Last updated on 16/06/2026
Die Kinder ziehen aus, der Ruhestand beginnt, eine Ehe endet, eine Bühne schließt sich – und plötzlich ist es still. Die Soziologin Helen Rose Fuchs Ebaugh hat in 185 Interviews gezeigt: Der Ausstieg aus einer prägenden Rolle verläuft in erkennbaren Phasen, und die schwerste ist das „Vakuum“ dazwischen. Wie gut wir diese Stille überstehen, hängt messbar davon ab, wie viele Identitäten wir neben der verlorenen Rolle besitzen.
Dem Daodejing wird der Satz zugeschrieben: „Die größte Offenbarung ist die Stille.“ In dieser Form findet er sich dort allerdings nicht wörtlich – am nächsten kommt ihm das Bild „Der größte Klang ist klanglos“ (大音希聲, Kapitel 41), über das ich in der Serie schon einmal geschrieben habe (vgl. → Artikel „Wenn Langeweile lehrt – Sandi Mann und das Default Mode Network“). Mich interessiert heute eine andere Stille als die der Meditation: die Stille, die ungefragt einzieht, wenn eine Lebensrolle endet.
Es gibt Lebensphasen, in denen sich die Richtung plötzlich oder allmählich ändert: Kinder, die ausziehen. Langjährige Mitarbeitende, die in den Ruhestand wechseln. Eine Kündigung. Eine Trennung nach scheinbar glücklicher Ehe. Ein Star, der aus dem Rampenlicht tritt. Eben war das Leben noch voll – Fürsorge, Meetings, Projekte, Begegnungen. Und auf einmal: niemand mehr, für den gekocht wird; keine Termine mehr; oft niemand mehr zum Reden. Diese Stille kann überwältigen.
Was die Rollenausstiegs-Forschung zeigt
Helen Rose Fuchs Ebaugh kennt ihren Forschungsgegenstand von innen: Sie war katholische Ordensschwester, bevor sie Ehefrau, Mutter und Soziologieprofessorin wurde. In Becoming an Ex (1988) hat sie 185 Menschen interviewt, die eine prägende Rolle verlassen hatten – Ruheständler:innen, Geschiedene, Ausgestiegene aller Art. Ihr Befund: Rollenausstiege folgen einem Muster – erste Zweifel, das Abwägen von Alternativen, ein Wendepunkt, und dann die vielleicht wichtigste und am meisten unterschätzte Phase: das Vakuum, in dem die alte Identität nicht mehr trägt und die neue noch nicht existiert. Entscheidend ist ihre Pointe: Eine „Ex-Rolle“ verschwindet nicht – sie wird Teil der neuen Identität. Die Frage ist nicht, ob wir die alte Rolle mitnehmen, sondern wie.
Peggy Thoits (Soziologin, Indiana University) hat den zweiten Baustein geliefert: ihre Identitäts-Akkumulations-Hypothese. In Längsschnittdaten zeigte sie, dass Menschen mit mehreren sozialen Identitäten – Beruf, Familie, Freundschaften, Engagement, Lernen – psychisch stabiler sind als Menschen, deren Selbst an einer einzigen Rolle hängt (Thoits 1983). Wer nur „die Mutter“, nur „der Manager“ oder nur „der Star“ war, verliert mit der Rolle fast alles. Wer mehrere Stränge hat, verliert einen – und steht auf den anderen.
Zwei Wege aus der Stille
In meinen Erfahrungen begegnen mir in solchen Übergängen zwei Bewegungen. Die eine führt ins Dunkel: sich verhärten, dem Vergangenen nachtrauern, im Gedankenkreisen versinken – die Forschung zur Rumination zeigt, wie schnell stilles Grübeln sich selbst verstärkt (vgl. → Artikel „Das Gänseblümchen im Asphalt – wie Aufmerksamkeit für Kleines Rumination unterbricht“). Wichtig ist mir dabei: Wenn diese Schwere anhält und sich wie Hoffnungslosigkeit anfühlt, ist professionelle Unterstützung kein Umweg, sondern ein guter Weg.
Die andere Bewegung nutzt die Stille als Baustelle: Wer bin ich – jenseits der Rolle, die gerade endet? Was an mir war immer schon da und hat im Rollenlärm keinen Platz gehabt? Ebaughs Forschung macht Mut, weil sie zeigt: Das Vakuum ist eine Phase, kein Endzustand. Und Thoits‘ Befund macht die Richtung konkret: Es geht darum, Identitätsstränge zu flechten – nicht erst, wenn die Stille da ist, am besten schon vorher (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs“).
Was das praktisch bedeutet
Auch beruflich lohnt dieser Blick: Wer Mitarbeitende in den Ruhestand, in neue Rollen oder aus auslaufenden Projekten begleitet, begleitet immer auch einen Identitätsübergang – nicht nur einen Kalenderwechsel. Ein Übergabegespräch, das nur Aufgaben regelt und die Rolle nicht würdigt, lässt den wichtigeren Teil unbearbeitet. Wie solche Gespräche gelingen, in denen auch das zur Sprache kommt, was endet, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Praxis: Das stille Fenster mit zwei Fragen
Ein Wochenend-Experiment. Blocke Dir zwei Stunden ohne Input – kein Bildschirm, keine Musik, kein Buch; ein Spaziergang oder ein Sessel genügen. Nimm genau zwei Fragen mit und ein Blatt für danach:
- Welche meiner Identitäten trägt gerade? Liste danach alle Stränge auf, die Dich ausmachen – beruflich, privat, im Verborgenen. Markiere, welche davon zuletzt Nahrung bekommen haben und welche verkümmern.
- Welcher Strang verdient den nächsten Faden? Wähle einen vernachlässigten Strang und lege eine einzige kleine Handlung für die kommende Woche fest – ein Anruf, eine Anmeldung, eine Stunde.
Wenn die Stille unangenehm wird: Das ist kein Scheitern, sondern Teil der Übung. Sie zeigt nur, wie laut es vorher war.
Zum Schluss
Was wäre, wenn die nächste stille Phase in Deinem Leben kein Loch wäre, sondern ein Rohbau – und Du heute schon entscheiden könntest, welche Wände Du dann ziehst?
Quellen:
- Ebaugh, H. R. F. (1988): Becoming an Ex: The Process of Role Exit. University of Chicago Press, Chicago.
- Thoits, P. A. (1983): Multiple identities and psychological well-being: A reformulation and test of the social isolation hypothesis. American Sociological Review, 48(2), 174–187. DOI: 10.2307/2095103
- Laozi: Daodejing, Kapitel 41 (大音希聲). Deutsche Standardausgabe: Richard Wilhelm (1911). Das Epigraph-Zitat („Die größte Offenbarung ist die Stille“) ist eine freie, populäre Wiedergabe und so im Werk nicht wörtlich belegt.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung
Zusammenfassung: Wenn eine prägende Lebensrolle endet – Auszug der Kinder, Ruhestand, Trennung –, beginnt nach Helen Ebaughs Rollenausstiegs-Forschung ein Vakuum zwischen alter und neuer Identität, dessen Bewältigung nach Peggy Thoits‘ Identitäts-Akkumulations-Hypothese messbar davon abhängt, wie viele Identitätsstränge ein Mensch neben der verlorenen Rolle besitzt. Die Stille danach ist deshalb kein Loch, sondern eine Baustelle: Wer Identitätsstränge pflegt – am besten schon vor dem Übergang –, steht beim Rollenverlust auf den verbleibenden.


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