Last updated on 16/06/2026
Führung wird heute gemeinsam hervorgebracht: Die Followership-Forschung um Mary Uhl-Bien zeigt, dass Geführte keine passiven Empfänger sind, sondern Mit-Gestalter des Führungsprozesses. Rolf Arnolds SANTIAGO-Prinzip wird meist aus Sicht der Führungskraft erzählt. Dreht man die Linse um, wird es zur Landkarte für alle, die geführt werden – und mitführen wollen.
Bei Rolf Arnold an der TU Kaiserslautern habe ich das SANTIAGO-Prinzip kennengelernt: acht Bausteine systemischer, dialogischer Führung, bewusst als Pilgerweg gedacht, nicht als Machbarkeitsillusion. Arnolds Kern: Die Führungskraft entwickelt Lösungen mit den Menschen, nicht für sie. Genau deshalb lohnt der Blick von der anderen Seite des Tisches.
SANTIAGO, von den Geführten her gelesen
- S – Selbstführung annehmen: „Stellvertretende Führung“ zielt darauf, dich zur Selbstführung zu befähigen. Als Geführte:r heißt das: diesen Raum nehmen, statt auf Ansage zu warten.
- A – Autopoiesis: Du bist ein selbstorganisierendes System. Deine eigene innere Ordnung ernst zu nehmen ist kein Eigensinn, sondern Beitrag.
- N – Nachhaltigkeit: Über die nächste Aufgabe hinausdenken – was trägt langfristig, auch wenn es heute unbequem ist?
- T – Transformation: Wandel geschieht in Köpfen, also in Deutungsmustern – auch in deinen. Veränderung beginnt nicht „bei denen da oben“, sondern bei der eigenen Brille.
- I – Interpretation: Kultur kann man nicht verordnen, nur ermöglichen – und Geführte gestalten sie täglich mit, durch jedes Gespräch im Flur.
- A – Arrangement: Lernräume entstehen nicht von selbst. Sich Gelegenheiten zum Lernen zu schaffen (und einzufordern) ist Teil der Rolle.
- G – Gelassenheit: In der Ruhe liegt die Kraft – auch für Geführte. Nicht jede Unsicherheit braucht sofort eine Reaktion.
- O – Organisationslernen: Vom Wissensegoismus zum geteilten Wissen. Wer Wissen teilt statt hortet, führt mit – ganz ohne Titel.
Warum die Perspektive zählt
Mary Uhl-Bien und Kolleg:innen beschreiben Führung als Ko-Produktion: Erst im Zusammenspiel von Führen und Folgen entsteht Wirkung. „Followership“ meint dabei kein Hinterherlaufen, sondern aktives, mitdenkendes Mitgestalten. SANTIAGO aus Geführten-Sicht ist deshalb kein Widerspruch zu Arnold, sondern seine Vollendung: Dialogische Führung gelingt nur, wenn auch die Geführten dialogfähig sind (vgl. → Kommunikations-Tanz-Manifest).
Praxis: Der Geführten-Check
Geh die acht Buchstaben einmal für dich durch – nicht als Bewertung deiner Führungskraft, sondern deiner eigenen Rolle:
- Wo warte ich auf Ansage, wo könnte ich selbst führen (S, A)?
- Wo hülle ich mich in Schweigen, wo könnte ich Wissen teilen (O)?
- Welches eine Deutungsmuster bei mir hält gerade Veränderung auf (T)?
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann beim Vorbereiten von „Mitführung“ helfen: „Ich möchte in unserem Team mehr Verantwortung übernehmen – formuliere drei Vorschläge, wie ich das anbieten kann, ohne anzuecken.“ Die kritische Kante: Mut zur eigenen Stimme nimmt dir kein Modell ab – es kann nur Formulierungen liefern.
Zum Schluss
Der Pilgerweg ist keiner, den nur die Führungskraft geht. Wo könntest du auf deinem Weg ein Stück Selbstführung übernehmen – und damit das Ganze mittragen?
Wie dialogische Führung im konkreten Gespräch gelingt – von beiden Seiten –, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Uhl-Bien, M., Riggio, R. E., Lowe, K. B. & Carsten, M. K. (2014): Followership Theory: A Review and Research Agenda. The Leadership Quarterly, 25(1), 83–104. DOI: 10.1016/j.leaqua.2013.11.007
- Arnold, R. (2000): Das SANTIAGO-Prinzip. Systemische Führung im lernenden Unternehmen. Deutscher Wirtschaftsdienst.
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 5: Lernende Organisation (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Führung wird ko-produziert (Followership, Uhl-Bien) – Geführte sind Mit-Gestalter. Arnolds SANTIAGO-Prinzip, aus ihrer Sicht gelesen, wird zur Landkarte für Selbstführung und Mitführung: Selbstführung annehmen, Wissen teilen, die eigene Deutungsbrille hinterfragen.


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