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Innerer Friede ist keine Einzelleistung – der Dalai Lama, Shelley Taylor und die Geburtshelfer des Friedens

Last updated on 16/06/2026

Inneren Frieden zu bewahren gilt als Einzelleistung – wer ihn verliert, hat eben nicht genug meditiert. Die Stressforschung erzählt eine andere Geschichte: Shelley Taylors Tend-and-Befriend-Forschung und James Coans Händchenhalte-Experiment zeigen, dass unser Nervensystem Bedrohung gemeinsam besser reguliert als allein. Wer Frieden sucht, darf deshalb auch um Beistand bitten – und ihn geben.

„Lass nicht zu, dass das Verhalten anderer deinen inneren Frieden zerstört.“
— dem Dalai Lama zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht belegt

Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, wurde 1935 in Tibet geboren, mit zwei Jahren als Reinkarnation seines Vorgängers erkannt und übernahm mit 15 die politische Verantwortung Tibets. Nach dem Aufstand von 1959 floh er nach Indien, wo er seitdem im Exil lebt – und seit Jahrzehnten Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und Dialog lehrt. Rache ist seinem Denken fremd; auch mit 90 wirbt er für Frieden und Menschlichkeit. Ich bewundere diese Unerschütterlichkeit. Und zugleich kenne ich die Realität der meisten von uns: Wenn hinter dem eigenen Rücken Unwahrheiten kursieren, beginnt man an sich zu zweifeln. Wenn eine Lehrkraft die Fehler eines Kindes vor der Klasse belacht, kann das Kind seinen inneren Frieden kaum allein behaupten.

Genau hier möchte ich das Zitat behutsam umformulieren: „Finde deinen Frieden – auch wenn andere ihn stören.“ Diese Fassung erlaubt das Stolpern. Und sie öffnet die entscheidende Tür: Wer seinen Frieden finden darf statt ihn nie zu verlieren, darf auch um Hilfe bitten.

Was die Forschung zeigt: Frieden ist co-reguliert

Die Psychologin Shelley Taylor (UCLA) hat mit ihrem Team das klassische Bild vom Stress als „Kampf oder Flucht“ erweitert: Gerade Frauen reagieren auf Belastung häufig mit Tend-and-Befriend – sich kümmern und Verbindung suchen. Zuwendung und soziale Netze sind demnach keine Schwäche unter Stress, sondern eine eigenständige, evolutionär tiefe Bewältigungsstrategie (Taylor et al. 2000).

Wie körperlich diese Verbindung wirkt, zeigt das Experiment von James Coan, Hillary Schaefer und Richard Davidson: 16 verheiratete Frauen erwarteten im Hirnscanner leichte Elektroschocks – allein, die Hand eines Fremden haltend oder die Hand ihres Partners. Mit der vertrauten Hand fuhren die Bedrohungssysteme des Gehirns messbar herunter (Coan, Schaefer & Davidson 2006). Inneren Frieden gibt es buchstäblich zum Anfassen – er entsteht zwischen Nervensystemen, nicht nur in ihnen (vgl. → Artikel „Wer dir gegenübersitzt, entscheidet mit – über deinen Stresszustand“).

Die übersehene Rolle: die Umstehenden

Damit verschiebt sich der Blick von der gestörten Person auf ihr Umfeld. Beim Gerücht könnten die Zuhörenden aufstehen und das Gespräch suchen – oder schlicht vereinbaren, nicht über Abwesende zu sprechen. In der Klasse könnten Mitschüler:innen deutlich machen, dass über Fehler nicht gelacht wird. Solche Akte der Solidarität sind selten – nicht aus Bosheit, sondern weil Schweigen sich sicherer anfühlt (vgl. → Artikel „Eine Kerze anzünden, wo alle schweigen“). Und sie wirken doppelt: Worte, die verletzen, schmerzen nachweislich körperlich (vgl. → Artikel „Wenn Worte unter die Haut gehen – Naomi Eisenberger“) – Worte, die beistehen, regulieren ebenso körperlich zurück.

So werden wir zu dem, was ich Geburtshelfer:innen des Friedens nennen möchte: Menschen, die anderen helfen, ihren Frieden wiederzufinden – und dabei dem eigenen näherkommen.

Was das praktisch bedeutet

Aus Erfahrung weiß ich: In Teams entscheidet selten die angegriffene Person allein, ob ein Raum friedlich bleibt – es entscheiden die anderen Anwesenden. Führung heißt deshalb auch, Beistand zur Normalität zu machen statt zur Heldentat. Wie solche Gespräche gelingen – beistehen, ohne zu eskalieren –, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Praxis: Die Verbündeten-Vereinbarung (zu zweit)

Suche Dir eine vertraute Kollegin oder einen vertrauten Kollegen und trefft eine ausdrückliche Vereinbarung in drei Punkten:

  1. Das Signal: Wenn eine:r von uns in einer Besprechung unfair behandelt wird, gibt die andere Person ein vereinbartes, unaufgeregtes Zeichen des Beistands – ein zustimmender Satz („Den Punkt möchte ich gern zu Ende hören“), ein Nachfragen, notfalls nur ein Blick.
  2. Die Nachsorge: Innerhalb eines Tages fünf Minuten Austausch: Was hat es mit Dir gemacht – und was hätte geholfen?
  3. Die Gegenseitigkeit: Es gilt in beide Richtungen, ohne Buchführung.

Probiert es vier Wochen. Die meisten merken zweierlei: wie selten das Signal nötig ist – und wie sehr allein das Wissen darum das eigene Nervensystem beruhigt.

Zum Schluss

Sei in dieser Woche einmal bewusst Geburtshelfer:in des Friedens: Wenn in Deiner Gegenwart über eine abwesende Person geredet wird oder jemand vorgeführt wird, setze ein freundliches, klares Zeichen – und beobachte, was es mit dem Raum macht.

Quellen:

  • Taylor, S. E., Klein, L. C., Lewis, B. P., Gruenewald, T. L., Gurung, R. A. R. & Updegraff, J. A. (2000): Biobehavioral responses to stress in females: Tend-and-befriend, not fight-or-flight. Psychological Review, 107(3), 411–429. DOI: 10.1037/0033-295X.107.3.411
  • Coan, J. A., Schaefer, H. S. & Davidson, R. J. (2006): Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science, 17(12), 1032–1039. DOI: 10.1111/j.1467-9280.2006.01832.x
  • Dalai Lama & Tutu, D., mit Abrams, D. (2016): The Book of Joy. Avery, New York. (dt.: Das Buch der Freude. Lotos.)
  • Das Epigraph-Zitat ist dem Dalai Lama zugeschrieben; eine Werkquelle ist nicht nachweisbar.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

Zusammenfassung: Innerer Friede ist keine Einzelleistung – Shelley Taylors Tend-and-Befriend-Forschung und das Händchenhalte-Experiment von Coan, Schaefer und Davidson zeigen, dass unser Nervensystem Bedrohung in Verbindung messbar besser reguliert als allein. Statt nur zu fordern, sich von anderen nicht stören zu lassen, lohnt der Blick auf die Umstehenden: Wer beisteht, wird zur Geburtshelferin des Friedens – für andere und für sich selbst.

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut

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