Last updated on 16/06/2026
Wer nur auf die Ernte schaut, lernt langsamer: In der Studie von Anastasia Kitsantas und Barry Zimmerman übertrafen Lernende mit Prozesszielen jene mit reinen Ergebniszielen deutlich – am besten schnitten die ab, die mit der Saat begannen und erst später zur Ernte wechselten. Beurteile Deinen Tag also nicht nach dem, was Du erntest, sondern nach dem, was Du säst. Der Satz ist klüger als seine angebliche Quelle.
„Beurteile den Tag nicht nach der Ernte, die du einfährst, sondern nach den Samen, die du pflanzt“ – dieser Satz wird fast überall Robert Louis Stevenson zugeschrieben. Die Quellenforschung zeigt: In Stevensons Werk findet er sich nicht; die frühesten Belege sprechen für den amerikanischen Autor William Arthur Ward. Ich nenne das hier offen, denn der Gedanke verliert dadurch nichts – und Stevenson bleibt trotzdem im Artikel, weil sein Leben die bessere Quelle ist als das falsche Zitat.
Robert Louis Stevenson (1850–1894) war als Kind oft krank – viel Zeit im Bett, viel Zeit für Vorstellungskraft. Aus dieser Saat wuchsen Die Schatzinsel (1883) und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (1886). Wer je ein Buch geschrieben oder auch nur begonnen hat, kennt die enorme Vorarbeit, bevor etwas erscheinen kann: Ansätze verwerfen, neu beginnen – die vielen Samen, die nicht aufgehen, gehören zur Ernte dazu. In seinen Kindergedichten (A Child’s Garden of Verses, 1885) steckt dieselbe Haltung. Im „Lamplighter“ wünscht sich das kranke Kind am Fenster, später einmal mit dem Laternenanzünder durch die Straßen zu ziehen:
„But I, when I am stronger and can choose what I’m to do,
O Leerie, I’ll go round at night and light the lamps with you!“
— R. L. Stevenson, The Lamplighter (1885)
Nicht Bankier wie der Vater – Lichtanzünder. Einer, der jeden Abend kleine Lichter sät, deren Wirkung er nicht erntet.
Was die Forschung zeigt: Prozessziele schlagen Ergebnisziele – zuerst
Anastasia Kitsantas (heute George Mason University) und Barry Zimmerman haben die Saat-Ernte-Frage experimentell untersucht: 90 Schülerinnen lernten Dartwerfen – die einen mit reinen Ergebniszielen (Punkte treffen), die anderen mit Prozesszielen (die Wurfschritte sauber ausführen), die dritte Gruppe begann mit Prozesszielen und wechselte nach zunehmender Sicherheit zu Ergebniszielen. Diese Schicht-Gruppe gewann auf ganzer Linie: bessere Leistung, höhere Selbstwirksamkeit, mehr Freude an der Sache (Zimmerman & Kitsantas 1997).
Die Übersetzung für alles Lernen: Am Anfang zählt die Saat – die Qualität der Schritte. Die Ernte wird erst dann ein gutes Ziel, wenn die Schritte sitzen. Wer zu früh auf Ergebnisse schaut, untergräbt genau die Selbstwirksamkeit, die Ergebnisse möglich macht (vgl. → Artikel „Was entscheidet wirklich über Erfolg – IQ, Herkunft, Talent?“).
Was das praktisch bedeutet
Aus Erfahrung weiß ich: In Organisationen wird fast ausschließlich Ernte gemessen – Abschlüsse, Zahlen, Meilensteine. Das ist legitim, aber als einziger Maßstab demotiviert es alle, deren Saat noch im Boden liegt. Gute Führung würdigt beides: die Ernte im Review – und die Saat im Alltag, die kleinen, unscheinbaren Fortschritte, die spätere Ergebnisse erst möglich machen (vgl. → Artikel zu Teresa Amabile und der Kraft der kleinen Schritte). Und sie weiß: Auch verworfene Ansätze sind gesät – als Daten für den nächsten Versuch (vgl. → Artikel „Nur noch ein Versuch – Edison, Yang Wang und das Dranbleiben“).
Wie Zielgespräche gelingen, die Prozess und Ergebnis sauber trennen, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Praxis: Die Freitags-Saatbilanz
Ein Wochenritual, fünf Minuten am Freitag. Ziehe zwei kurze Listen:
- Geerntet: Was wurde diese Woche sichtbar fertig?
- Gesät: Was habe ich getan, dessen Wirkung erst später kommt – ein vorbereitetes Gespräch, ein gelesener Text, eine geübte Fähigkeit, ein verworfener, aber lehrreicher Ansatz?
Die meisten erleben nach vier Wochen eine stille Korrektur: Die Saat-Liste ist länger und wertvoller, als das Wochengefühl behauptet hat. Genau dafür ist das Ritual da.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann helfen, Ergebnisziele in Prozessziele zu übersetzen: „Mein Ziel ist X – zerlege es mir in die drei wichtigsten beobachtbaren Prozessschritte, die ich diese Woche üben kann.“ Das diszipliniert genau den Wechsel, den Kitsantas und Zimmerman gemessen haben. Die Prüfung bleibt bei Dir: Ob ein Schritt wirklich der wesentliche ist, weißt Du aus Deiner Praxis besser als das Modell.
Zum Schluss
Stell Dir Deine Arbeit in einem Jahr vor – welche der unscheinbaren Saaten von dieser Woche könnte dann das sein, wovon alle reden? Und würdest Du sie heute wichtiger nehmen, wenn Du das wüsstest?
Quellen:
- Zimmerman, B. J. & Kitsantas, A. (1997): Developmental phases in self-regulation: Shifting from process goals to outcome goals. Journal of Educational Psychology, 89(1), 29–36. DOI: 10.1037/0022-0663.89.1.29
- Stevenson, R. L. (1885): The Lamplighter. In: A Child’s Garden of Verses. Longmans, Green, London.
- Das Saat-Ernte-Zitat wird Stevenson zugeschrieben; die Quellenforschung (Quote Investigator) spricht für William Arthur Ward.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln
Zusammenfassung: Die Studie von Anastasia Kitsantas und Barry Zimmerman zeigt, dass Lernende am erfolgreichsten sind, wenn sie mit Prozesszielen beginnen und erst nach wachsender Sicherheit zu Ergebniszielen wechseln – die Saat kommt vor der Ernte, auch empirisch. Wer Tage und Teams nur an Ergebnissen misst, untergräbt die Selbstwirksamkeit, die Ergebnisse erst möglich macht; die Freitags-Saatbilanz macht den unsichtbaren Fortschritt sichtbar.


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