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Motivation kann man nicht erzeugen – Judith Harackiewicz, Rolf Arnold und die Hebammenkunst der Führung

Last updated on 16/06/2026

Niemand kann Motivation „machen“ – aber man kann die Bedingung herstellen, unter der sie entsteht: In einem randomisierten Feldexperiment von Chris Hulleman und Judith Harackiewicz genügte es, dass Schüler:innen mehrmals im Halbjahr selbst aufschrieben, wozu der Lernstoff in ihrem Leben nützlich ist – Interesse und Noten stiegen messbar, am stärksten bei denen, die wenig von sich erwarteten (Science, 2009). Nicht die Lehrkraft hat motiviert. Sie hat den Sinn finden lassen.

Die Leitfrage vieler Führungskräfte lautet: Ist Motivation machbar? Kann ich Motivation erzeugen? Die Antwort ist eindeutig – und sie ist ein hartnäckiger Mythos: Niemand kann Motivation „machen“. Es ist wie die Aufforderung an eine Lehrerin: „Machen Sie doch einmal, dass das Kind Mathe kann.“ Fakten kann man vermitteln, Lernen kann man fördern – verstehen und anwenden kann nur der Lernende selbst. Und zwar dann, wenn er den Sinn erkennt, sich das Wissen anzueignen.

Ermöglichen statt erzeugen

Aus meinem Master bei Rolf Arnold habe ich dafür das präziseste Begriffspaar mitgenommen: Erzeugungsdidaktik gegen Ermöglichungsdidaktik. Die Erzeugungslogik glaubt, Lernen (und Motivation) ließen sich beim Gegenüber herstellen wie ein Werkstück – Input rein, Verhalten raus. Die Ermöglichungslogik weiß: Aneignung ist ein Eigenprozess. Was ich als Erwachsenenbildnerin gestalten kann, ist der Rahmen – praxisnah, anschlussfähig an das, was der Mensch erreichen will (vgl. → Artikel „Worte, Wahrnehmung, Wirklichkeit“). Als Mitarbeiterin gehe ich die Extrameile, wenn ich den größeren Zweck meines Handelns verstanden habe – wenn mein Tun für jemanden einen echten Mehrwert bringt.

Was die Forschung dazu sagt

Drei Stränge stützen das – und einer macht es überraschend konkret:

  • Intrinsisch vor extrinsisch: Motivation aus Interesse und innerem Antrieb trägt nachhaltiger als Belohnung und Druck von außen; Autonomie ist dabei ein psychologisches Grundbedürfnis (vgl. → Artikel „Hochmotivierte Menschen“ zur Selbstbestimmungstheorie und → Artikel „Der Eltern-Parkplatz“ zur Autonomie in der Führung).
  • Herzbergs Zwei-Faktoren-Lehre: Unzufriedenheit beseitigen erzeugt noch keine Motivation – Hygienefaktoren und Motivatoren sind zwei verschiedene Baustellen (Herzberg 1968).
  • Die Nützlichkeits-Intervention: Das Feldexperiment von Chris Hulleman und Judith Harackiewicz (University of Wisconsin–Madison) ist der empirische Schlüssel: Neuntklässler:innen schrieben drei- bis fünfmal pro Halbjahr kurz auf, wozu der aktuelle Stoff in ihrem Leben oder dem von Freunden nützlich sein könnte – im Original: die Intervention „encouraged students to make connections between their lives and what they were learning“. Ergebnis: signifikant mehr Interesse und bessere Noten, am deutlichsten bei Schüler:innen mit niedriger Erfolgserwartung (Hulleman & Harackiewicz 2009). Entscheidend: Den Sinn formulierten die Lernenden selbst. Vorgesagte Relevanz wirkt nicht – gefundene wirkt.

Die Führungskraft als Hebamme

Damit bin ich bei meinem Bild: Die Führungskraft ist maximal die Hebamme der Motivation. Eine Hebamme bringt das Kind nicht zur Welt – sie unterstützt die Gebärende aktiv, bis die Geburt vollzogen ist. Das Bild ist älter als jede Führungslehre: Sokrates nannte seine Gesprächskunst Mäeutik, Hebammenkunst – er gebar keine Gedanken für andere, er half ihnen, ihre eigenen zur Welt zu bringen (sinngemäß nach Platon, Theaitetos 148e–151d). Übertragen heißt das: Hat ein Mensch den Sinn eines Ziels für sich verstanden, darf sich die Führungskraft zurückziehen – das Resultat liefert er allein.

Praxis: Die Nützlichkeits-Notiz

Eine Schreibübung, direkt aus der Harackiewicz-Forschung übersetzt: Wähle die Aufgabe, die Du diese Woche am liebsten verschieben würdest. Schreibe fünf Minuten lang – ohne Anspruch an Stil – wozu diese Aufgabe nützlich ist: für Dich, für einen konkreten Menschen, für etwas, das Dir wichtig ist. Keine Fremdbegründungen („mein Chef will das“), nur eigene. Wenn Du führst: Gib diese Übung weiter, statt die Begründung zu liefern – die Wirkung entsteht beim Selbst-Formulieren.

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell kann die sokratische Rolle übernehmen, wenn Du sie ihm ausdrücklich gibst: Bitte es, Dir zu einem Lernthema oder einer zähen Aufgabe nur Fragen zu stellen – keine Antworten, keine Zusammenfassungen – bis Du selbst formuliert hast, wozu Dir die Sache dient. Das dreht die übliche Nutzung um: Statt sich Sinn liefern zu lassen, wird er hervorgefragt. Brich ab, sobald die KI doch ins Erklären rutscht – die Hebamme gebärt nicht selbst.

Zum Schluss

Wo hast Du zuletzt versucht, jemanden zu motivieren – und was hätte sich verändert, wenn Du stattdessen nur die eine Frage gestellt hättest: „Wozu könnte das für Dich gut sein?“

Wie Sinn und Haltung in Gesprächen über Ziele wirken, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).

Quellen:

  • Hulleman, C. S. & Harackiewicz, J. M. (2009): Promoting interest and performance in high school science classes. Science, 326(5958), 1410–1412. DOI: 10.1126/science.1177067
  • Herzberg, F. (1968): One more time: How do you motivate employees? Harvard Business Review, 46(1), 53–62.
  • Arnold, R. (2017): Ermöglichungsdidaktik – die notwendige Rahmung einer nachhaltigen Kompetenzreifung. In: Erpenbeck, J. & Sauter, W. (Hrsg.): Handbuch Kompetenzentwicklung im Netz. Schäffer-Poeschel, Stuttgart.
  • Platon: Theaitetos, 148e–151d (Mäeutik; sinngemäß wiedergegeben).

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Zusammenfassung: Motivation lässt sich nicht erzeugen, nur ermöglichen – das Science-Feldexperiment von Hulleman und Harackiewicz (2009) zeigt, dass Interesse und Leistung steigen, wenn Menschen den Nutzen einer Sache selbst formulieren, nicht wenn er ihnen vorgesagt wird. Die Führungskraft ist Hebamme der Motivation: Sie stellt die Sinn-Frage und zieht sich dann zurück.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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