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Geduld und Mitgefühl – Gollum, Gandalf und was Charlotte Witvliet über den Groll weiß

Last updated on 16/06/2026

Dass Frodo den Ring nicht selbst zerstören kann, weiß jeder, der die Geschichte kennt – gerettet wird Mittelerde durch das Mitleid, das Gollum Jahre zuvor verschont hat. Was Tolkien erzählt, hat Charlotte Witvliet im Labor gemessen: Wer Groll hegt, dem steigen Herzfrequenz und Blutdruck schon beim bloßen Daran-Denken; wer Vergebung imaginiert, bleibt ruhig. Geduld mit schwierigen Menschen ist also nicht nur edel – sie ist Selbstschutz.

„Komme, was kommen mag; die Stunde durchläuft auch den rauesten Tag.“
— William Shakespeare, Macbeth (I,3)

Shakespeares Zeile lehrt Geduld: Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus, und auch der raueste Tag geht vorbei. Ein besonders berührendes Beispiel dafür, was Geduld mit schwierigen Wesen bewirken kann, erzählt Der Herr der Ringe – in der tragischen Figur Gollum.

Gollums Geschichte – und Gandalfs Wette

Als Sméagol lebte er ein friedliches Hobbit-Leben, bis der Ring ihn fand und in Gollum verwandelte: eine gespaltene Gestalt, besessen von der Macht, die selbst die reinsten Seelen verdirbt. Das Bemerkenswerte ist, wie Gandalf mit ihm umgeht: Er erkennt das komplexe Wesen hinter der Fratze und mahnt zum Mitleid – niemand habe das Recht, abschließend über den Wert eines anderen Lebens zu urteilen; vielleicht habe Gollum noch eine Rolle zu spielen. Und so kommt es: Als Frodo am Schicksalsberg der Versuchung erliegt und den Ring behalten will, ist es ausgerechnet Gollum, der ihn – Finger samt Ring – an sich reißt und mit ihm ins Feuer stürzt. Die verschonte, geduldete, bemitleidete Kreatur besiegelt das Schicksal des Ringes. Ohne das Mitgefühl von damals gäbe es das Happy End nicht.

Was die Forschung über Groll und Vergebung zeigt

Tolkiens Intuition hat eine messbare Entsprechung. Die Psychologin Charlotte van Oyen Witvliet (Hope College) ließ Versuchspersonen an reale Menschen denken, die sie verletzt hatten – einmal grollend (die Kränkung wiederkäuen, Rache imaginieren), einmal vergebend (Perspektive übernehmen, Vergebung imaginieren). Das Ergebnis war körperlich: In den Groll-Phasen stiegen Herzfrequenz, Blutdruck, Hautleitfähigkeit und Anspannung der Stirnmuskulatur signifikant; in den Vergebungs-Phasen blieben die Werte ruhig – und die Probanden fühlten sich wohler (Witvliet, Ludwig & Vander Laan 2001). Der Groll bestraft zuerst den, der ihn trägt. Wer dagegen Geduld und Perspektivübernahme übt, schützt das eigene Nervensystem – Vergebung ist dabei kein Gutheißen des Geschehenen, sondern das Loslassen der Dauerlast (vgl. → Artikel „Die Freiheit des Loslassens – Ajahn Chah und Heckhausen“).

Geduld mit Menschen ist dabei die anspruchsvollste Form der Geduld – anstrengender als das Warten auf Umstände (vgl. → Artikel „Die drei Gesichter der Geduld – Schnitker, Mischel und gaman“). Und sie ist keine Einzelleistung: Wer schwierigen Menschen begegnet, reguliert besser in Verbindung als allein (vgl. → Artikel „Innerer Friede ist keine Einzelleistung – Taylor, Coan und die Geburtshelfer des Friedens“).

Diese Geschichte lehrt: Jede Erfahrung, jeder Schmerz und jede Freude formen uns – und selbst „unmögliche“ Menschen können im größeren Bogen eine Rolle spielen, die heute niemand sieht. Raue Tage und schwierige Begegnungen sind transient wie Wellen – sie kommen und gehen.

Praxis: Der ungesendete Brief

Eine Schreibübung nach dem Muster der Vergebungs-Forschung – für eine Person, über die Du seit Längerem grollst (wähle eine mittelschwere Kränkung, keine offene Wunde):

  1. Schreibe ihr einen Brief, der nie abgeschickt wird. Erster Teil: Was geschehen ist und was es mit Dir gemacht hat – ungeschönt.
  2. Zweiter Teil – der Witvliet-Schritt: Wechsle die Loge. Was könnte diese Person damals getrieben, geängstigt, überfordert haben? Du musst nichts entschuldigen; nur verstehen wollen.
  3. Letzter Satz: Entscheide, was Du ablegst – nicht für die Person, sondern für Dein Nervensystem. Dann vernichte den Brief bewusst.

Bei tiefen Verletzungen gilt wie immer: Diese Übung ergänzt professionelle Begleitung, sie ersetzt sie nicht.

Zum Schluss

Was wäre, wenn die schwierigste Person in Deinem Umfeld in fünf Jahren – wie Gollum am Schicksalsberg – ausgerechnet die Rolle spielt, die heute niemand für möglich hält? Du musst es nicht glauben. Aber Gandalf hätte die Möglichkeit offengehalten.

Wie Geduld und Perspektivwechsel in schwierigen Gesprächen tragen, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Quellen:

  • Shakespeare, W.: Macbeth, I,3. (Übersetzung nach Schlegel/Tieck.)
  • Witvliet, C. v. O., Ludwig, T. E. & Vander Laan, K. L. (2001): Granting forgiveness or harboring grudges: Implications for emotion, physiology, and health. Psychological Science, 12(2), 117–123. DOI: 10.1111/1467-9280.00320
  • Tolkien, J. R. R. (1954/55): Der Herr der Ringe. (Handlungsbezug, keine Textzitate.)
  • Das spanische Sprichwort des Originals („Setz dich an den Weg und warte, bis die Feinde vorbeiziehen“) ist überliefert, ohne belegbare Quelle – hier sinngemäß im Wellen-Bild aufgegangen.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

Zusammenfassung: Gandalfs Mitleid mit Gollum rettet am Ende Mittelerde – und Charlotte Witvliets Experimente zeigen die messbare Seite dieser Weisheit: Groll treibt Herzfrequenz, Blutdruck und Anspannung schon beim Daran-Denken nach oben, während imaginierte Vergebung das Nervensystem ruhig hält. Geduld mit schwierigen Menschen ist damit auch Selbstschutz; der ungesendete Brief macht den Perspektivwechsel praktisch übbar.

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut

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