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Zu-ver-sicht – Barrie, Scheier, Carver und das Sehen nach vorn

Last updated on 16/06/2026

Im deutschen Wort Zuversicht steckt ein ganzes Programm: die Sicht – etwas vor sich sehen –, und das Zu – sich darauf zubewegen. Die Optimismus-Forschung von Michael Scheier und Charles Carver gibt dieser Wortarchitektur empirischen Halt: Generalisierte positive Erwartungen verändern messbar, wie Menschen mit Hindernissen umgehen – nicht weil sie die Welt rosiger sehen, sondern weil sie engagiert bleiben, wo andere ausweichen.

„The reason birds can fly and we can’t is simply that they have perfect faith, for to have faith is to have wings.“
— J. M. Barrie, The Little White Bird (1902)

In verkürzter deutscher Form kursiert dieser Satz als „Wer Zuversicht hat, hat Flügel“ – das Original ist länger und schöner: Vögel können fliegen, weil sie vollkommenes Vertrauen haben; denn Vertrauen zu haben heißt, Flügel zu haben. Mich trägt an diesem Bild vor allem das deutsche Wort, das wir dafür haben.

Was im Wort steckt

Zuversicht enthält die „Sicht“ – das Sehen. Zuversicht heißt also zunächst: etwas sehen, das vor mir liegt. Und sie enthält das „zu“ – eine Richtung, eine Bewegung auf etwas hin. Wer zuversichtlich ist, sieht etwas vor sich und geht darauf zu. Das unterscheidet Zuversicht von bloßem Hoffen: Sie ist Hoffnung mit Fahrtrichtung.

Die „Sicht“ trägt noch eine zweite Bedeutung: wirklich sehen – also auch erkennen, dass die Zukunft ungewiss bleibt. Zuversicht ist kein rosa Filter. Sie ist der Entschluss, trotz unvollständiger Sicht loszugehen.

Was die Forschung zeigt

Die Psychologen Michael Scheier und Charles Carver haben dafür den Forschungsbegriff geprägt: dispositionaler Optimismus – die generalisierte Erwartung, dass sich Dinge eher gut entwickeln. Mit ihrem Life Orientation Test machten sie diese Haltung messbar und zeigten über Jahrzehnte: Sie hängt mit aktiverem Umgang mit Schwierigkeiten, besserer Erholung nach Belastungen und günstigeren Gesundheitsverläufen zusammen (Scheier & Carver 1985).

Die Psychologin Suzanne Segerstrom (University of Kentucky) hat die entscheidende Mechanik dahinter herausgearbeitet: Der Vorteil der Zuversichtlichen liegt nicht im schöneren Weltbild, sondern im Engagement. Optimistische Menschen bleiben bei Schwierigkeiten länger dran, statt auszuweichen – sie investieren ihre Aufmerksamkeit in das Problem, nicht in seine Vermeidung (Segerstrom 2006). Das passt exakt zur Wortarchitektur: erst die Sicht, dann das Zu.

Zur Einordnung in die Serie: Zuversicht ist die generalisierte Schwester der Hoffnung, die bei C. R. Snyder aus Zielen, Wegen und Handlungskraft besteht (vgl. → Artikel „Wenn der Winter lang wird – Snyder, ACT und die Architektur der Hoffnung“), und sie braucht den ehrlichen Boden des tragischen Optimismus, der das Schwere nicht weglächelt (vgl. → Artikel zu Frankls Tragischem Optimismus). Und sie hat einen Wahrnehmungs-Zwilling: den vorbereiteten Geist, der Chancen erkennt, wenn sie kommen (vgl. → Artikel „Die Kunst des Wartens – Longfellow, Pasteur und die Serendipität“).

Was das praktisch bedeutet

Aus Erfahrung weiß ich: In Veränderungsphasen ist Zuversicht keine Charakterfrage, sondern eine Führungsaufgabe. Teams brauchen beides – ein Bild, das vor ihnen liegt (die Sicht), und erlebbare erste Schritte darauf zu (das Zu). Wer nur Visionen malt, erzeugt Skepsis; wer nur Schritte verordnet, erzeugt Pflicht. Zuversicht entsteht, wo beides zusammenkommt.

Wie dieses Zusammenspiel in Gesprächen gelingt – Zukunftsbilder konkret machen, ohne die Ungewissheit zu leugnen –, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Praxis: Best Possible Self – die Imaginationsübung

Die Psychologin Laura King hat eine der am besten untersuchten Zuversichts-Übungen entwickelt (King 2001): Stell Dir an drei Abenden hintereinander für etwa fünf Minuten lebhaft Dein Leben in einigen Jahren vor – unter der Annahme, dass sich das, woran Du arbeitest, so gut wie möglich entwickelt hat. Beruflich, privat, gesundheitlich: Was siehst Du konkret? Wer ist dabei, wie sieht ein gewöhnlicher Dienstag aus? Wenn Du magst, notiere danach ein paar Stichworte. In Kings Studie steigerte schon das Schreiben über das „bestmögliche Selbst“ das Wohlbefinden – und war dabei deutlich leichter als das Schreiben über Belastendes. Die Übung malt keine Garantien. Sie baut Sicht – und aus Sicht wird Richtung.

Zum Schluss

Barries Vögel fliegen, weil sie Vertrauen haben. Die moderne Brechung dazu: Flügel wachsen nicht vom Hoffen allein – sie wachsen vom Sehen und Losgehen. Zuversicht ist beides in einem Wort.

Quellen:

  • Barrie, J. M. (1902): The Little White Bird. Hodder & Stoughton, London.
  • Scheier, M. F. & Carver, C. S. (1985): Optimism, coping, and health: Assessment and implications of generalized outcome expectancies. Health Psychology, 4(3), 219–247.
  • Segerstrom, S. C. (2006): Breaking Murphy’s Law: How Optimists Get What They Want from Life – and Pessimists Can Too. Guilford, New York.
  • King, L. A. (2001): The health benefits of writing about life goals. Personality and Social Psychology Bulletin, 27(7), 798–807. DOI: 10.1177/0146167201277003

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Zusammenfassung: Im Wort Zuversicht stecken Sicht (etwas vor sich sehen) und Zu (sich darauf zubewegen) – eine Architektur, die die Optimismus-Forschung von Scheier und Carver empirisch stützt und deren Mechanik Suzanne Segerstrom benennt: Zuversichtliche sind nicht realitätsblinder, sondern bleiben bei Schwierigkeiten engagiert, statt auszuweichen. Laura Kings Best-Possible-Self-Übung macht diese Haltung trainierbar: erst Sicht aufbauen, dann losgehen.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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