Last updated on 16/06/2026
Forschende, die eine wichtige Förderung knapp verpassten, übertrafen zehn Jahre später jene, die sie knapp erhalten hatten – das zeigt die Analyse von Yang Wang und Kolleg:innen über tausende Wissenschaftskarrieren. Rückschläge sind also nicht nur zu überstehende Hindernisse; unter bestimmten Bedingungen werden sie zum Treibstoff. Und eine zweite Studienlinie zeigt: Wir geben meist genau dann auf, wenn Dranbleiben am meisten bringen würde.
Thomas Alva Edison wird der Satz zugeschrieben: „Der sicherste Weg zum Erfolg ist, es immer noch einmal zu versuchen.“ Eine Werkquelle dafür ist nicht belegt – aber sein Arbeitsstil ist es umso besser: Für die Glühlampe testete Edison mit seinem Team systematisch tausende Materialien auf der Suche nach dem haltbaren Glühfaden, dokumentiert in den Laborbüchern von Menlo Park. Nicht das eine Genie-Momentum machte den Unterschied, sondern die schiere Zahl der dokumentierten, ausgewerteten Versuche. Mich beschäftigt an dieser Geschichte vor allem eine Frage aus meinem eigenen Feld: Was unterscheidet die Menschen, die nach dem Rückschlag weitermachen – und was passiert mit ihnen langfristig?
Was aus Beinahe-Erfolgen wird
Die Datenwissenschaftlerin Yang Wang hat mit Benjamin Jones und Dashun Wang (Northwestern University) eine seltene natürliche Versuchsanordnung genutzt: Nachwuchsforschende, deren Förderanträge bei den National Institutes of Health knapp unter der Bewilligungsgrenze lagen, verglichen mit jenen knapp darüber – zwei praktisch gleich gute Gruppen, die der Zufall der Gutachterpunkte trennte. Das Ergebnis: Der frühe Rückschlag erhöhte zwar die Wahrscheinlichkeit, das Feld ganz zu verlassen. Aber wer blieb, veröffentlichte im folgenden Jahrzehnt häufiger hochzitierte Arbeiten als die knappen Gewinner (Wang, Jones & Wang 2019). Der Rückschlag selbst hatte offenbar einen Wert – als Filter, als Ansporn, vielleicht als Zwang zur Schärfung der eigenen Ideen.
Warum wir zu früh aufhören
Die zweite Befundlinie betrifft den Moment vor dem Aufgeben. Brian Lucas und Loran Nordgren zeigten in sieben Studien: Menschen unterschätzen systematisch, wie viele gute Ideen ihnen noch einfallen, wenn sie nach dem gefühlten Stillstand weitermachen. Die Kreativität fühlt sich erschöpft an, lange bevor sie es ist – die Versuchspersonen produzierten in der „Verlängerung“ deutlich mehr brauchbare Ideen, als sie selbst vorhergesagt hatten (Lucas & Nordgren 2015). Das gefühlte Ende der Möglichkeiten ist also oft nur das Ende der leichten Möglichkeiten. Edisons „noch ein Versuch“ hat damit eine empirische Grundlage: Der nächste Versuch ist statistisch wertvoller, als er sich anfühlt.
Ehrliche Einordnung – und ein entsorgter Mythos
Zwei Dinge gehören zur Redlichkeit. Erstens: Dranbleiben ist kein Selbstzweck. Beharrlichkeit lohnt bei Zielen, die Prüfung und Anpassung erlauben – nicht beim sturen Wiederholen des immergleichen Versuchs (zur Unterscheidung von produktivem und sturem Scheitern siehe → Artikel zu Productive Failure; zur realistischen Zielbindung → Artikel zu WOOP und Gabriele Oettingen). Zweitens: In der englischen Erstfassung dieses Beitrags stand auch die beliebte Geschichte, Michael Jordan sei „aus dem Schulteam geflogen“. Sie ist so nicht haltbar – er wurde als Zehntklässler ins Juniorenteam statt ins Varsity-Team eingeteilt, eine normale Entscheidung für seinen Jahrgang. Ich nehme sie deshalb heraus. Gute Geschichten über das Scheitern brauchen keine geschönten Fakten.
Was das für Lernen und Arbeit bedeutet
Aus Erfahrung weiß ich: Auch Seminar- und Lernkonzepte zünden selten beim ersten Mal. Der Unterschied zwischen einem gescheiterten und einem unfertigen Konzept liegt fast immer in der Auswertung – Edison hat seine fehlgeschlagenen Materialien dokumentiert, nicht betrauert. Wer nach dem Rückschlag systematisch fragt, was genau nicht trug (vgl. → Artikel „Was entscheidet wirklich über Erfolg – IQ, Herkunft, Talent?“), verwandelt den Fehlversuch in Daten. Und wer weiß, dass das Gefühl der Erschöpfung den tatsächlichen Ideenvorrat unterschätzt, plant die Verlängerung gleich mit ein.
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Praxis: Die Sammlung der fast aufgegebenen Dinge
Eine kreative Sammel-Übung. Lege eine Liste mit drei Spalten an und sammle über die nächste Woche: Dinge in Deinem Leben, die Du fast aufgegeben hättest und die heute tragen – ein Projekt, eine Beziehung, eine Fähigkeit, ein Konzept. Notiere zu jedem: Was war der Tiefpunkt? Was hat den nächsten Versuch ausgelöst – ein Mensch, ein Zufall, eine Pause, eine neue Information? Die Sammlung wächst mit der Zeit zu einem sehr persönlichen Beleg dafür, wie sich Dein eigenes „noch ein Versuch“ historisch ausgezahlt hat – und unter welchen Bedingungen.
Zum Schluss
Welche Idee in Deinem Berufsalltag hätte noch einen Versuch verdient – und was wäre der kleinste nächste Schritt, den Du ihr diese Woche geben könntest?
Quellen:
- Wang, Y., Jones, B. F. & Wang, D. (2019): Early-career setback and future career impact. Nature Communications, 10, 4331. DOI: 10.1038/s41467-019-12189-3
- Lucas, B. J. & Nordgren, L. F. (2015): People underestimate the value of persistence for creative performance. Journal of Personality and Social Psychology, 109(2), 232–243. DOI: 10.1037/pspa0000030 (Korrektur 2016)
- Israel, P. (1998): Edison: A Life of Invention. John Wiley & Sons, New York. (Standardbiografie auf Basis der Edison Papers)
- Das Edison-Zitat im Einstieg ist zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht nachweisbar.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln
Zusammenfassung: Die Analyse von Yang Wang, Benjamin Jones und Dashun Wang zeigt, dass Forschende nach einem knappen frühen Rückschlag langfristig häufiger Spitzenarbeiten veröffentlichten als knappe Gewinner – und Lucas und Nordgren belegen, dass wir unseren Ideenvorrat beim Dranbleiben systematisch unterschätzen. Dranbleiben lohnt also messbar, wenn es mit Auswertung statt sturer Wiederholung verbunden wird: Der nächste Versuch ist wertvoller, als er sich anfühlt.


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