Last updated on 16/06/2026
Prokrastination hat zwei Gesichter, und die Forschung kann sie inzwischen unterscheiden: Passives Aufschieben aus Vermeidung schadet Leistung und Gesundheit – aktives, gewähltes Aufschieben dagegen kann Entscheidungen und Kreativität messbar verbessern. Jihae Shin und Adam Grant fanden sogar eine umgekehrte U-Kurve: Die kreativsten Ideen kommen nicht von den Sofort-Erledigern und nicht von den Last-Minute-Menschen, sondern aus der Mitte.
„Der Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.“
— Mark Twain zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht belegt
Als kleine Prokrastiniererin finde ich diesen Satz besonders amüsant – auch wenn er, wie so viele Twain-Zitate, nicht belegbar ist. Was sich dagegen belegen lässt: Das Aufschieben hat tatsächlich nicht nur eine dunkle Seite. Man muss nur genau hinschauen, welches Aufschieben gemeint ist.
Die entscheidende Unterscheidung: passiv oder aktiv
Die Psychologin Angela Hsin Chun Chu hat mit Jin Nam Choi die Forschung neu sortiert: Passive Prokrastinierer schieben auf, weil sie nicht anfangen können – mit schlechtem Gewissen, Zeitnot und schwächerer Leistung am Ende. Aktive Prokrastinierer dagegen entscheiden sich fürs spätere Arbeiten: Sie suchen den Fokus der nahen Deadline, behalten die Kontrolle über ihre Zeit – und erreichten in den Studien Einstellungs- und Leistungswerte, die eher den Nicht-Aufschiebern glichen als den passiven (Chu & Choi 2005). Der Unterschied liegt nicht im Kalender, sondern in der Steuerung: Wähle ich den Aufschub – oder wählt er mich?
Die Kreativitäts-Kurve
Jihae Shin (Wisconsin) und Adam Grant haben die zweite gute Nachricht geliefert – als umgekehrte U-Kurve: In Feldstudien (und Experimenten) waren weder die Sofort-Loslegen-Menschen noch die extremen Aufschieber am kreativsten, sondern die moderaten Prokrastinierer – vorausgesetzt, sie waren intrinsisch motiviert und das Problem ließ Raum für neue Ideen (Shin & Grant 2021). Die Erklärung: Wer eine Aufgabe kennt und sie dann bewusst ruhen lässt, gibt dem Denken Zeit zum Inkubieren – Ideen reifen im Hintergrund weiter, statt auf die erstbeste Lösung festgenagelt zu werden (verwandt mit dem schöpferischen Schweifen, vgl. → Artikel „Wenn Langeweile lehrt – Sandi Mann und das Default Mode Network“).
Die ehrliche Kante
Damit das nicht zur Ausrede wird: Chronische, passive Prokrastination ist kein Lifestyle, sondern ein Risiko – die Forschung von Fuschia Sirois verbindet sie mit mehr Stress und schlechterer Gesundheit, weil das Aufgeschobene als Dauerlast im Hintergrund weiterläuft. Und auch Shin und Grants Kurve fällt am rechten Rand wieder ab: Wer alles bis zur letzten Minute schiebt, produziert Hektik statt Ideen. Die Kunst ist das Aufschieben mit System: anfangen (das Problem laden), bewusst ruhen lassen (inkubieren), rechtzeitig zurückkehren (ernten). Genau die Saat-Logik (vgl. → Artikel „Die Saat zählt, nicht die Ernte“) – und das Gegenteil des ängstlichen Zögerns vor Gelegenheiten (vgl. → Artikel „Status Quo Bias – der Preis des Zögerns“).
Praxis: Der Drei-Fragen-Check vor dem Aufschieben
Wenn Du das nächste Mal etwas verschieben willst, prüfe in drei Fragen, welches Gesicht gerade dran ist:
- Entscheide ich – oder weiche ich aus? (Aktiv heißt: Ich wähle den späteren Zeitpunkt und kann sagen, warum.)
- Habe ich das Problem schon geladen? (Inkubation braucht einen Anfang: Aufgabe einmal durchdenken, erste Notizen – dann erst ruhen lassen.)
- Steht der Rückkehr-Termin? (Aktives Aufschieben hat ein Datum; passives hat ein „irgendwann“.)
Dreimal Ja: Schiebe mit gutem Gewissen – Du inkubierst. Einmal Nein: Fang mit zehn Minuten an; meistens löst das den Knoten.
Zum Schluss
Probiere es beim nächsten kreativen Auftrag bewusst aus: Lade das Problem am ersten Tag, lass es zwei, drei Tage sichtbar liegen, kehre mit Termin zurück – und vergleiche das Ergebnis mit Deinem üblichen Modus. Twain hätte seine Freude an der Versuchsanordnung.
Wie Du solche Arbeitsrhythmen auch im Team verhandelst – gegen den Sofort-Erledigungs-Reflex –, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Quellen:
- Chu, A. H. C. & Choi, J. N. (2005): Rethinking procrastination: Positive effects of „active“ procrastination behavior on attitudes and performance. The Journal of Social Psychology, 145(3), 245–264. DOI: 10.3200/SOCP.145.3.245-264
- Shin, J. & Grant, A. M. (2021): When putting work off pays off: The curvilinear relationship between procrastination and creativity. Academy of Management Journal, 64(3), 772–798. DOI: 10.5465/amj.2018.1471
- Sirois, F. M. & Pychyl, T. A. (2013): Procrastination and the priority of short-term mood regulation. Social and Personality Psychology Compass, 7(2), 115–127.
- Das Twain-Zitat ist zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht nachweisbar.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln
Zusammenfassung: Die Forschung unterscheidet zwei Gesichter der Prokrastination – passives Ausweichen schadet Leistung und Gesundheit (Sirois), während aktives, selbst gewähltes Aufschieben nach Angela Chu und Jin Nam Choi leistungsneutral bleibt und nach Jihae Shin und Adam Grant in moderater Dosis sogar die Kreativität steigert (umgekehrte U-Kurve). Aufschieben mit System heißt: Problem laden, bewusst inkubieren lassen, mit festem Termin zurückkehren.


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