Last updated on 16/06/2026
Ohne Plan bleibt ein Lernziel nur ein Wunsch – und die Transferforschung kann beziffern, woran Wünsche scheitern: Lisa Burke und Holly Hutchins haben in ihrer großen Literatur-Synthese die Faktoren sortiert, die entscheiden, ob Gelerntes je im Arbeitsalltag ankommt. Bedarfsanalyse vor dem Event, realistische Zielzahl und das Arbeitsumfeld danach wiegen schwerer als jede brillante Bühne. Wer Tagungen plant, plant deshalb zuerst die Wirkung – nicht das Programm.
„Ein Ziel ohne Plan ist nur ein Wunsch“ – dieser Satz wird Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben; in seinen Werken findet er sich nicht. Wahr ist er trotzdem, und nirgends wahrer als in der Konzeptentwicklung von Lernprogrammen.
Ein Muster aus meinem Feld
In meinem Feld begegnet einem dieses Muster immer wieder – ich beschreibe es bewusst als Typus, nicht als Einzelfall: Eine Fachtagung wird geplant, das Programm steht schon, und erst spät stellt jemand die Auftragsklärungsfragen: Was soll nach der Tagung anders sein? Woran würden die Auftraggeber den Erfolg beobachten? Dann zeigt sich das Übliche – das Programm ist mit Input überladen, eine Bedarfsanalyse fehlt, das Gießkannenprinzip regiert: Wissen wird breit gestreut, statt angepasst. Und die Wunschliste ist beeindruckend: systemische Fragetechniken, Einwandbehandlung, Produktwissen, Rhetorik-Selbstvertrauen, flexibles Reagieren, empathisches Zuhören – Themen für einen mehrtägigen Workshop, geplant für einen halben Tag echter Arbeitszeit.
Wichtig dabei: Diese Fülle ist kein Zeichen von Fehlplanung, sondern Ausdruck hoher Lernbereitschaft und echten Ambitionsniveaus. Das Problem ist nie der Wunsch – es ist der fehlende Weg vom Wunsch zur Wirkung.
Was die Transferforschung sagt
Lisa Burke und Holly Hutchins haben die empirische Literatur zum Lerntransfer in einer integrativen Übersicht zusammengeführt und drei Faktorenbündel identifiziert, die darüber entscheiden, ob Training im Alltag ankommt (Burke & Hutchins 2007):
- Lernende: Motivation, Selbstwirksamkeit, wahrgenommener Nutzen – wer nicht weiß, wofür, transferiert nicht.
- Design: realistische Ziele, Praxisnähe, Übung mit Feedback – sechs Themen in einem halben Tag verletzen diesen Faktor schon auf dem Papier.
- Arbeitsumfeld: Unterstützung durch Führungskräfte, Gelegenheit zur Anwendung, Erwartungen nach dem Event – der am meisten unterschätzte Hebel: Transfer entscheidet sich nach der Tagung.
Die ernüchternde Konsequenz: Eine Tagung, die nur als Event geplant wird, kann brillant verlaufen und trotzdem wirkungslos bleiben. Lernen muss als strategische Säule in den Unternehmenszielen verankert sein – nicht als Wunscherfüllung im Jahreskalender. Dazu gehört, Verantwortung klar zu verteilen und alle Beteiligten als Entwicklungspartner einzubinden (vgl. → Artikel „Partizipation, aber bitte ‚richtig'“) – und ehrlich zu priorisieren statt zu stapeln (vgl. Newsletter „Mut zur Reduktion“: Weglassen erfordert Mut, Hinzufügen nur Begeisterung).
Praxis: Das Auftragsklärungs-Quartett
Vier Fragen, die vor jeder Tagungs- und Trainingsplanung schriftlich beantwortet gehören – am besten gemeinsam mit den Auftraggebern:
- Wirkung: Was soll vier Wochen nach der Veranstaltung beobachtbar anders sein?
- Auswahl: Welche zwei (nicht sechs) Ziele zahlen am stärksten darauf ein – und was wird ausdrücklich vertagt?
- Umfeld: Wer unterstützt die Anwendung danach – und weiß diese Person das schon?
- Messung: Woran erkennen wir in drei Monaten, ob es gewirkt hat – wer schaut wann nach?
Wenn Frage 1 keine Antwort findet, ist das Ergebnis kein Veranstaltungsdesign – sondern die wertvollste Erkenntnis des Termins (vgl. → Artikel „Das Schlüsselbart-Prinzip“: erst fragen, dann lösen).
Zum Schluss
Denk an die wirksamste Weiterbildung Deines Berufslebens zurück: Wusste vorher jemand präzise, was danach anders sein sollte – und hat danach jemand nachgesehen? Genau dieser Unterschied trennt Wirkung von Wunsch.
Wie sich solche Klärungs- und Planungsprozesse in großen Gruppen steuern lassen, beschreibe ich vertiefend in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025), insbesondere im Kapitel zur Planung und Durchführung: 👉 tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link).
Quellen:
- Burke, L. A. & Hutchins, H. M. (2007): Training transfer: An integrative literature review. Human Resource Development Review, 6(3), 263–296. DOI: 10.1177/1534484307303035
- Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler, Wiesbaden.
- Das Saint-Exupéry-Zitat ist zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht nachweisbar.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 5: Lernende Organisation
Zusammenfassung: Die Transfer-Synthese von Lisa Burke und Holly Hutchins zeigt, dass Lernerfolg an drei Faktorenbündeln hängt – Lernende, Design und vor allem dem Arbeitsumfeld nach dem Event –, weshalb überladene Tagungsprogramme ohne Bedarfsanalyse als Gießkanne verpuffen. Das Auftragsklärungs-Quartett (Wirkung, Auswahl, Umfeld, Messung) verwandelt Wunschlisten in Wirkungspläne – denn ein Ziel ohne Plan bleibt ein Wunsch, wem auch immer der Satz gehört.


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