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Wünschen ist Leben – Rilke, Susanne Scheibe und die Kraft der Sehnsucht

Last updated on 15/06/2026

Sehnsucht ist mehr als ein wehmütiges Gefühl: Die Psychologin Susanne Scheibe zeigte mit Kolleg:innen, dass „Lebenssehnsüchte“ eine eigene seelische Struktur haben – utopische Idealbilder, ein Gespür für das Unfertige, ein bittersüßer Ton – und uns gerade dadurch in Bewegung halten. Wünsche sind der Motor des Lebens; ohne sie stehen wir still.

„Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge / und keine Heimat haben in der Zeit. / Und das sind Wünsche: leise Dialoge / täglicher Stunden mit der Ewigkeit.“
— Rainer Maria Rilke, Mir zur Feier (1899)

Rilkes Zeilen fassen, was Wünsche im Innersten sind: kein Habenwollen, sondern ein leiser Dialog mit dem, was sein könnte. Wünsche sind der Motor unseres Lebens. Wenn wir aufhören zu wünschen, hören wir auch auf zu träumen und uns Ziele zu setzen.

Was Sehnsucht im Inneren tut

Stell Dir vor, wir hätten keine Wünsche mehr. Wir würden aufstehen, um einfach zu existieren – ein Tag wie der andere, Essen und Ruhe nur noch Pflicht, ohne Sehnsucht, die uns bewegt. Wünsche sind das Benzin unseres Lebens: Ein Auto existiert auch ohne Benzin, bleibt aber stehen und rostet vor sich hin. Erst in Bewegung wird die Reise spannend.

Die Forschung gibt diesem Bild Kontur. Susanne Scheibe, Alexandra Freund und Paul Baltes beschrieben 2007 Sehnsucht als intensives Verlangen nach alternativen Lebensentwürfen – mit sechs Merkmalen, darunter utopische Idealbilder, das Gefühl der Unvollständigkeit und ein bittersüßer, zugleich vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsbezogener Ton. Diese Lebenssehnsüchte sind kein Defizit, sondern eine Kompassnadel: Sie zeigen, was uns wichtig ist, und richten die Entwicklung aus.

Wünsche als Kompass – mit Bodenhaftung

Wünsche stiften Motivation und Ziele, regen positive Veränderung an, fördern Selbstreflexion und Kreativität und stärken das Selbstvertrauen, wenn wir sie erfüllen. Wichtig ist die Bodenhaftung: Ein Wunsch wird zur Kraft, wenn wir bereit sind, aktiv an ihm zu arbeiten – und wenn wir lernen, mit unerfüllten Wünschen umzugehen, statt an ihnen zu zerren. Wo das Wunschbild nur schwelgt, ohne Schritt zu werden, kann es sogar müde machen (vgl. → Artikel zu Oettingen & Gollwitzer / WOOP).

Praxis: Die Sehnsuchts-Inventur

Nimm Dir eine ruhige halbe Stunde und ein leeres Blatt:

  • Schreib drei Sehnsüchte auf – ohne Zensur, auch die „unvernünftigen“.
  • Markiere bei jeder: Was davon ist wirklich meins, was ein übernommener Wunsch anderer?
  • Wähl eine aus und notiere den allerkleinsten nächsten Schritt – etwas, das Du diese Woche tun könntest.

So bleibt die Sehnsucht lebendig und bekommt zugleich Boden unter die Füße.

Zum Schluss

Stell Dir Dein Leben in einem Jahr vor, in dem Du einer einzigen Sehnsucht ein kleines Stück nachgegangen bist – nicht erfüllt, nur begonnen. Was hätte sich an Deinem Alltag verändert? Manchmal genügt der erste Meter, damit das geparkte Auto wieder zur Reise wird.

Wie Wünsche, Haltung und Deutungsmuster zusammenspielen, klingt auch in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Scheibe, S., Freund, A. M. & Baltes, P. B. (2007): Toward a Developmental Psychology of Sehnsucht (Life Longings): The Optimal (Utopian) Life. Developmental Psychology, 43(3), 778–795. DOI: 10.1037/0012-1649.43.3.778
  • Rilke, R. M. (1899): Mir zur Feier. Georg Heinrich Meyer, Berlin. (gemeinfrei)
  • Oettingen, G. & Gollwitzer, P.: WOOP / mentale Kontrastierung (vertieft im → Artikel „Wenn das Wunschbild müde macht“)
  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 1: Innere Haltung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Sehnsucht ist eine eigene seelische Struktur, die uns über utopische Idealbilder in Bewegung hält (Scheibe, Freund & Baltes 2007) – Wünsche sind das Benzin des Lebens. Wer seine Sehnsüchte als Kompass nutzt und ihnen kleine, aktive Schritte gibt, hält die Reise lebendig.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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