst zu wählen (Selektion), Mittel und Kraft auf sie zu richten (Optimierung) und bei Hindernissen neue Wege zu finden oder Ziele anzupassen (Kompensation). Flexibilität ist also kein Aufgeben, sondern eine eigene Kompetenz: Wer Ziele anpassen kann, statt an ihnen zu zerbrechen, bleibt handlungsfähig – und zufriedener.
Der Weg bleibt entscheidend
So lösen sich Seneca und Allende auf: Wir brauchen einen Hafen, um überhaupt segeln zu können – und müssen den Kurs ändern dürfen, wenn Stürme aufziehen. Die Route wandelt sich ständig; der Weg, den wir gehen, bleibt das Eigentliche.
Praxis: Der Kurs-Check
Nimm Dir ein aktuelles Ziel und prüfe es in drei Schritten:
- Selektion: Ist das wirklich mein Ziel – oder eins, das andere für mich gesetzt haben?
- Optimierung: Worauf bündle ich diese Woche konkret Kraft und Zeit, um ihm näherzukommen?
- Kompensation: Wenn der direkte Weg blockiert ist – welcher Umweg führt auch zum Hafen, und ab wann lohnt ein neuer Hafen?
Schon diese drei Fragen verwandeln starres Festhalten in bewegliches Steuern.
KI im Lernalltag
Wenn ein Ziel ins Wanken gerät, kann ein KI-Sprachmodell beim Umsteuern helfen: „Mein ursprünglicher Plan geht nicht mehr – zeig mir drei alternative Wege zum gleichen Wert dahinter.“ So trennst Du das Ziel vom Weg. Die kritische Kante: Die KI kennt Deine Lebensumstände nur aus Deiner Schilderung; welcher Hafen sich lohnt, weißt nur Du. Sie hilft beim Kartenlesen, nicht beim Kurswählen.
Zum Schluss
Wie gelingt es Dir, an Zielen flexibel zu bleiben und zugleich den Weg zu genießen, den Du gehst? Vielleicht ist genau das die Reisekunst: einen Hafen zu haben – und ihn ändern zu können, ohne sich verloren zu fühlen.
Wie sich Ziele, Haltung und Wandel im Berufsleben verbinden, klingt in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Freund, A. M. & Baltes, P. B. (2002): Life-Management Strategies of Selection, Optimization, and Compensation: Measurement by Self-Report and Construct Validity. Journal of Personality and Social Psychology, 82(4), 642–662. DOI: 10.1037/0022-3514.82.4.642
- Seneca, L. A.: Epistulae morales ad Lucilium, 71,3 (gemeinfrei).
- Allende, I.: „Reise ohne Ziel“-Gedanke (zugeschrieben; Werkquelle nicht belegt).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 4: Wirksames Handeln (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Wir brauchen Ziele für Sinn und Orientierung (Seneca) – und die Fähigkeit, sie anzupassen, wenn das Leben dazwischenkommt. Alexandra Freunds SOC-Modell (Selektion, Optimierung, Kompensation) zeigt flexible Zielanpassung als Kompetenz, nicht als Scheitern: einen Hafen haben und den Kurs ändern dürfen.


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